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Die Kandidaten FDP-Kandidat: „Bildung ist der Schlüssel für sozialen Aufstieg“
Die Kandidaten FDP-Kandidat: „Bildung ist der Schlüssel für sozialen Aufstieg“
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Special zur Bundestagswahl 2021
12:00 21.09.2021
Niklas Hannott, Direktkandidat der FDP zur Bundestagswahl, im OP-Interview.
Niklas Hannott, Direktkandidat der FDP zur Bundestagswahl, im OP-Interview. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Mit gerade einmal 25 Jahren kandidiert Niklas Hannott schon für den Bundestag: Er ist der Direktkandidat der FDP im Landkreis. Im OP-Interview spricht der Lehramtsreferendar über seine politischen Überzeugungen und die liberalen Ziele in der Klima- und Bildungspolitik.

Herr Hannott, Sie engagieren sich seit Ihrer Jugend in der FDP und sind Landesvorsitzender der Julis (Junge Liberale). Warum haben Sie sich ausgerechnet für die FDP entschieden?

Die FDP ist die einzige Partei in Deutschland, die nicht einfach nur darauf schaut, welche Regelungen kann ich noch weiter treffen, sondern den Bürger als Individuum in den Vordergrund stellt und darauf schaut: Wie kann ich solche Rahmenbedingungen herstellen, dass sich jeder Einzelne bestmöglich entfalten kann?

Mir war das als Schüler extrem wichtig, dass ich mein Leben so gestalten kann, wie ich es möchte. Der Staat sollte nicht bevormunden, sondern Flügelheber für den eigenen Lebensweg sein – das ist das Grundverständnis des Liberalismus, und darin habe ich mich sofort bei der FDP aufgehoben gehört.

In der öffentlichen Wahrnehmung gibt es ein etwas anderes Bild von der FDP – sie gilt als „Partei der Besserverdienenden“. Stimmt das, oder was haben Sie „Normalverdienern“ anzubieten?

Nein, das stimmt absolut nicht. Ich bin kein Besserverdiener. Ich komme auch nicht aus einer Familie, die man in der Oberschicht oder gehobenen Mittelschicht ansiedeln würde, sondern aus einem ganz normalen Elternhaus. Jeder, der etwas aus seinem Leben machen möchte, der hart arbeitet und aufsteigen möchte, für den Leistung ein Wert ist, mit dem er sich identifizieren kann, ist in der FDP willkommen. Das Klischee der Reichen- oder Eliten-Partei entspricht nicht der Lebensrealität einer Vielzahl unserer Mitglieder und ist außerdem ziemlich altbacken. Das Institut der deutschen Wirtschaft hat ermittelt, welche Partei eigentlich die größten Entlastungen für Bürgerinnen und Bürger möchte. Und wenn man sich das anschaut, kommt heraus, dass die Freien Demokraten für alle Schichten Entlastungen herbeiführen – und sogar im Niedriglohnsegment die stärksten Entlastungen.

Aber wenn ich so wenig verdiene, dass ich keine Steuern zahle, hilft mir eine Steuerentlastung auch nicht.

Wissen Sie, wer beispielsweise den absoluten Spitzensteuersatz zahlt? Das sind unter anderem Kinder, die aus Hartz-IV-Familien kommen und einem 450-Euro-Job nachgehen. Denen bleiben am Ende des Monats ungefähr 170 Euro übrig, was einem De-facto-Steuersatz von ungefähr 80, 85 Prozent entspricht. Ich finde das massiv ungerecht, dass Kinder, die aus einem sozial schwächeren Haushalt kommen, mit am meisten belastet werden, obwohl sie hart arbeiten.

Sie haben relativ geringe Chancen, das Direktmandat zu bekommen, auch auf der Landesliste stehen Sie nur auf Platz 13. Was motiviert Sie trotzdem, Zeit und Kraft in den Wahlkampf zu investieren?

Ich mache keinen Wahlkampf für Posten oder für Ämter, sondern weil ich gerne meine Partei repräsentieren möchte und für die Werte und Inhalte dieser Partei einstehe. Ich kämpfe so dafür, als wenn ich auf Platz eins der Liste stehen würde. Es geht um Überzeugungen, und die sind ziemlich motivierend.

Sollten Sie doch ein Mandat bekommen, wüssten Sie dann schon, wo Sie in Berlin schlafen können?

(lacht) Nee, wüsste ich tatsächlich nicht. Aber ich habe Freunde in Berlin, zur Not haben die bestimmt noch Platz auf der Couch.

Und was wäre dann Ihre erste Gesetzesinitiative als Abgeordneter?

