Marburg spricht

Vorurteile abbauen, sozialen Zusammenhalt steigern

„Marburg spricht“: Die Geschäftsführerin der Oberhessischen Presse, Ileri Meier (von links), Poetry-Slammer Lars Ruppel, Oberbürgermeister Thomas Spies und Stadtverordnetenvorsteherin Elke Neuwohner im Erwin-Piscator-Haus.

„Marburg spricht“: Die Geschäftsführerin der Oberhessischen Presse, Ileri Meier (von links), Poetry-Slammer Lars Ruppel, Oberbürgermeister Thomas Spies und Stadtverordnetenvorsteherin Elke Neuwohner im Erwin-Piscator-Haus.

Marburg. Es war ein erster Versuch, aber es kann gut sein, dass es weitere Auflagen von „Marburg spricht“ in den kommenden Jahren geben wird. Hochzufrieden äußerten sich die insgesamt rund 170 Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach der ersten Auflage, die am Sonntag (4. Juli) in und vor dem Erwin-Piscator-Haus stattfand. Zeit online, Stadt Marburg und Oberhessische Presse als Veranstalter hatten versucht, anhand von Fragebögen Menschen mit möglichst unterschiedlichen Meinungen zum Gespräch, zu einer Art politischen Date, zusammenzubringen.

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So wie den Marburger Franz Xaver Brock, aktiv in der katholischen Kirche und im Rentenalter, und seinen Gesprächspartner, ein evangelischer Theologe aus Großbritannien. Die beiden hatten einen gemeinsam Hintergrund – umso interessanter die Diskussionen, die sie führten, etwa ums „Gendern“. Diese derzeit wohl umstrittenste gesellschaftliche Frage sahen beide durchaus unterschiedlich, und sie kamen im anschließenden Gespräch mit der OP auch immer wieder darauf zurück – das Thema ließ beiden keine Ruhe.

Marburg spricht im Erwin-Piscator-Haus.

Marburg spricht im Erwin-Piscator-Haus.

„Wir hatten aber ähnliche Anliegen und ähnliche Auffassungen von Gerechtigkeit“, resümierte Brock. Geblieben ist, dass beide nach dem Gespräch ihre Kontaktadressen austauschten und offen ließen, ob sie sich vielleicht zu einem weiteren Gespräch verabreden.

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Mehr zufällig war das Aufeinandertreffen von Peter Reckling und Johannes Linn. Reckling, Befürworter der Windenergie, traf in Linn auf einen entschiedenen Gegner. Die beiden kamen zusammen, weil der jeweils vorgesehene Gesprächspartner ausgefallen war, und hatten natürlich sofort ihren Gesprächsstoffe gefunden. Beide sagten hinterher, es habe ihnen zumindest ein anderes Bild über den anderen gegeben. Auch wenn sie sich in der Sache nicht einigen konnten, ist damit ein Ziel des politischen Datings erreicht: Man lernt den anderen als Person kennen, lernt seine Haltung besser zu verstehen und zu respektieren. Auch Reckling und Linn bleiben in Kontakt, schicken sich gegenseitig Bilder von der Veranstaltung zu. „Erstaunlich, dass wir so miteinander reden können“, sagte Reckling.

Marburg spricht im Erwin-Piscator-Haus.

Marburg spricht im Erwin-Piscator-Haus.

Philip Faigle ist einer der Gründungsväter von „Deutschland spricht“, dem Vorbild für Marburg spricht. Er räumt ein, dass es noch keine wissenschaftlich abgesicherten Erkenntnisse über die Wirkung von Gesprächen gibt. Die Erfahrungen von Zeit online sind aber: Vorurteile werden abgebaut, der soziale Zusammenhalt wächst, die Meinungsverschiedenheiten aber bleiben. Was aber auch gar nicht schlimm ist: „Unterschiedliche Überzeugungen sind Teil der pluralistischen Gesellschaft.“

Das beginnt in den Parlamenten, und hier hatte Stadtverordnetenvorsteherin Dr. Elke Neuwohner erfreuliches zu berichten: Seit ihrem Amtsantritt im Frühjahr hat sie das kleine Glöckchen, mit dem sie Abgeordnete bei überbordenden Diskussionen zur Ordnung rufen kann – ein Geschenk ihrer Vorgängerin Marianne Wölk –, noch nicht einsetzen müssen. Mag sein, hofft die Grünen-Politikerin, dass in der Stadtverordnetenversammlung das aktive Zuhören wieder in Mode kommt und eine Atmosphäre entsteht, in der man sich austauscht und über den eigenen Tellerrand hinausschaut.

Themen sollen von allen Seiten beleuchtet werden

„Wenn eine Stadt zusammenhalten soll, muss man möglichst viele Menschen zusammenbringen, die zusammen reden – auch wenn sie nicht die gleiche Meinung vertreten“, sagt Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies. Voraussetzung dazu ist, sagt Ileri Meier, Geschäftsführerin der Oberhessischen Presse, dass Themen aufgearbeitet und von allen Seiten beleuchtet werden – nur so kann die Grundlage für demokratische Meinungsbildung entstehen.

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Marburg spricht im Erwin-Piscator-Haus.

Marburg spricht im Erwin-Piscator-Haus.

Moderator Lars Ruppel, eigentlich bekannt als Poetry-Slammer, setzte die Messlatte da ein wenig höher: „Wir versuchen Grenzen zu überwinden“, sagte er, und: „Gespräche machen uns zu Menschen.“ Wie gute Gespräche gelingen können, skizzierten die Sprechwissenschaftlerinnen Eva-Maria Gauß und Kati Hannken-Illjes, Initiatorinnen von „Marburg im Gesprächsgarten.“ Wichtige Erkenntnis jedenfalls einer Gesprächsteilnehmerin: „Man hat eine starke Meinung, wenn man die Meinung des anderen akzeptieren kann.“

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