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Die Kandidaten „Mit diesem System macht man die Erde kaputt“
Die Kandidaten „Mit diesem System macht man die Erde kaputt“
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Special zur Bundestagswahl 2021
12:00 21.09.2021
Karin Marinello will für die Internationalistische Liste in den Bundestag einziehen.
Karin Marinello will für die Internationalistische Liste in den Bundestag einziehen. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Karin Marinello ist die heimische Direktkandidatin von der Internationalistischen Liste, die mit der Marxistisch-Leninistischen-Partei-Deutschlands ein Bündnis formt. Im OP-Interview wirbt die 70-jährige ehemalige Sozialpädagogin für eine Revolution von links und erklärt, warum der Kapitalismus in ihren Augen die Wurzel allen Übels ist.

Ich hab Sie in meinem Porträt als „radikale Oma“ bezeichnet. Trifft das zu?

(lacht herzlich). Ich bin eine begeisterte Oma und eine radikale Revolutionärin. Ich setze mich radikal ein für eine Welt ohne Ausbeutung. Radikal hat für mich aber nichts mit Gewalt zu tun, sondern bedeutet für mich im Wortsinn, das Übel an der Wurzel zu packen.

Die Wurzel allen Übels ist für Sie der Kapitalismus. Warum?

Weil der Kapitalismus immer den Maximalprofit will und nicht den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Der Kapitalismus bedeutet eine maximale Ausbeutung von Mensch und Natur. Ein Beispiel: Jeder weiß doch, dass es Schwachsinn ist, den Regenwald abzuholzen, um dort Rinderherden zu mästen. Und trotzdem wird es gemacht, weil nur so der Maximalprofit erreicht werden kann. Das ist doch absurd. Mit diesem System macht man die Erde kaputt.

Sie kämpfen seit mehr 50 Jahren für einen radikalen Systemwechsel. Was war die Initialzündung dafür?

Nach meiner Ausbildung zur Kinderpflegerin habe ich Ende der 60er-Jahre Sozialpädagogik in Darmstadt studiert und nebenbei ein Obdachlosenprojekt betreut. Da uns die Stadt partout keine Wohnung bereitstellen wollte, obwohl es schon lange leer stand, haben wir kurzerhand das Stadthaus besetzt. Unser friedlicher Protest hat gewirkt, wir haben die Wohnung bekommen. Da habe ich gemerkt, dass man auf die Straße gehen muss, um etwas zu erreichen.

Sie treten an für eine Partei, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Zu Recht beobachtet?

(lacht). Das kommt drauf an, auf welcher Position Sie stehen. Vonseiten der Herrschenden wird sie zu Recht beobachtet. Vonseiten der Menschen, die sich gegen Ausbeutung und Unterdrückung einsetzen, wird sie nicht zu Recht beobachtet. Und wenn man sich anschaut, welche fatale Rolle der Verfassungsschutz beim NSU-Prozess gespielt hat, halte ich es eher für richtig, wenn man den Verfassungsschutz auflöst.

Ihr Ziel ist die Diktatur des Proletariats, ihr Traum eine klassenlose kommunistische Gesellschaft?

Genau. Diktatur des Proletariats bedeutet, die maximale Demokratie für die Mehrheit der Menschen. Es bedeutet, dass die Mehrheit entscheidet, was produziert wird, wie es produziert wird und wie die Gesellschaft generell organisiert wird, Schulen, Wohnungssituation und so weiter. Der Unterschied ist, dass man von der Bedürfnisbefriedigung für die Mehrheit der Menschen ausgeht und nicht vom Maximalprofit, wie es momentan der Fall ist.

Wie soll eine klassenlose Gesellschaft erreicht werden?

Eine klassenlose Gesellschaft wird erst möglich, wenn sich weltweit der Sozialismus durchsetzt. Und das wird nicht in 10 und auch nicht in 100 Jahren passieren. Es muss vorher ganz viele Auseinandersetzung geben – zum Beispiel gewerkschaftlicher Natur. Die Menschen müssen die Erfahrung machen, dass sie ihre Interessen durchsetzen können. Aber ich habe die Hoffnung, dass ich die Revolution noch erlebe und den Aufbau des Sozialismus.

In kommunistischen Staaten ist es doch immer zu Terror, Willkür und schrecklichen Ungerechtigkeiten gekommen...

Es hat noch gar keine kommunistischen Staaten gegeben, sondern nur Länder im Kampf um den Aufbau des Sozialismus. Der Sozialismus wurde bisher immer verraten von einer kleinen Minderheit in der Staatsführung, die wieder einen Staatskapitalismus aufgebaut hat zur eigenen Bereicherung. Das bedeutet aber nicht, dass man das nicht ändern kann. Der entscheidende Punkt ist, zu analysieren, was falsch gelaufen ist. Trotz aller Verunglimpfung, die heute stattfindet, war die Kulturrevolution von Mao Tse Tung damals der richtige Weg. Es hat sicherlich Entgleisungen gegeben, aber die Hauptseite war, die Menschen herauszufordern, selber aktiv zu werden, Stellung zu nehmen und Fehlentwicklungen in der kommunistischen Partei infrage zu stellen. Und das muss hin zum Sozialismus immer weiter passieren. Die Masse der Menschen muss die Führung infrage stellen. Das ist die einzige Möglichkeit, die Erde zu erhalten.

