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Extrem-Sport macht Jaana kreativ
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00:15 16.01.2014
Von Marie Schulz
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Marburg

Erst brach ihre Nase, dann ihr Stolz. Der Wille aber, der brach nie. Die Marburgerin Jaana Hein hat zweimal in Folge den Weltmeistertitel im Thaiboxen gewonnen. Bei ihrem ersten Kampf vor drei Jahren jedoch musste sie eine herbe Niederlage und zahllose Schläge einstecken. Eine Lektion, die sie geprägt hat. Bis heute. Brüche und Wunden, so hat sie gelernt, heilen. Niederlagen, so weiß sie seither, schmerzen und stärken zugleich. Sie sind der wahre Antrieb, immer wieder an die eigenen, körperlichen Grenzen zu stoßen.

Tagtäglich macht die 32-Jährige Sport. 1200 Treppenstufen zum Aufwärmen, mehrere Runden im Ring und am Sandsack, ein paar Kraftübungen an den Geräten, zehn Kilometer Joggen für den entspannten Tagesausklang. Disziplin und Leidenschaft, das ist es, was sie antreibt. Beruflich und privat.

Zeit ist Mangelware

Für das Interview mit der Oberhessischen Presse hat sie sich extra Zeit freigeschaufelt. Mangelware in ihrem Leben. Es musste der Sonntag sein. Der Tag, an dem sie die freien Stunden nutzt, um das Essen für die Woche vorzubereiten. An dem sie backt und mit ihrer Familie in Marburg via Skype telefoniert. Der Tag, an dem sie sich ein bisschen Ruhe gönnt. Kraft sammelt für die anstehende Woche.

Denn die 32-Jährige gibt nicht nur sportlich, sondern auch beruflich immer 100 Prozent. Seit Dezember ist sie Leiterin der Film-Produktionsfirma „sisu production“. „Sisu ist ein finnisches Wort und kann mit Leidenschaft oder Willensstärke übersetzt werden. Wenn jemand sisu hat, dann zieht er etwas durch.“

Jaana Hein hat sisu. Und davon nicht zu wenig. Ihr Lebenslauf liest sich wie ein Abenteuerroman. Die Geschichte einer jungen Frau, die einst auszog, um Zufriedenheit zu finden. Abitur - mit 19. Danach Ratlosigkeit. Aus einem Monat in Spanien wurde ein Jahr. Es folgte das Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaften in Wien, ein Stipendium in New York, die erste Festanstellung in Dubai und zu guter Letzt noch eine Weltreise. „Spanien war der Anfang meines verrückten Jahrzehnts“, sagt sie lachend. Ein Jahrzehnt, in dem sie sich selbst veränderte, ihre Ziele klarer definierte und ihren Weg nie aus den Augen verlor. „Ich konzentriere mich mittlerweile auf ein paar Sachen im Leben, die mir wichtig sind. Es geht um Qualität - nicht um Quantität“, erklärt sie ernst.

Innere Ruhe in Toronto

Qualitätszeit, die sie in den Sport investiert. Hier trifft sie ihre Freunde. Hier umgibt sie sich mit Menschen, die ihre Lebenseinstellung und ihre Werte teilen. Hier, in Toronto, ist sie endlich angekommen. Hier hat sie ihre innere Ruhe gefunden,- auch wenn Außenstehende sie nur rastlos rennen, trainieren und arbeiten sehen. „Je mehr Sport ich mache, desto kreativer bin ich. Ich würde manchmal gern einen Schreibblock mit zum Joggen nehmen, um meine Ideen aufzuschreiben“, erklärt sie achselzuckend.

Immer 100 Prozent, immer unter Strom. Erschöpfung - die kennt sie zur Genüge. Aber es gibt einen Unterschied zwischen körperlicher Müdigkeit und dem Gefühl, ausgebrannt zu sein. „Das hatte ich nach zwei Jahren Dubai. Das war eine sehr künstliche Welt. Es hat die Kultur gefehlt“, erinnert sie sich nachdenklich. Jaana Hein kündigte den Job, kam zurück nach Marburg. Tankte Kraft, schmiedete Pläne - und entdeckte in ihrer alten Heimatstadt die Liebe zum Muay Thai.

Vier Jahre ist das nun her, dass sie zum ersten Mal schüchtern im Asia-Zentrum in Marburg anklopfte und ihre erste Trainingseinheit absolvierte. Zwischen der anfänglichen Neugier und dem Amateur-Weltmeistertitel liegt wenig Zeit - für Jaana Hein war es trotzdem ein langer und entbehrungsreicher Weg. „Man muss sich quälen können. Aber irgendwann durchbricht man eine Grenze. Dann ist man mental und physisch im vollen Einklang.“

Mit dem Geld, das sie sich durch ihre Arbeit in Dubai ansparte, machte sie sich mit ihrem Rucksack auf zu einer Weltreise durch Südamerika und Südostasien. Sechs Monate allein blieb sie in Thailand. Um zu trainieren. Um die innere Ruhe wiederzufinden. Um die eigenen Grenzen auszuloten. Sie musste sich der Frage stellen: „Wohin gehen, wenn einem die ganze Welt offensteht?

Marburg ist Heimat, Toronto ist zu Hause

Die Wahl fiel auf Kanada. Toronto. „Marburg ist meine Heimat. In Toronto bin ich aber zu Hause.“ Hier hat sie ihren Lebenspartner, ebenfalls ein Thaiboxer, kennengelernt. Er meckert nicht, wenn sie um sechs Uhr die Laufschuhe anzieht, sondern begleitet sie. Er schimpft nicht, wenn ihr Körper von Blutergüssen übersät ist, sondern pflegt sie. „Von dem Satz, dass Gegensätze sich anziehen, halte ich nichts“, erklärt sie - wohl wissend, dass ihr Termin- und Trainingskalender einen Menschen an ihrer Seite fordert, der ihre Begeisterung und ihre Liebe zum Sport teilt.

Die Trophäen, die sie bei Wettkämpfen in der ganzen Welt gewonnen hat, interessieren sie wenig. „Das sind nur Staubfänger“, sagt Jaana Hein. Stolz ist sie auf die Tatsache, dass sie durch ihre sportlichen Erfolge zu einem Vorbild für Nachwuchs-Kick-Boxer geworden ist. „Sport ist für das Leben richtungsweisend. Gerade für junge Menschen“, sagt sie bestimmt.

von Marie Lisa Schulz

Steckbrief:

Name: Jaana Hein

Schule: Elisabethschule Marburg

Was macht sie jetzt? Sie leitet eine Film-Produktionsfirma in Toronto. Im Frühjahr stehen die ersten Qualifizierungskämpfe für die Thai-Kickboxen-WM an.

Kommt sie noch vorbei? Ja. Mindestens einmal im Jahr besuchst sie ihre Eltern und Freunde in Marburg. Ein Tennis-Match mit Freunden von früher darf dann nicht fehlen.