Bürgermeister-Wahl

Auch die neue ist keine Parteibrille

Neue Brille, alter Bekannter: Peter Kremer strebt als parteiloser Kandidat seine zweite Amtszeit als Bürgermeister der Stadt Gladenbach an.

Neue Brille, alter Bekannter: Peter Kremer strebt als parteiloser Kandidat seine zweite Amtszeit als Bürgermeister der Stadt Gladenbach an.

Gladenbach. Eines hat Peter Kremer den drei anderen Kandidaten der Bürgermeister-Wahl voraus. Er übt das Amt seit sechs Jahren aus. Im Jahr 2014 schaffte er bei seinem zweiten Anlauf den Sprung ins Rathaus mit 59,3 Prozent der Stimmen im ersten Wahlgang gegen zwei Mitbewerberinnen. Damals unterstützte ihn die SPD, 1996 zog er als Kandidat der Grünen in den Wahlkampf, der für den damaligen Politikneuling ohne Glanz und Gloria endete. Gäbe es bei den Bürgermeisterwahlen eine Fünf-Prozent-Hürde, wäre er schon an dieser gescheitert.

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Doch Kremer entmutigte dieser Start in sein neues Hobby nicht, in das er sich seitdem mehr und mehr vertiefte. War es zu Beginn noch „die Frische der Grünen-Fraktion“, die den späteren Fraktionsvorsitzenden begeisterte, fand er nach dem Bruch der Symbiose bei den Sozialdemokraten ein neues Betätigungsfeld. Als deren stellvertretender Fraktionschef rief er zum Beispiel die Aktion „Fraktion vor Ort“ ins Leben, ließ sich von den Sozialdemokraten für die Bürgermeisterwahl 2014 unterstützen. Doch für den diesjährigen Wahlkampf erhält der 58-Jährige Hilfe aus einer anderen politischen Richtung: Die CDU spricht sich für seine Wiederwahl aus.

Mit dieser Aussage der Christdemokraten hat das neue Erscheinungsbild des gebürtigen Wallauers aber nichts zu tun. „Ich hatte nie eine Parteibrille auf der Nase“, sagt Kremer und auch kein Parteibuch in der Tasche. Das soll auch so bleiben, denn Kremer will der unabhängige Bürgermeister aller Gladenbacher sein, egal welcher politischer Richtung. Dieses nach der Wahl verwirklichte Bekenntnis trübte die Zusammenarbeit mit der SPD ein, meint Kremer, was ihm den Start ins Amt nicht erleichterte.

„Ich liebe diesen Beruf“

„Ich musste viel lernen und anerkennen, dass die Realität anders ist, als sich das viele, so auch ich, vorstellen“, sagt Kremer. Einem Bürgermeister seien in seinem Amt enge Grenzen gesetzt. Ohne eine Mehrheit in den politischen Gremien der Stadt „kann nicht viel Wesentliches entstehen“. Und als Chef der Stadtverwaltung stieg der gelernte Fliesenleger sowie Groß- und Außenhandelskaufmann in einen „komplett neuen Beruf“ ein. Für ihn begann im Verwaltungswesen ein sechsjähriger Lernprozess, „der wohl nie aufhört“. Dennoch: „Ich liebe diesen Beruf.“ Kein Wunder also, dass er meistens die Treppe zu seinem Büro im Rathaus erklimmt.

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Weiterhin erschwerend kam bei seinem Amtsantritt die „katastrophale Situation der Stadt“ hinzu. Mehr als zwölf Millionen Euro an Kassenkrediten, also kurzfristig zurückzuzahlende Schulden, waren abzubauen. Dies gelang mithilfe des Schutzschirm-Programms des Landes Hessen, schränkte jedoch viele Jahre lang die Handlungsfähigkeit der Stadt erheblich ein. Derzeit nutzt Gladenbach ein weiteres Landesprogramm, kann die Verpflichtungen der Hessenkasse aber wohl vorzeitig erfüllen.

Hoffnung auf mehr gestalten als verwalten

Die Ausgangslage in einer weiteren Amtszeit endlich mehr zu gestalten als zu verwalten wären also geschaffen, wenn es nicht neues Ungemach gebe. „Wie sich die Folgen der Corona-Pandemie auf die Finanzen der Stadt auswirken werden, ist noch nicht absehbar“, weiß der Noch-Bürgermeister. Dennoch gilt es in die Zukunft der Stadt zu investieren, ohne die nachfolgenden Generationen über Gebühr zu belasten oder ihnen den Gestaltungsspielraum zu nehmen. Dahinführende Projekte sind zum Teil schon angestoßen, andere sollen noch auf den Weg gebracht werden. Die fehlenden Kindergartenplätze ebenso wie Baugebiete entstehen zu lassen, zählt Kremer auf, aber auch das Gestalten des Marktplatzes und der Bushaltestelle im Zentrum der Stadt sowie neue Flächen für Gewerbeansiedlungen.

Einen Weg, wie das im Zusammenspiel mit der Lokalpolitik gelingen kann, sieht Kremer unabhängig von einer möglichen neuen Konstellation nach der Kommunalwahl im nächsten Jahr in einer „Fraktion Gladenbach“. In einer solchen, nicht öffentlichen Runde, könnten die politischen Entscheidungsträger in wichtigen Zukunftsfragen zu einer gemeinsamen Linie finden. So sei es bei den Kindergartenplätzen auch gelungen, weist Kremer in die Zukunft. In dieser will er auch an sich arbeiten. „Mehr Zeit für Kommunikation nehmen“, sei eine Sache, die er umsetzen wolle. Manche missglückten Gespräche kreide man ihm „nicht ganz zu Unrecht“ an, auch wenn es bei manchen Projekten nicht ganz einfach sei, „den richtigen Zeitpunkt zu finden“.

Mehr Zeit will Kremer, sollte er wieder zum Bürgermeister gewählt werden, auch für sich und seine Familie finden. Neben dem festen Tanztermin mit seiner Ehefrau am Wochenende will Peter Kremer im nächsten Jahr auch wieder mehr mit dem Fahrrad in Wald und Flur unterwegs sein.

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