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Corona weltweit „Hier gab es bisher kein Corona“
„Hier gab es bisher kein Corona“
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10:00 25.05.2021
Muhammed und Sevgi Özcan leben mit ihren Söhnen Selim und Metehan seit etwas mehr als einem Jahr in Taiwan. 
Muhammed und Sevgi Özcan leben mit ihren Söhnen Selim und Metehan seit etwas mehr als einem Jahr in Taiwan.  Quelle: Privatfoto
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Stadtallendorf

„Hier gab es bisher kein Corona“, sagt der gebürtige Stadtallendorfer Muhammed Özcan, der mit seiner Frau und den beiden Söhnen seit etwas mehr als einem Jahr in Taiwan lebt. Ende April 2020 war er in den ostasiatischen Inselstaat gekommen, sechs Wochen später folgte seine Familie. Sie alle mussten nach der Ankunft zwei Wochen lang in Quarantäne – doch während die Krankheit auf der Welt sich ausbreitete, sei in Taiwan kaum etwas davon zu spüren gewesen, berichtet der 44-Jährige. Eigentlich habe es auch keinerlei Einschränkungen gegeben: „Man musste eigentlich nichts beachten. Es gab immer mal Zeiten, in denen man in Gebäuden Masken tragen musste – aber das war es.“ Statistiken zeigen, dass es in dem 25-Millionen-Einwohner-Land täglich zumeist maximal eine einstellige Anzahl von Neuerkrankungen gab.

Hintergrund ist, dass Taiwan schon im Frühjahr 2020 nach ersten Nachrichten über das Virus aus China handelte, ein Quarantänesystem für Einreisende auf den Weg brachte und zudem mittels eines sogenannten Contact-Tracings dafür sorgte, dass sich die Pandemie im Land nicht ausbreiten kann. Nur mit Aufenthaltsgenehmigung oder Arbeitserlaubnis komme man ins Land, nicht aber als Tourist, so Özcan. Doch seit Mitte Mai breitet sich Corona auch in dem Inselstaat aus. Etwas unter 200 Neuinfizierte kommen täglich hinzu – Piloten sollen das Virus mitgebracht haben. Und obwohl der Ausbruch im Quarantänehotel als eingedämmt galt, verbreitete sich der Erreger in Teehäusern – oft Orte für versteckte Prostitution. Und da die Taiwanesen – während sich der Rest der Welt an coronabedingte Einschränkungen gewöhnt haben – sich kaum mit Vorsichtsmaßnahmen auseinandergesetzt hatten, konnte sich das Virus leicht ausbreiten.

Die Regierung habe aber sofort reagiert, berichtet Özcan. Es gelte Alarmstufe drei, was bedeute, dass Menschen in der Öffentlichkeit Maske tragen müssen (Verstöße kosten um die 400 Euro), Schulen und Kindertagesstätten geschlossen und Zusammenkünfte in Räumen auf maximal fünf Personen begrenzt seien. Mit Sars habe Taiwan Anfang des Jahrtausends schlechte Erfahrungen gemacht, erläutert Özcan, daher reagiere die Regierung rigoros: „Momentan ist der Einfluss aufs Leben noch gering. Man muss halt darauf achten, Maske zu tragen. Aber Stufe vier würde Lockdown bedeuten – den wir hier bisher noch nicht hatten.“ Und so weit werde es auch hoffentlich nicht kommen, betont er.

Gesundheitsminister Chen Shih-chung hat jedenfalls eine tägliche Pressekonferenz angekündigt, um gegen die gängigen Falschinformationen rund um den Virusausbruch aufzuklären. Wie das Redaktionsnetzwerk Deutschland berichtet, gab es bisher auch kaum Impfungen: Lediglich rund 250 000 Menschen hätten sich impfen lassen – die meisten sahen keine Notwendigkeit, da das Risiko lange extrem niedrig war. Nun traf aber rund eine halbe Million Impfdosen in Taiwan ein. Muhammed Özcan war von einem Autozulieferer, der LED-Komponenten und -Module entwickelt und produziert, angeworben worden und arbeitet als Qualitätsdirektor in dem Unternehmen mit rund 1 500 Angestellten (Taiwan ist Headquarter, es gibt aber noch weitere Standorte in China, USA und Deutschland). Er verfügt über eine goldene Taiwan-Karte – also ein Arbeitsvisum, das ihm einen geringeren Steuersatz verschafft. Ein Konzept, um Fachkräfte ins Land zu lotsen, wie er erläutert. Eines Tages jedoch will er mit seiner Frau Sevgi und seinen derzeit 16 und 3 Jahre alten Söhnen Selim und Metehan zurück nach Stadtallendorf kommen. Ein Grundstück hat die Familie bereits verkauft.

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Von Florian Lerchbacher