Aber zeigt das nicht, dass der Kommunismus gar nicht funktionieren kann, weil er von einem idealistischen Menschheitsbild ausgeht, das völlig unrealistisch ist?

Nein, das ist nicht unrealistisch. Natürlich kann nicht einfach der Schalter umgelegt werden und es gibt nur noch selbstlose, aufopferungsvolle Menschen. Es wird noch über einen langen Zeitraum eine intensive Auseinandersetzung geführt werden, wie man das organisiert. Aber sowohl die Flüchtlingskrise 2015, bei der sich Millionen Menschen auf unterschiedlichste Weise für Geflüchtete eingesetzt haben, als auch die große Hilfsbereitschaft nach der Flutkatastrophe vor wenigen Wochen im Westen Deutschlands haben noch einmal bewiesen, dass der Mensch im Grunde solidarisch ist. Der Mensch an sich ist nicht egoistisch. Das Problem ist das System, das prinzipiell auf Konkurrenz aufgebaut ist. Nur der Stärkste kann sich im Maximalprofit durchsetzen. Das lernt man schon im Kindergarten. Das ist aber nicht das, was die Mehrheit der Menschen braucht.

Geben Sie mal ein konkretes Beispiel.

Alles was wir entscheiden, muss dem Wohle aller Menschen dienen. Nicht der Maximalprofit und nicht der Konsum darf im Mittelpunkt stehen, sondern der Mensch und dessen Bedürfnisse. Wir sind eines der reichsten Länder der Erde und trotzdem gibt es bei uns riesige soziale Unterschiede. Die Herkunft und der Bildungsstand der Eltern bestimmt die Zukunft der Kinder. Dass das so ist, ist fast ein Verbrechen an den Kindern. Die Corona-Pandemie hat die sozialen Unterschiede noch einmal verstärkt und die Fehler des Systems aufgezeigt. Für arme Menschen in einer kleinen Wohnung mit Kindern war der Lockdown die Hölle. Es kann doch nicht sein, dass die Lufthansa gerettet wird oder Volkswagen vom Steuerzahler finanzierte Boni ausschütten, aber Klassenräume nicht mit Luftfiltern ausgestattet werden oder Kulturschaffende noch immer auf ihre Staatshilfen warten. Die Corona-Politik hat einzig die Monopolisierung vorangetrieben. Amazon hat das große Geld gemacht und die kleinen Geschäfte sind kaputtgegangen. Der Mensch ist auf der Strecke geblieben.

Warum geht ein Systemwechsel in Ihren Augen nur mit einer Revolution? Wenn es Ihnen um eine bessere Welt für den Menschen geht, ginge das nicht auch etwas moderater mit den Linken oder Grünen?

Wenn es um Themen geht, arbeiten wir ja auch mit anderen Parteien zusammen. Aber die Grünen haben doch schon mit der Startbahn West und vor kurzem auch im Dannenröder Forst gezeigt, dass Sie ihre Ziele verraten. Die Grünen wollen das Klima schützen und dann stellt sich Herr Al-Wazir hin und sagt, wir können als Koalitionspartner da nichts gegen den Bau der Autobahn machen. Der linke Ministerpräsident Thüringens Bodo Ramelow wollte vor fünf Jahren den Verfassungsschutz abschaffen, weil er den Aufbau der NSU toleriert hat, aber nichts ist passiert. Viele Menschen stimmen ja mit unseren Zielen überein, aber die Staatsreligion Nr.1 – der Antikommunismus – verhindert, über das kapitalistische System hinauszudenken. Sowohl die Grünen als auch die Linken wollen den Kapitalismus reformieren, aber der ist nicht reformierbar.

Was erhoffen Sie sich von der Wahl für Deutschland?

Ich erhoffe mir eine wachsende Mehrheit von Menschen, die sagen, so geht’s nicht weiter. Ich habe keinerlei Hoffnung in eine der bürgerlichen Parteien. Selbst in Bundesländern, in denen die Linken oder Grünen in Regierungsbeteiligung sind, wird weiterhin Politik für die Großindustrie gemacht. Die Verflechtungen mit dem Lobbyismus sind überall groß. Deshalb ist jede Stimme für eine bürgerliche Partei eine verlorene Stimme. Jede Stimme für uns ist eine Stimme für eine revolutionäre Alternative.

Von Nadine Weigel