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Saisongarten Frust über späten Frost wirkt nach
Frust über späten Frost wirkt nach
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17:09 05.11.2017
Nur eine Frucht hängt an diesem Apfelbaum. Auch im hiesigen Landkreis klagen die Obstanbauer über die schlechteste Ernte seit Jahrzehnten. Foto: Thorsten Richter Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Die Blütezeit der Bäume erstreckt sich zwar über mehrere Wochen und die gleiche Sorte blüht, bedingt durch das regionale Klima, in Niedereisenhausen später als in Dreihausen, aber in diesem Frühjahr sorgten Fröste für einen regelrechten Kahlschlag ­unter den Obstblüten. Am heftigsten wirkte sich Ende April eine Frostnacht mit ­Temperaturen bis zu minus 8 Grad aus. Es folgten weitere Nachtfröste, die auch die Spätblüher schädigten.
So berichtet Ewald Achenbach, Vorsitzender des Kreisverbandes Biedenkopf zur ­Förderung des Obstbaues, der Garten- und Landschaftspflege, von extremen Ernteausfällen im Hinterland. Beziffern lasse sich der Schaden zwar nicht, aber nach seinem Kenntnisstand boten beispielsweise die Mostereien der Ortsvereine in Angelburg, Niederdieten Dautphe, Mornshausen/S und Bad Endbach der Bevölkerung und ihren Mitgliedern keine Termine zum Saftpressen an. An manchen Orten sei gar kein Obst geerntet worden. „Die Kollegen in Dautphe hatten Kinder zum Schaupressen eingeladen und mussten sich dafür die Äpfel zusammensuchen“, berichtet er.

Ähnlich erging es dem von ihm geführten Kreisverband anlässlich des Tags der Regionen im Gladenbacher Haus des Gastes: „Auch wir mussten uns die Früchte für unsere Präsentation regelrecht zusammenkratzen. Gleichwohl hatten wir uns viel Mühe gegeben“, sagt er. Die Frustration über die miese Ernte wurde allerdings durch das „zum Teil große Interesse der Ausstellungsbesucher gemildert“, freut sich Achenbach. Vor allem junge Familien interessieren sich wieder für den Obstanbau, berichtet er über die ­vielerorts zu beobachtende Kehrtwende.

"In diesem Jahr gar nichts"

Seine Frustration über die Ernteausfälle will auch Wilfried Tripp nicht verhehlen. Er betreibt die „Mobile Obstverarbeitung Burgwald“. „Die Apfelernte war katastrophal“, bedauert er. Er ist in diesem Jahr mit seiner mobilen Anlage von ­Oberndorf auf seinen eigenen Hof nach Ernsthausen umgezogen. Zur Mosterei konnte man wieder ohne Termin kommen.

Hauptsaison in der Obstverarbeitung ist von Mitte September bis Mitte November. Dann wird vorwiegend Saft aus Äpfeln gepresst. Verarbeitet werden auch Birnen, Quitten und Weintrauben. Für seine Arbeit im Nebenerwerb nahm sich Tripp wieder seinen Jahresurlaub. Doch mangels Obst blieb der größte Teil der Kundschaft aus, und die, die kamen, brachten keine großen Mengen mit. Im vergangenen Jahr wusste er kaum, wie die Arbeit bewältigt werden sollte, und jetzt dieser Einbruch.

Gleichwohl hat er noch für ein paar Nachzügler samstags offen. Der Ernsthäuser hat 1999 eine eigene Obstbaumwiese angelegt, die er hegt und pflegt. „Ich hatte immer Äpfel, Zwetschen und Mirabellen, in diesem Jahr gar nichts“, sagt er. Wer Wert auf Saft oder Apfelwein aus seinen eigenen Früchten lege, dessen Vorräte seien gewiss aufgebraucht. Deshalb hofft Tripp auf viel Arbeit im nächsten Jahr, wenn das Wetter mitspielt.

Ähnlich wie dem Ernsthäuser ergeht es der Kelterei „Die Erpresser“ in Niederweimar. Wegen der gering ausgefallenen Apfelernte bot sie nur samstags und gegebenenfalls freitags Presstermine an. „Die Erpresser“ zählen zu den wichtigsten Zulieferern der Hessischen ­Spezialitätenbrennerei Behlen in Wenkbach. Jürgen Behlen hat sich zwar mit seiner Frau aus dem Unternehmen zurückgezogen, die GmbH ­wurde verkauft, er hat aber noch einen Beratervertrag mit der neuen Geschäftsführung, kümmert sich um die Herstellung von Alkohol aus dem eigenen Getreide und um den Whiskey.

Ein Liter Alkohol aus 100 Kilo Himbeeren

Der Landwirtschaftsmeister und Brenner weiß sehr wohl, welche Auswirkungen solche Ernteeinbrüche auf die Brennerei haben. Die Qualität eines Obstbrandes hänge wesentlich von der Qualität der zur Herstellung verwendeten Früchte ab. Die Brennerei sei nach wie vor bestrebt, hiesiges Obst zu verwenden. „Wir wollen regional bleiben“, betont der frühere Chef. Vom Obst des vergangenen Jahres gebe es zwar einen Vorrat an Destillat, wenn das aufgebraucht sei, werde es schwierig, sagt er und erinnert daran, dass die Ernte in anderen Regionen nicht besser ausgefallen sei als hier.

Jürgen Behlen erklärt: „Aus 100 Kilogramm Himbeeren gewinnt man einen Liter Alkohol.“ Als reiner Brand sei das unbezahlbar, dann koste die Flasche mindestens 1 000 Euro. Aus 100 Kilo Zwetschgen erhalte man 5,5 Liter Brand, aus der gleichen Menge an Äpfeln 3,5 bis 4 Liter, aus 100 Kilo Birnen 4 Liter Brand.

So wie viele erfahrene Obstanbauer aus der Region, ist auch Dr. Norbert Clement zuversichtlich, dass 2018 ein Jahr mit hohen Obsterträgen werden könnte. Zumindest würden viele Obstbäume voller Blüten sein, weiß der Marburger Pomologe (Obstbaukundler), der für den Landkreis auch als Berater für Obst- und Gemüsebau tätig ist. In den Obstbäumen gebe es ein Rückmeldesystem, das nach ertragsschwachen Jahren für vermehrten Blütenansatz sorge, erklärt der Experte – gibt aber zu bedenken, dass späte Fröste den Ernteertrag erneut mindern könnten.

Er schließt nicht aus, dass dies künftig öfter passieren könnte. Nicht zuletzt wegen der milden Winter beginne die Blüte nicht mehr um den 1. Mai, sondern bereits um den 17./18. April. Und in dieser Zeit seien Fröste wahrscheinlicher als zu Beginn des Wonnemonats.

von Hartmut Berge