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Besser Esser Der beste Grund, früh aufzustehen
Der beste Grund, früh aufzustehen
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16:24 23.03.2017
Schon früh am Morgen wird der Stand von Familie Jung mit frischem Gemüse bestückt. Quelle: Thomas Strothjohann
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Marburg

Die Sonne steht noch tief – kein Strahl gelangt über das Rathaus auf den Marktplatz in der Oberstadt. Birgit Jung reicht ihrem Vater die Kisten aus dem Transporter. Er nimmt sie an und trägt sie an den Stand: Gemüse nach links, Obst nach rechts. So wie er es seit 25 Jahren macht.

„Die Marburger schlafen lange – oder frühstücken lange. Jedenfalls kommen die meisten erst spät auf den Markt“, derartigen Schlendrian kann der Marktveteran Jung nicht nachvollziehen. Er ist seit ein Uhr auf den Beinen, war schon in Frankfurt auf dem Großmarkt und hat noch einen ganzen Markttag vor sich. Bis 14 Uhr wird er vor allem Menschen bedienen, die gerade erst aufgestanden sind. 

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Ein gelber Transporter rollt vorsichtig auf den ruhigen Marktplatz. Antonia Heyessen sitzt am Steuer. Ihr Wagen ist voller Brot und Gebäck. Dass die 23-Jährige erst zum dritten Mal als Verkäuferin auf den Markt kommt, merkt man ihr nicht an. Sie hievt die Absperrung vor dem Platz aus dem Boden und rangiert ihren Wagen auf den gemieteten Platz. Jeder Quadratmeter zählt, jeder kostet.

Käse aus Frankreich auf Marburger Wochenmarkt

„Gesundheit!“ schallt es über den fast leeren Marktplatz. Man kennt sich, man grüßt sich, man wünscht sich Gesundheit.
Der Gockel kräht, es ist sieben Uhr. Die ersten Kunden kommen. Lucette Claudet, eine kleine Französin mit schwarzen Locken, huscht am Stand der Jungs entlang. Sie inspiziert die Auslage und fragt, woher der Rucola kommt.

Seit 40 Jahren lebt Claudet in Marburg und seitdem ist sie Stammkundin auf den Märkten der Stadt. Sie bezieht all ihre frischen Produkte vom Markt. „Ich kaufe nur regional.“ Importware, wie Zwiebeln aus Neuseeland, kommen ihr aus ökologischen Gründen nicht in den Fahrradkorb. „Normalerweise gehe ich auf den Markt in der Frankfurter Straße, aber am Samstag fahre ich den Berg rauf. Da kommt der Käse Schmidt. „So eine große Auswahl gibt es noch nicht einmal auf den Märkten, zu denen ich in Frankreich gehe. Dort verkaufen sie vor allem die Käsesorten aus ihrer Region.“ 

Das kann der „Käse Schmidt“ in  Marburg schlecht machen. „Den besten Käse  gibt es in Frankreich, deshalb importieren wir auch 80 Prozent unseres Angebots“, sagt der Inhaber. Seitdem der Gouda zum Massenprodukt geworden ist, gebe es selbst in Holland nur noch wenige Sorten von bester Qualität. Die Kunden wissen seine Auswahl zu schätzen. Einige lassen sich von Schmidt Sortimente anrichten. Wie ein Oberkellner balanciert ein Kunde nach dem Einkauf seine Milch-Preziosen auf einer Holz-Stiege über den Markt.

Atmosphäre gibt es gratis dazu

Ein anderer Stammkunde hat sich heute für den Mönchskopf entschieden. Der „tête de moine“ ist ein zylindrischer Käse
mit rund zehn Zentimetern Durchmesser. „Der kommt auf eine Girolle, eine Art Kurbel, mit der man sich Käse-Blumen abschneiden kann“, schwärmt der Feinschmecker. Am Abend wolle er für seine Gäste einen Rinderschmorbraten an Steinpilzrisotto kochen. Danach sei der Mönchskopf genau der richtige Abschluss. Er verabschiedet sich vom Käse Schmidt und zieht weiter zu Hermann Dippel.

Dippel ist der Eiermann. Die beiden kennen sich schon seit 30 Jahren und der samstägliche Kaba „gehört für mich zum Markt- Ritual“, sagt der Mann mit dem „Mönchskopf“. Neben Eiern von seinem Hof verkauft Dippel auch hessische Wurst, Eierlikör, Nudeln und hausgemachten Kuchen – heute Marmorkuchen und Apfelstreusel mit Zimt.

Wer einen Morgen auf dem Marktplatz verbracht hat, glaubt Birgit Jung ohne Weiteres, dass die Kunden vor allem wegen der Atmosphäre auf dem Markt einkaufen. „Natürlich wollen sie auch gute Produkte und sie merken, dass wir die Ware nicht einfach ins Regal klatschen. Aber die Atmosphäre hier ist besonders.“

Die Marburger Märkte:

In Marburg ist mittwochs und samstags von 7 bis 13 Uhr Markt an folgenden Plätzen:

  • Firmaneiplatz (Elisabethkirche) Mittwochs, sagt Marktsprecher Bernd Haberzettl, kommen auf den Markt am Firmaneiplatz viele Studenten. Wenn der Campus Firmanei erst einmal fertig sei, würden sicher noch mehr kommen. Am meisten ist samstags ab neun Uhr los. „Dann kommen die Kunden aus den umliegenden Stadtteilen.“
  • Frankfurter Straße An der Frankfurter Straße gibt es die meisten Obst- und Gemüse-Stände. Darunter zwei reine Bio-Betriebe.
  • Markt am Rathaus  Der Oberstadt-Markt profitiert von der historischen Kulisse. Neben Käse Schmidt gibt es hier auch Schorsch, den Räucherfisch-Spezialisten.

von Thomas Strothjohann