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Bürgermeisterwahl in Kirchhain Max Schwetz sieht Kirchhain „an einem Scheidepunkt“
Themen Specials Bürgermeisterwahl in Kirchhain Max Schwetz sieht Kirchhain „an einem Scheidepunkt“
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11:12 22.02.2022
Der 31-jährige Bürgermeisterkandidat Maximilian Schwetz im Gespräch mit OP-Redakteur Michael Rinde.
Der 31-jährige Bürgermeisterkandidat Maximilian Schwetz im Gespräch mit OP-Redakteur Michael Rinde. Quelle: Tobias Hirsch
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Kirchhain

Im OP-Interview äußern sich die drei Kirchhainer Bürgermeisterkandidaten zu ihren Zielen und Projekten im Falle eines Wahlsieges. Maximilian Schwetz bewirbt sich für Bündnis 90/Die Grünen bei der Wahl am 6. März.

Was haben Politik und Leistungssport gemeinsam?

Bei beidem kommt es auf den Teamcharakter an. Selbst in einer Einzelsportart Triathlon ist man in einem Team unterwegs. In der Politik muss man sich mit unterschiedlichen Menschen zusammenschließen, um ein Ziel zu erreichen, nämlich die Stadt voranzubringen.

Was reizt Sie am Einstieg in die Kommunalpolitik?

Das Bürgermeisteramt ist für mich nicht politisch, sondern eher im Sinn der Verfassung das Amt eines Vermittlers zwischen Bürgern, Politik und Verwaltung. Diese diplomatische Fähigkeit bringe ich mit und das reizt mich auch sehr.

Woran fehlt es in Kirchhain im Moment am meisten?

Kirchhain ist generell auf einem guten Wege, aber wir sind an einem Scheidepunkt angekommen. Die Frage ist, ob Kirchhain eine Stadt bleibt, wo Menschen zuziehen, weil es attraktiv ist oder ob Kirchhain eine Stadt wird, die nach und nach ausstirbt. Kirchhain muss modern bleiben, besonders für junge Familien.

Was muss sich in Kirchhain also ganz schnell ändern?

Ganz schnell ändern muss sich die Attraktivität der Stadt selbst, vor allem verkehrlich. In Kirchhain ist alles auf den Autoverkehr ausgerichtet, Fußgänger und Radfahrer haben es hingegen relativ schwer. Es muss sicherere Wege geben. Das gilt für Kernstadt und Stadtteile gleichermaßen.

Aber wenn man den Verkehr aus der Stadt herausnimmt, wo sollen die Autos dann hin?

In der Vergangenheit ist immer davon geredet worden, wo wir den Individualverkehr denn jetzt hinleiten. Das kann aber alles nur funktionieren, wenn wir den motorisierten Individualverkehr reduzieren. Es gibt Stimmen, die sagen, wie schlimm das wäre. Doch es gibt eben auch Menschen, die sagen, dass es Zeit für andere Lösungen ist – also auf Bus oder Rad umzusteigen. Wir müssen zu einem guten Angebot kommen, damit die Menschen überhaupt umsteigen können. Dann werden wir schnell weniger Individualverkehr bekommen.

Das ist aber ein Prozess, der dauern wird.

Natürlich geht das nicht von jetzt auf gleich. Aber das wird eine Frage der Prioritäten werden. In Sachen Verkehr sind wir im Vergleich mit anderen Kommunen noch hinten dran. Wir haben kein Konzept für Fußgänger, Radverkehr oder Car Sharing.

Stadtentwicklung betrifft aber nicht nur Verkehr. Viele Bürger Kirchhains reden vor allem darüber, welche Geschäfte aufgegeben haben. Wie stärken Sie den Handel?

Offensichtlich bestellen immer mehr Menschen online ihre Waren, es wird schwer sein, die Menschen nur mit Appellen an ihr gutes Gewissen dazu zu bringen, in die Stadt zu kommen und dort einzukaufen. Wir müssen Angebote schaffen, die die Menschen dazu führen, zwei Euro mehr zu bezahlen, aber zugleich auch ein Erlebnis dabei zu haben. Das können Kinderangebote sein, ein Spielplatz, eine grünere Stadt zum Beispiel. Wir müssen wieder eine Hybridzone in der Stadt bekommen.

Was ist das denn?

Eine Zone zwischen Arbeiten, Wohnen und Einkaufen. Ich glaube nicht, dass die Innenstadt wie sie sich vor Jahrzehnten entwickelte, so bleibt und bleiben kann.

