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Das schaffe ich Wenn Buchstaben Angst auslösen
Wenn Buchstaben Angst auslösen
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Keine Panik – Lesen lernen ist gar nicht so schwer. Auch nicht im Erwachsenenalter. Eine Betroffene erzählt ihre Geschichte in der OP. Quelle: Tobias Hirsch
Marburg

Schreiben ist für sie wie Lotto spielen. Die Chance, dass die Buchstaben am richtigen Platz stehen, ist verschwindend gering. Mit 53 Jahren drückt Carola Schmidt die Schulbank, um richtig Lesen und Schreiben zu lernen. von Marie Lisa Schulz Marburg. In ihrem Kopf sind die Telefonnummern sämtlicher Freunde, Ärzte und Ansprechpartner gespeichert. Den Busfahrplan kennt sie auswendig, einen Einkaufszettel hat sie noch nie geschrieben. Das, was andere nachlesen, versucht sie im Gedächtnis abzuspeichern. Manchmal über Wochen, Monate und sogar Jahre hinweg.

Niemand würde angesichts dieser Leistung behaupten, Carola Schmidt (Name von der Redaktion geändert) sei „dumm“. Und doch hat sie genau das jahrelang selbst so empfunden. Hat das geglaubt, was ihr in der Schule immer und immer wieder eingebleut wurde. Dass sie nicht intelligent sei, chancenlos auf dem Arbeitsmarkt.

Für Prüfungen mit dem Tonband gelernt

Carola Schmidt ist intelligent. Sehr sogar. Sie leidet jedoch unter einer Lese- und Rechtschreibschwäche. Wörter zu erkennen, gleichzeitig deren Bedeutung zu verstehen – all das fiel ihr lange Zeit schwer. Sätze niederzuschreiben hat sie jahrelang einfach vermieden. Die heute 53-Jährige hat Strategien entwickelt, um im Alltag nicht aufzufallen. Sie ist eine Meisterin im Merken, eine Künstlerin, im Eselsbrückenbauen. Die hilfreichste aller Strategie sei es jedoch, sich dem Problem zu stellen. Seit einigen Jahren besucht sie aufeinander aufbauende Alphabetisierungs-Kurse der Volkshochschule.

Mittlerweile liest sie kleine Romane, kann Schreiben an Behörden selbstständig verfassen. Mit dem sichereren Umgang mit der Sprache ist sie selbstbewusster geworden. Ihre Energie verwendet sie nicht mehr darauf, ihren Schwachpunkt zu verbergen, sondern aktiv an ihm zu arbeiten. „Ich habe mich früher immer durchgemogelt. Aber es ist sehr anstrengend die Fassade zu wahren“, erklärt Carola Schmidt.

Mit 17 machte sie ihren Hauptschulabschluss 

Schaffte ihre Prüfungen nur, weil sie vorher den Lernstoff auf Tonband aufgenommen und ihn sich immer wieder eingeprägt hat. „In der Schule wurde ich schnell als dumm abgeschrieben“, erinnert sie sich. Keine besondere Förderung, keine Anerkennung der Lese- und Rechtschreibschwäche. Sie fiel durchs Raster. Abgestempelt. Als dumm verbucht. Und auch auf dem Arbeitsmarkt wollte vorerst niemand etwas von der jungen Frau wissen, deren Lese- und Rechtschreibkenntnisse einfach nicht der Norm entsprachen. Die Erfahrungen mit den Behörden schüchterten Carola Schmidt damals ein.

Die dichtbedruckten Antragsformulare nahm sie einfach mit nach Hause. „Ich habe die Brille vergessen“, lautete ihre Lieblingsausrede. Ihr Bruder half. „Im Familienkreis wussten alle Bescheid. Da war das akzeptiert“, erklärt sie. Carola Schmidt begann eine Lehre als Hauswirtschaftlerin bei der Diakonie. Sie arbeitete hart und gerne. Nur dann, wenn das Telefon klingelte, gefror ihr das Blut in den Adern. Dann bekam sie auf einmal Angst aufzuheben. Was, wenn der Anrufer eine Information verlangte, die sie nachlesen müsste? Was, wenn sie eine schriftliche Notiz hinterlassen soll?

So wie Carola Schmidt geht es vielen, die die Alphabetisierungskurse der Vhs besuchen. Bei Kursleiterin Dr. Anne Börner melden sich Menschen, deren Lese- und Schreibkompetenz „nicht den Mindestanforderungen der Gesellschaft entsprechen.“ Menschen, die sich unsicher in einer Welt bewegen, in der Lesen und Schreiben zur alltäglichen Grundvoraussetzung gehört. Dann, wenn beim Arzt ein Patientenbogen ausgefüllt, beim Einkaufen Ware umgetauscht oder den Kindern etwas vorgelesen werden soll. Überall lauern Schriften, nirgendwo Verständnis für Menschen, die diese nicht entziffern können. „Die meisten kommen in die Kurse, wenn es so gravierend wird, dass es ihnen etwas verbaut“, erklärt Börner. „Wenn jemanden etwas schwer fällt, dann vermeidet er es in der Regel. Und dann verlernt man auch das, was bereits bekannt ist.“

Vorwissen bringen alle Kursteilnehmer mit

Alltagshandlungen werden zum Problem „Sie sind auf unterschiedlichen Stufen im Lese- und Schreibprozess stehen geblieben.“ Manch einem falle es schon schwer, Produktbezeichnung beim Einkaufen zu entziffern. Dann könne es passieren, so Börner, dass statt Zahnpasta Haft-Creme gekauft werde. In dem vhs-Kursen treffen sich Gleichgesinnte. Menschen, deren Leben oftmals auf einem Gerüst aus Ausreden basiert.

Börner weiß: Das Verbessern der Lese- und Schreibfertigkeit braucht Zeit, Geduld und enormen Willen. Aber es spendet auch neues Selbstvertrauen. „Es gehört viel Energie dazu, seine Schwächen zu verbergen.“ Viel mehr, als sich neu zu motivieren und das Problem anzugehen. Carola Schmidt wird den Artikel über sich lesen. Silbe für Silbe, Wort für Wort. Vielleicht wird sie ein bisschen länger brauchen als andere. Vielleicht einige Passagen zweimal lesen müssen. Aber sie wird stolz auf sich sein. Auf sich und ihre Ankunft in der Welt der Buchstaben.

  • Die Stadt Marburg bietet in Kooperation mit dem Landkreis die Alphapetisierungskurse an: Kontakt: Kristine Umland: 06421/201464