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Special zur Bundestagswahl 2021
08:58 26.08.2021
Der Höhepunkt der Weso-Besichtigung findet vor dem Hochofen statt. Dort beobachten (von links) SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil, Sören Bartol und Weso-Geschäftsführer Dr. Benedikt Grebner, wie flüssiges Eisen in eine Auffangwanne fließt.
Der Höhepunkt der Weso-Besichtigung findet vor dem Hochofen statt. Dort beobachten (von links) SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil, Sören Bartol und Weso-Geschäftsführer Dr. Benedikt Grebner, wie flüssiges Eisen in eine Auffangwanne fließt. Quelle: Gianfranco Fain
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Gladenbach

Altes Eisen, Koks, Schmelzöfen, große Maschinen, Männer, die schwere Gussteile stemmen und nachbearbeiten – bei Weso, in Gladenbach besser bekannt als Aurorahütte, sind harte, dreckige Knochenjobs immer noch an der Tagesordnung. Nicht alltäglich ist dagegen an diesem Dienstagvormittag der Besuch des heimischen Bundestagsabgeordneten Sören Bartol. Den Sozialdemokraten begleitet bei dieser Reise zu den Ursprüngen der Arbeiterpartei der Generalsekretär der SPD. „Was hier passiert, ist ein wenig aus dem Fokus der Politik geraten“, wird Lars Klingbeil am Ende der Gießereibesichtigung sagen.

Zuvor erfährt der SPD-Generalsekretär am Beispiel einer der drei Gießereien im Bundestag-Wahlkreis 171, in dem Bartol kandidiert, welche Sorgen die mittelständischen Betriebe im Landkreis umtreiben. Die liegen laut Weso-Geschäftsführer Dr. Benedikt Grebner mehr in der Zukunft als in der Gegenwart. Die Auftragslage sei gut, die Aurorahütte so weit ausgelastet, dass die 450 Beschäftigten Sonderschichten einlegen, um Gussteile für Unternehmen wie den Heiztechnik-Hersteller Viessmann, den Traktorenproduzenten John Deere, das Unternehmen Knorr-Bremse oder die Deutsche Bahn herzustellen. Zugleich sei die Zahl der Auszubildenden erhöht worden, um einem drohenden Facharbeitermangel entgegenzuwirken.

Weso wieder eigenständig

Das Geschäft verlaufe in Zyklen, sei sehr stark von der Konjunktur abhängig, die Margen zum Beispiel bei Bremsscheiben niedrig, erläutert Grebner den Politikern. Als Folge erziele die Gießerei in guten Jahren einen Gewinn von bis zu 1,5 Millionen Euro, in schlechten fahre das Unternehmen ein Minus ein. Das stelle für die mittlerweile wieder eigenständige Weso, die nach zwei Besitzerwechseln keinen großen Konzern mehr im Rücken hat, ein Zukunftsproblem dar. Zwar hätten Eisengießereien ein positives Recycling-Image, weil sie Altmetall wiederverwerten, zugleich seien sie aber trotz fortgeschrittener Filtertechniken noch Dreckschleudern.

Und solle das von der SPD anvisierte Verringern von Treibhausgasen bei der Produktion um 65 Prozent bis 2030 und die Klimaneutralität bis zum Jahr 2045 erreicht werden, kämen fossile Brennstoffe nicht mehr in Frage. Die Umrüstung auf elektrisch oder gar wasserstoffbetriebene Öfen sei aber teuer, würde die Weso rund 20 Millionen Euro kosten. Diese Summe finanziere bei der Gewinnmarge der Weso „keine Bank“, erklärt Grebner, dazu brauche das Unternehmen Unterstützung. Denn: „Ohne unsere Gussteile fährt kein Traktor, funktioniert keine Heizung und bremst kein Zug. Werden diese nicht in Gladenbach hergestellt, dann eben in Tschechien oder China zu den dort herrschenden Bedingungen“, verdeutlicht Geschäftsführer Grebner.

Genauso wie sichere Arbeitsplätze sei der SPD die Klimaneutralität wichtig, versichert SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil und fügt an, diese „soll nicht durch Vertreibung erreicht werden“. Sein erster Besuch in einer Eisengießerei habe ihm die politische Dimension deutlich gemacht. Die müsse man in die Überlegungen für die nächsten 20 Jahre berücksichtigen.

Von Gianfranco Fain