Wie wollen Sie Kirchhains Finanzkraft stärken, um die Stadt überhaupt umgestalten zu können?

Wir sind schon jetzt in einer glücklichen Situation, was den vorherigen Bürgermeistern zu verdanken ist. Kirchhain war hoch verschuldet. Hohe Ausgaben lassen sich nur durch entsprechende Einnahmen finanzieren. Wenn sich hier mehr Gewerbe ansiedelt, dann steigen auch die Steuereinnahmen. Sollte die Ohmtalbahn reaktiviert werden, dann könnte das Gewerbegebiet Ost sogar noch attraktiver werden als ohnehin schon.

Worin liegt die Attraktivität der Kirchhainer Stadtteile?

Dort kennt jeder beinahe jeden, es haben sich wirkliche Gemeinschaften gebildet. Darin liegt aber auch eine Gefahr, nämlich dann, wenn der Zuzug fehlt und Dörfer immer mehr zu reinen Schlaforten werden. Dabei kann die Stadt helfen, indem sie Angebote in den Dörfern fördert, damit sie attraktiv bleiben. Vereine und Feuerwehren brauchen Förderungen.

Welche Impulse wollen Sie im Falle Ihrer Wahl den Stadtteilen geben?

Ich finde, dass Entscheidungen für die Stadtteile nicht nur von der Kernstadt aus getroffen werden dürfen. Die Stadtteile sollten sich auch untereinander besser austauschen können, auch damit das eine Dorf nicht mehr neidisch auf das andere schaut. Im Zweifel muss der Ortsbeirat noch viel intensiver eingebunden werden als bisher, damit das Dorf noch mehr Gehör findet.

Sie werben für sich damit, dass Sie unvoreingenommen von außen in das Geschehen in Kirchhain einsteigen. Worin besteht dabei Ihr Vorteil?

Man muss natürlich sagen, dass ich Mitglied der Partei Bündnis 90/Die Grünen bin, aber kein Parlamentarier. Ich sehe nicht alles parteipolitisch, sondern will Lösungen gemeinschaftlich entwickeln.

Inwieweit hilft Ihnen denn Ihre Qualifikation als Naturwissenschaftler, als Physiker dabei?

Es ist immer einfach, eine Meinung zu etwas zu haben. Doch ich bin ein Fan davon, dass jede Meinung mit Fakten unterlegt sein muss. Das lernt man als Naturwissenschaftler.

Sollten Sie Bürgermeister werden, müssten Sie sich auch Mehrheiten im Stadtparlament suchen. Haben Sie Angst davor?

Nein, ich habe eigentlich so gut wie nie vor etwas Angst. Ich freue mich darauf, unterschiedliche Positionen aufeinander zuzubewegen. Es ist nicht die Rolle eines Bürgermeisters, den politischen Prozess zu beeinflussen.

Sie fordern einen Amtsinhaber heraus. Worin wollen Sie sich von Olaf Hausmann unterscheiden?

Ich mache keinen Wahlkampf gegen jemanden, ich werbe mit meinen eigenen Ideen und meiner modernen, unvoreingenommenen Art. Da möge bitte jeder selbst entscheiden, wen er wählt. Sollte ich am Ende nicht Bürgermeister werden, werde ich dem Gewinner in jedem Falle gratulieren und ihn, wenn mir das möglich scheint, dann auch bei seiner Arbeit unterstützen.

Wahlziele

Die OP bat die Bürgermeisterkandidaten, ihre drei wichtigsten Wahlziele zu nennen.

Maximilian Schwetz: Obwohl ich als Kandidat der Grünen antrete, ist mir eines essentiell wichtig: Ich möchte Parteipolitik aus dem Bürgermeisteramt entfernen! Ich werde, wie es die Verfassung vorsieht, vor allem Vermittler zwischen Verwaltung, Politik und Bevölkerung sein. Für politische Entscheidungen sind eindeutig die Abgeordneten des Parlaments gewählt und verantwortlich. Ich bin als frische Kraft nicht in zwischenparteiliche Streitereien involviert und verkörpere einen modernen und respektvollen Neustart an der Spitze der Stadt. Inhaltliche Schwerpunkte: 1) Digitalisierung der Verwaltung inklusive Bürger-App für Anträge, Beteiligung und Benachrichtigungen. 2) Modernisierung der Verkehrsplanung. Sichere Straßen, Radwege und Barrierefreiheit. 3) Wohlfühl-Stadt. Öffentliche Sportangebote, Verweil- und Grünflächen für alle!

Von Michael Rinde