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Die Kandidaten Die radikale Oma
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Special zur Bundestagswahl 2021
20:00 30.08.2021
Karin Marinello verteidigt mit viel Freude ihre Ideologie.
Karin Marinello verteidigt mit viel Freude ihre Ideologie. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Die Rebellin trägt Blümchenhose und Lachfalten. Karin Marinello ist 70 Jahre alt, lacht viel und will die Welt zu einem besseren Ort machen mit radikal linker Politik. Das Grundübel allen Elends auf der Welt ist für sie der Kapitalismus. Den gilt es abzuschaffen. „Das geht nur durch eine Revolution der Massen“, sagt sie und strahlt dabei.

Seit mehr als 50 Jahren ist Karin Marinello glühende Anhängerin des Sozialismus. Er sei der einzige Ausweg aus allen Krisen, ist sie sich sicher. Die Leidenschaft für extrem linke Politik wurde bei der Hinterländerin bereits in jungen Jahren geweckt. Nach ihrer Ausbildung zur Kindererzieherin studierte das christlich erzogene Mädchen aus dem kleinen Erdhausen Sozialpädagogik an der TU Darmstadt. Nebenbei betreute sie Kinder in einer Obdachlosensiedlung.

Die Stadt Darmstadt habe für das Projekt partout keine Wohnung bereitstellen wollen, obwohl es so viel Leerstand gegeben habe. „Deshalb haben wir kurzerhand das Stadthaus besetzt“, erinnert sich Marinello und zuckt mit den Schultern. Es klappte. Der gewaltfreie Protest hatte Erfolg, Marinello und ihre Kolleginnen bekamen die Wohnung – und tausend Mark für die Einrichtung noch obendrauf.

Für die junge Frau war dies das Schlüsselerlebnis. Für sie war klar, Ungerechtigkeit muss von der Straße aus bekämpft werden, Revolte von unten wirkt. Dennoch begann sie zeitgleich, sich auch gewerkschaftlich zu engagieren, merkte aber schnell: „Der Weg durch die Institutionen ist nicht meins. Bis heute nicht.“ Noch immer steht sie regelmäßig die rote Fahne schwingend vor den Werkstoren von Daimler in Kassel und versucht die Menschen von ihrer Idee zu überzeugen. „Sozialismus heißt für mich von jeher, dass die Mehrheit der Menschen entscheidet, was passieren soll, und ihre Geschicke selbst in die Hand nimmt“, betont die 70-Jährige, die 1972 in den „Kommunistischen Arbeiterbund Deutschlands (KABD)“ eintrat, aus dem sich 1982 die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD) gründete, mit der heute die Internationalistische Liste ein Bündnis formt.

Eine Aufbruchsstimmung

Die MLPD wird vom Verfassungsschutz beobachtet, weil ihre Ziele als verfassungsfeindlich eingestuft werden. „Die Zielsetzungen der MLPD sind durch Aussagen geprägt, die sich gegen wesentliche Bestandteile der freiheitlichen demokratischen Grundordnung richten, und lassen sich in den drei Kernpunkten Revolution, Diktatur des Proletariats und Kommunismus zusammenfassen“, heißt es auf den Seiten des Innenministeriums von NRW.

Bei der sympathischen vierfachen Oma aus dem Hinterland hört sich ihr Traum von einer besseren Welt nicht staatszersetzend an, eher romantisch weltverbesserisch. Lächelnd schwärmt Marinello noch heute von der Aufbruchstimmung, die sie als 20-Jährige gespürt hat. Damals, als sie mit Mitstreitern abends in den Renault 4 springt, um am nächsten Morgen in Paris mit drei Millionen Menschen gegen den Vietnamkrieg zu demonstrieren. „Dass sich so ein kleines Land wie Vietnam gegen diese kapitalistische Übermacht wie den USA wehrt, hat vielen Jugendlichen Mut gemacht“, sagt sie, die sich ihre Euphorie und Energie bis heute erhalten hat.

Leidenschaft brennt noch immer in ihr

Noch immer brennt die Leidenschaft in der Witwe, wenn sie darüber klagt, dass die Corona-Politik der Bundesregierung die Monopolstellung der großen Konzerne vorangetrieben habe, während Schulen oder kleine Geschäfte darunter gelitten hätten.

Sie ist überzeugt von der Wissenschaftlichkeit der sozialistischen Idee. „Die Gesetzmäßigkeit, dass es heute möglich wäre, die Weltbevölkerung zu ernähren, ist die Grundlage dafür, dass der nächste Schritt entweder die Überwindung des Kapitalismus durch den Sozialismus oder aber den Untergang in der kapitalistischen Barbarei bedeutet durch beispielsweise einen dritten Weltkrieg oder aber eine enorme Ausweitung der Umweltkatastrophe.“ Nur ein Umsturz des Systems könne das verhindern, ist sie sich sicher.

Für Ideale kämpfen

„Klassenkampf, Revolution des Proletariats, Umsturz des Systems“: Marinello, die nette Omi mit dem ansteckenden Lachen, haut diese Schlagworte so selbstverständlich, so leidenschaftlich raus, dass sie glatt ihren Schrecken verlieren und man vergisst, dass es in kommunistischen Staaten zu Terror, Willkür und schrecklichen Ungerechtigkeiten kam.

Das Problem sei, „der echte Sozialismus wurde überall verraten“, glaubt Marinello. Dennoch: Die große Solidarität, die es jetzt nach der Flutkatastrophe gegeben habe, zeige doch, dass der Mensch gut ist und ein solidarisches Miteinander möglich sei. Und deshalb wird sie auch nicht müde, für ihre Ideale zu kämpfen. Auf der Straße. Und vor den Werktoren der Konzerne.

Steckbrief: Karin Marinello

Alter: 70

Sternzeichen: Wassermann

Geburtsort: Erdhausen

Wohnort: Kassel

Beruf: Kinderpflegerin und Sozialpädagogin in Rente

Höchster Bildungsstand: Diplom

Familienstand: verwitwet, zwei Kinder, vier Enkel
In der Politik seit: 1973

Von Nadine Weigel