Meine erste Rede würde ich zum Thema Bildungspolitik halten. Und dazu sollte auch die erste Gesetzesinitiative sein. Denn Bildungspolitik ist nicht nur für mich als Lehrer eine Herzensangelegenheit, sondern sie ist auch ein Grundbaustein dafür, dass jeder Mensch so leben kann, wie er oder sie es für richtig hält. Bildung ist der Schlüssel für Partizipation, für Integration in die Gesellschaft, für sozialen Aufstieg. Deshalb müssen wir einen viel stärkeren Schwerpunkt auf die Modernisierung unseres Bildungssystems legen, das stammt zum Teil noch aus dem 19. Jahrhundert. Und wir müssen sehr viel mehr investieren, insbesondere in die digitale Ausstattung von Schulen, in mehr Personal, in Fortbildungen et cetera.

Und dann ist mir noch ein Herzensthema, mit auch der wichtigste Punkt im Programm der FDP, wie ich finde, der Aufbau von Talentschulen. Die besten Schulen sollen gezielt in einem Stadtteil oder einer Gemeinde aufgebaut werden, wo der sozioökonomische Status eher gering ist. Das sind doch die Kinder, die Familien, die die größte Entlastung brauchen und denen heute zum Teil extrem viele Chancen verwehrt werden.

Wie kann es aus liberaler Sicht gelingen, dass Deutschland seine Klimaziele erreicht?

Das wesentliche Ziel ist, dass wir es schaffen, deutlich weniger CO2 und andere Treibhausgase zu emittieren. Das geht durch das System des bereits existierenden europäischen Zertifikatehandels. Jedes Jahr werden Zertifikate ausgegeben und jedes Jahr wird die Zahl der ausgegebenen Zertifikate um einen entsprechenden Faktor reduziert. Unternehmen müssen am Markt miteinander handeln. Wenn sie CO2 emittieren, müssen sie das entsprechend durch den Kauf von Zertifikaten ausgleichen. Die sind aktuell mit einem Preis von über 50 Euro die Tonne ziemlich teuer. Das heißt, Unternehmen wie auch Privatpersonen haben einen Anreiz, möglichst CO2-neutral zu produzieren oder zu konsumieren.

Dadurch entfesseln wir das Innovationspotenzial von ganz vielen klugen Köpfen in unserer Gesellschaft und in unseren mittelständischen Unternehmen. Die haben dadurch einen marktwirtschaftlichen Anreiz, neue Verfahrenstechniken auf den Weg zu bringen. Das heißt, die Kraft des Marktes wird dazu führen, dass wir neue Technologien entwickeln werden, deutlich weniger CO2 emittieren werden. In den Branchen, in denen der EU-weite Zertifikatehandel bereits seit Jahren Anwendung findet, sehen wir klar, dass Einsparziele sogar übertroffen werden, zum Beispiel in der Luftfahrtbranche.

In der Vergangenheit hatte die FDP ein Problem, das auch FDP-Politikerinnen beklagt haben: Sie hatte deutlich mehr männliche Wähler als Wählerinnen. Wie kann die Partei mehr Frauen erreichen?

Ich finde, das ist ein bisschen die falsche Frage, weil ich glaube, es muss vielmehr darum gehen: Wie können sich Parteien so modern aufstellen, dass sie für alle attraktiv sind – unabhängig von Geschlecht, von Herkunft, von Religion, von welchen Merkmalen auch immer. Ich würde da gar nicht nur den Fokus auf die FDP legen, sondern es ist grundsätzlich Aufgabe von Parteien, offen für alle Gesellschaftsgruppen zu sein.

Ja, die FDP hat dort aktuell noch Defizite, an denen wir arbeiten müssen. Der Leitspruch „Du kannst alles werden“ muss auch innerhalb unserer Partei gelten. Das tut er in vielen Bereichen auch, aber ich glaube, gerade auf einer niedrigschwelligen Ebene müssen wir noch viel mehr zu einer Mitmach-Partei werden, in der sich jeder willkommen und repräsentiert fühlt.

Die Union, traditioneller Wunschpartner der FDP, schwächelt. Können Sie sich nach der Wahl eine Ampel-Koalition mit SPD und Grünen vorstellen?

Über Koalitionen sollte man nach der Wahl sprechen. Für uns gibt es keinen natürlichen Koalitionspartner, wir Freie Demokraten sind eine eigenständige Partei. Für uns gibt es ganz klar rote Linien, wie sie auch Christian Lindner benennt. Das betrifft die Achtung der Bürgerrechte sowohl im analogen als auch im digitalen Bereich, das betrifft das Thema Entlastungen von Abgaben und Bürokratie: Deutschland sollte nicht Steuerweltmeister sein, sondern Deutschland hat definitiv das Potenzial, auch Innovationsweltmeister zu werden.

Das betrifft auch das Thema Generationengerechtigkeit: Man kann nicht immer über seine Verhältnisse leben, sondern muss zu einem gesunden Ausgleich von Einnahmen und Ausgaben kommen. Und ich glaube, Deutschland hat aktuell mehr ein Ausgabenproblem als ein Einnahmenproblem. Wir werden nach dem 26. September mit allen demokratischen Kräften Gespräche führen, und dann wird denke ich eine sehr gute Koalition herauskommen, in der auch Freie Demokraten gerne Verantwortung übernehmen.

Von Stefan Dietrich