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Landratswahl 2022 Wie kann der Landkreis attraktiver werden?
Themen Specials Landratswahl 2022 Wie kann der Landkreis attraktiver werden?
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09:59 04.05.2022
Ein Bus fährt auf einer Landstraße. Der Öffentliche Personennahverkehr ist für einige Landratskandidatinnen und -kandidaten ein  wichtiger Punkt, um das Leben im ländlichen Raum zu stärken.
Ein Bus fährt auf einer Landstraße. Der Öffentliche Personennahverkehr ist für einige Landratskandidatinnen und -kandidaten ein  wichtiger Punkt, um das Leben im ländlichen Raum zu stärken. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Die erste von drei Fragen, die alle Landratskandidatinnen und Landratskandidaten der Oberhessischen Presse beantworten mussten, dreht sich um das Leben im ländlichen Raum. Sie lautet: Alle reden davon, dass die ländliche Region gestärkt werden muss, um für junge Familien als Wohn- und auch Arbeitsort attraktiv zu bleiben. Was sind für Sie als Landrat/Landrätin die wesentlichen Themen, die Sie diesbezüglich voran bringen wollen?

Carola Carius (Bündnis 90 / Die Grünen)

Derzeit erleben wir einen erfreulich zunehmenden Zuzug von jungen Familien in den ländlichen Raum. Damit das nicht nur ein Trend bleibt, will ich mich aktiv dafür einsetzen, dass Familie und Beruf besser vereinbar werden. Dazu gehören eine gute Kinderbetreuung sowie vielfältige Freizeitangebote, sei es in Sportverein oder Theatergruppe. Lange Pendelstrecken sind nicht nur klimaschädlich, sie gehen auch zulasten von Familienzeit. Ich will mit den Kommunen Shared-Working-Spaces etablieren und für mehr Homeoffice werben.
Um Bus und Bahn attraktiver zu machen, setze ich mich für ein integriertes Mobilitätskonzept ein, das E-Bike mit Carsharing und dem Überlandbus verbindet und somit größere Flexibilität für Jung und Alt bietet. Wichtig sind mir neben guten Schulen eine flächendeckende Gesundheitsversorgung sowie die Grundversorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs z.B. durch einen Dorfladen wie in Cölbe-Schönstadt.

Anna Hofmann (Die Linke)

In kleineren Gemeinden gibt es immer weniger soziale Infrastruktur. Erst verschwand der Supermarkt, dann Post und Sparkasse. Selbst Arztpraxen sind in vielen Ortschaften nicht mehr vorhanden. Bahn und Busverbindungen sind so schlecht ausgebaut, dass Kinder zu jedem Treffen mit ihren Freunden gefahren werden müssen. Arbeitsplätze gibt es fast ausschließlich in der Stadt und man muss lange pendeln. Gerade bei den explodierenden Energiekosten macht das kleine Kommunen weniger attraktiv für Familien. Die Zukunftsperspektive des ländlichen Raums ist eine bedarfsgerechte öffentliche Daseinsvorsorge: Schaffung von Treffpunkten für Jung und Alt, Dorfläden, gute Bildung und Kinderbetreuung, Gesundheit und Pflege vor Ort, ausgebaute Bahnen und Busse zum Nulltarif und bezahlbarer Wohnraum.
Der Landkreis muss für gleichwertige Lebensverhältnisse sorgen, auch wenn das Geld kostet. Was nützt der ausgeglichene Haushalt, wenn man nichts mehr besitzt?

Sabine Kranz (Freie Wähler)

Zu den wichtigsten Themen gehört die Infrastruktur. Bevor die ländliche Region attraktiv für junge Familien werden kann, braucht man eine flächendeckende Bus- und Bahnverbindung. Danach geht man das Thema Daseinsvorsorge an. Einkaufszentren, ärztliche Versorgung, Kindergärten, Schulen und Ganztagsbetreuungen müssen in der Nähe des Wohnortes angeboten werden. Wohn- und Gewerbegebiete müssen Vorteile für die Ansiedlung von Familien und Firmen bieten. Hier spielen dann Unterstützungen des Landkreises eine große Rolle. Ebenfalls muss man eine offene, soziale und aktive Gemeinschaft in der ländlichen Region schaffen, indem man mehr die Menschen vor Ort einbindet, man das Ehrenamt unterstützt und wertschätzt und man wieder Jung und Alt bei Aktivitäten, Projekten und Vereinsarbeiten verbindet. Dies stiftet Identität und bindet an den Ort. Ebenfalls steigert dies die Lebensqualität und führt zu einem besseren Zusammenleben von Jung und Alt.

