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Landratswahl 2022 Wie wird der Landkreis klimaneutral?
Themen Specials Landratswahl 2022 Wie wird der Landkreis klimaneutral?
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09:56 04.05.2022
Solaranlagen auf der Sporthalle im Georg-Gaßmann-Stadion in Marburg. Pläne zur Klimaneutralität sind im Vorfeld der Landratswahl von zentralem Interesse.
Solaranlagen auf der Sporthalle im Georg-Gaßmann-Stadion in Marburg. Pläne zur Klimaneutralität sind im Vorfeld der Landratswahl von zentralem Interesse.  Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Die zweite von drei Fragen, die alle Landratskandidatinnen und Landratskandidaten der Oberhessischen Presse beantworten mussten, dreht sich um die angestrebte Klimaneutralität des Landkreises. Sie lautet: Der Landkreis möchte bis 2040 klimaneutral sein. Mit welchen konkreten Projekten wollen Sie als Landrätin/Landrat dazu beitragen, dass dieser Plan gelingt?

Anna Hofmann (Die Linke)

Der Landkreis muss seine 500 kreiseigenen Gebäude mit Solaranlagen ausstatten und energetisch optimieren. Alle Neubauten sollten verpflichtend nach Plusenergiestandard gebaut werden, das heißt 100 Prozent regenerative Energieversorgung und emissionsfreier Betrieb und Abgabe an sauberem Solarstrom an das öffentliche Netz. Zusätzlich müssen Trinkwasserzisternen und Brauchwasseranlagen  genutzt werden. Eine Aussetzung von Wasserlieferungen aus dem Burgwald nach Frankfurt zum Schutz unserer Wälder und Moore ist notwendig. Zusammen mit den Gemeinden und Städten sollten verbindliche Ausbauziele von Solarkraft und Windkraft erfolgen. Stromnetze müssen für die Einspeisung erneuerbarer Energien optimiert werden. Und wir brauchen drastisch weniger Autos: Die Regiotram Mittelhessen zum Nulltarif und Schnellradwege sind die Lösung. Mülltransporte gehören ebenso zurück auf die Schiene.

Sabine Kranz (Freie Wähler)

Ziel muss es sein, keine Interessenkonflikte mehr zu schüren zwischen den Menschen, der Umwelt und der Wirtschaft, sondern dies gemeinsam zu entwickeln, um den Wohlstand der kommenden Generationen und den Lebensraum zu sichern. Es ist unabdingbar, bei den Konzepten die Bürger vor Ort zu beteiligen, zum Beispiel durch Energiegenossenschaften. Mit einer Bürgerbeteiligung und der Unterstützung des Landkreises ist eine dezentrale Energieversorgung gewährleistet. Dadurch erzielt man regionale Wertschöpfung und eine Verringerung der Abhängigkeit von Energieimporten. Zu beachten ist: Windenergie darf keine Waldrodung verursachen. Durch Photovoltaikanlagen dürfen keine fruchtbaren Agrarflächen verloren gehen. Unsere Wälder müssen aufgeforstet werden und die Artenvielfalt muss gefördert werden. Die Infrastruktur für E-Autos muss ausgebaut werden und die Wasserstoffinfrastruktur.

Marian Zachow (CDU)

Ich will bei Bioenergiedörfern und -städten durchstarten und noch mehr Kommunen dafür begeistern. Die Energiegenossenschaft Marburg-Biedenkopf muss Motor für Energieprojekte werden. Vor allem aber muss Politik bei nachhaltiger Energie mehr denn je auch gegen Widerstände Rückgrat zeigen, Klimaschutz gelingt nur mit der Landwirtschaft, bei Biogas oder Photovoltaik (PV). Das darf nicht auf Kosten von landwirtschaftlicher Fläche gehen. PV gehört auf Haus- und Supermarktdächer und nicht auf wertvolle Felder. Aber: Agri-Photovoltaik, die Energie- und Landwirtschaftsnutzung gleichzeitig ermöglicht, könnte eine Option sein. Eine Region, die ihre Arbeitsplätze unter anderem energieintensiven Branchen wie der Metallverarbeitung verdankt, muss helfen, dass diese Unternehmen CO2-neutral wachsen können. Das wird wohl nur mit Wasserstoff möglich sein. Hier muss unsere Region bei Erforschung und Erprobung vorangehen.