Dr. Frank Michler (Bürgerliste Weiterdenken)

Angesichts der geforderten Lieferung schwerer Waffen ins Kriegsgebiet Ukraine ist zu befürchten, dass Presse und Parteipolitiker demnächst vorschlagen, den ländlichen Raum mit Luftschutzbunkern, einer Verteilungsinfrastruktur für Jodtabletten und störungsresistenten Not-Funkverbindungen aufzuwerten – freilich nutzlose Maßnahmen im Falle eines Atomkrieges. Um zu verhindern, dass Deutschland sich noch stärker zur Kriegspartei macht und die Gefahr einer Eskalation zu einem dritten Weltkrieg vergrößert, setze ich mich für einen Stopp aller Waffenlieferungen ins Kriegsgebiet und eine neutrale, vermittelnde Rolle Deutschlands ein. Statt 100 Milliarden € in Rüstung zu stecken, sollte dieses Geld für einen Ausbau des ÖPNV, Radwege, Investitionen in Schienenverkehr und schnelles Internet sowie gute Kinderbetreuung im ländlichen Raum zur Verfügung gestellt werden. Genauso wichtig sind rasch erreichbare Kliniken inkl. Geburtshilfe und Arztpraxen.

Thomas Riedel (FDP)

Wirtschaftsförderung ist ein Schlüsselfaktor, damit Unternehmen vor Ort angesiedelt werden und somit attraktive Arbeitsplätze geschaffen werden. Im Zuge dessen muss aber bezahlbarer Wohnraum gewollt und attraktive Kinderbetreuung sichergestellt werden, gemeinsam mit „bester Bildung“. Wenn der ländliche Raum, und hier insbesondere Marburg-Biedenkopf, weiterhin konkurrenzfähig ist, werden wir gute Chancen haben, in der Konkurrenz um gut ausgebildete Fachkräfte eine führende Rolle zu spielen. Ohne diese Attraktivität und damit fehlende Fachkräfte werden wir mittelfristig unsere Wirtschaft vor Ort nicht am Laufen halten können. Auch aus ökologischer Sicht sollte ein wohnraumnahes Arbeiten möglich sein, das spart Ressourcen, aber auch Lebenszeit der Arbeitenden, indem man Pendeln verhindern kann. Auch benötigen wir ein Mobilitätskonzept, Görzhausen wächst, das Problem der Erreichbarkeit des Standortes belastet die beteiligten Orte.

Jens Womelsdorf (SPD)

Gleichwertige Lebensverhältnisse in Stadt und Land schaffen. Dafür sind Mobilität und Erreichbarkeit zentral. Idealerweise sollte es eine gut vernetzte und integrierte Mobilität geben, Bus (Schnellbusse), Bahn und Fahrrad zu sinnvollen Alternativen für das Auto werden. Schnelles Internet und flächendeckender 4G- und 5G-Mobilfunkstandard sind Teil der Daseinsvorsorge: für das Arbeiten im Homeoffice, für wettbewerbsfähige Unternehmen. Ich will eine Neuaufstellung der Wirtschaftsförderung, die Unternehmen beim Strukturwandel unterstützt und hilft, Arbeitsplätze zu sichern und auszubauen. Aufgaben des Kreises sehe ich bei möglichst wohnortnahen Schulen, dem Ausbau von Ganztagsangeboten, bei bezahlbarem Wohnraum, der Stärkung von genossenschaftlicher Energieproduktion und Nahversorgung, bei multifunktionalen Häusern, einer gut erreichbaren medizinischen Versorgung genauso wie bei der Unterstützung des Ehrenamtes, eine Stärke auf dem Land.

Marian Zachow (CDU)

Sechs „B“s: Betriebe. Breitband. Busse. Bahnen. Bioenergie. Bildung. Starke Betriebe brauchen wir, damit die Menschen hier arbeiten können – und nicht pendeln müssen. Für gute Infrastruktur – ob Glasfaser oder ÖPNV, aber auch nachhaltige (bio)-Energiedörfer – arbeite ich hart, weil sich die Menschen nur für´s Dorf entscheiden, wenn all das vorhanden ist. Und wir brauchen Bildung im Dorf: Bei uns gibt es – mehr als in anderen Regionen – viele gute (Dorf-)Schulen. Ich will Ganztag- und Betreuung ausweiten, so dass ein Angebot bis 16.00 oder 17.00 Uhr Familie und Beruf vereinbar macht. Und wir brauchen mehr Flexibilität im Denkmalschutz, damit die historischen Gebäude in unseren Dorfkernen auch für Familien attraktiv umgestaltet werden können. Nicht zuletzt müssen wir die Dorfkerne entwickeln: in jeder Ortsmitte (kostenloses) WLAN, Lademöglichkeiten für Autos und E-Bikes und einen Dorfladen oder wenigstens Regionalautomaten.