Dr. Frank Michler (Weiterdenken Marburg)

„Ohne Frieden ist alles nichts“, heißt es. Militärfahrzeuge benötigen ungeheure Energiemengen, Kriege tragen zur unnötigen Umweltbelastung bei. Auch die weiten Tankerfahrten, die das umweltschädliche US-Fracking-Gas nach Europa bringen sollen, sind klimaschädlich. Daher setze ich mich für einen Stopp von Waffenlieferungen in Kriegsgebiete ein. Computermodelle zur Pandemie-Entwicklung lagen völlig daneben und haben Ängste geschürt, die Politikern „wissenschaftliche“ Rückendeckung für Grundrechtseinschnitte lieferten. Computersimulationen des Weltklimas sind komplexer und anfälliger für Fehler und Missverständnisse. Ich will daher eine internationale Konferenz zur Analyse von Klimamodellen in Marburg initiieren. Die bekannten Energiesparmaßnahmen wie Isolierung von Häusern, Heizungserneuerung, Anschaffung sparsamer Elektrogeräte, Solarenergie und so weiter werde ich fördern.

Thomas Riedel (FDP)

Das größte Potenzial liegt im Einsparen von Energie durch Sanierung von Häusern, Optimierung in den Betrieben und so weiter. Alte Heizungen durch moderne/Wärmepumpen ersetzen. Das kann zum einen durch Förderungen passieren. Die Menschen merken durch die steigenden Energiekosten, dass sich das langfristig lohnen kann – unabhängig vom CO2-Nutzen. Solar aufs Dach – wo immer möglich, am besten in Kombination mit Batteriespeichern. Da nicht ausgeschlossen ist, dass Windkraftanlagen gesundheitsschädlich sind, sollte man diese nicht zu nahe bei Wohngebieten aufstellen – und im Wald schon gar nicht. Weitere drei Arten der erneuerbaren Energien (Wasserkraft, Biomasse, Erdwärme) sollten wir weiter ausbauen. In Bezug auf Energie-Grundlast im Kreis sind wir nicht „Selbstversorger“, somit auf Versorgung von außen angewiesen. Langfristig könnte ein Wasserstoffkraftwerk eine Lösung sein.

Carola Carius (Bündnis 90/Die Grünen)

Für die Klimaneutralität müssen wir mehr tun: im privaten, kommunalen und gewerblichen Sektor, bei Strom, Wärme und Verkehr. Der Landkreis sollte vor allem die Menschen mitnehmen. Ich würde Runde Tische einrichten, an denen der Mehrfachnutzen klimaschonender Maßnahmen herausgearbeitet wird. Der Kreis muss mit gutem Beispiel vorangehen, etwa bei kreiseigenen Gebäuden wie den Schulen oder im ÖPNV. Da Klimaschutz vor allem vor Ort gestaltet wird, muss der Landkreis den Kommunen aktiver helfen, damit bei den erneuerbaren Energien alle Potenziale genutzt werden. Ich möchte die Kommunen bei der Wärmeplanung unterstützen und gemeinsam lokale Strategien für Quartiere, Orts- und Stadtteile oder Straßenzüge entwickeln. Es muss an einer Klimaanpassung gearbeitet werden. Über die Gefahren des Klimawandels muss aufgeklärt und beispielsweise der Katastrophenschutz handlungsfähig werden.

Jens Womelsdorf (SPD)

Wichtig sind messbare Ziele und die kontinuierliche Überprüfung. Wir brauchen Klimaschutz-Aktionsprogramme. Priorität haben Maßnahmen, die effektiv Energie und klimaschädliche Emissionen einsparen: die energetische Sanierung von Schulen und Verwaltungsliegenschaften. Priorität haben Gebäudedämmung, Anschlüsse an Wärmenetze mit regenerativer Wärmeerzeugung, der Ausbau von Photovoltaik und Wärmepumpen. Es muss dort beratend und finanziell unterstützt werden, wo Bio-Energiedörfer, Nahwärme-Genossenschaften entstehen oder Bürger-Windparks selbst aktiv werden. Genauso etwa bei Modellprojekten mit grünem Wasserstoff oder bei der Verstetigung der Solardach-Kampagne. Zentral ist die beratende und finanzielle Unterstützung der Kommunen bei Klimaschutz-Aktivitäten. Die Energiegenossenschaft Marburg-Biedenkopf muss Motor regionaler Erzeugung erneuerbarer Energien werden.