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Baby-Glück Geburtshilfe wird schlecht bezahlt
Geburtshilfe wird schlecht bezahlt
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19:56 28.04.2017
Von Anna Ntemiris
Dr. Siegmund Köhler, Leiter der Geburtshilfe der Uni-Klinik.
Dr. Siegmund Köhler, Leiter der Geburtshilfe der Uni-Klinik.
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Marburg

OP: Wann beginnt Leben?

Dr. Siegmund Köhler: In der Medizin sagen wir, dass neues Leben bereits bei der Verschmelzung von Ei und Samenzelle beginnt. Wann das Paar das Leben bemerkt, ist ein ganz anderer Aspekt. Und wann rein juristisch das Leben beginnt, ist Gegenstand unterschiedlicher Bewertungen und Rechtsstreitigkeiten in unterschiedlichen Ländern.

OP: Wie sind die ersten Reaktionen von Frauen, die erfahren haben, dass sie schwanger sind?

Köhler: Darüber könnte man ganze Bücher schreiben. Grob gesagt gibt es zwei Typen von werdenden Müttern: Die einen sagen sich: „Ich bin schwanger, endlich werde ich Mutter.“ Bei ihnen überwiegt die Freude über die Selbstdefinition als werdende Mutter. Die anderen freuen sich über die Tatsache, dass sie ein Kind bekommen. Sie sagen sich, hoffentlich ist es gesund, malen sich aus, was es eines Tages machen wird.

OP: Die Freude über die Geburt teilen viele Frauen gern mit anderen Menschen. Das Thema Fehlgeburt ist aber nach wie vor ein Tabuthema, oder?

Köhler: Das ist ein großes Tabuthema. Es fehlen dazu Statistiken, weil viele Frauen gar nicht bemerken, dass sie eine Fehlgeburt hatten. Sie denken zum Beispiel, dass ihre Periodenblutung später kam. Es gibt hohe Dunkelziffern. Es heißt, dass jede fünfte oder sechste Schwangerschaft in den ersten drei Monaten abbricht. Davon geht man aus. Lokale Zahlen gibt es dazu nicht.

OP: Es gibt - wenn auch wenige - Hebammen, die die Wochenbett-Begleitung von Erstgebärenden ablehnen, mit der Begründung, es handelt sich um schwierigere Patientinnen, die auch mehr Arbeit machen. Stimmt diese Einschätzung?

Köhler: Die Hebamme oder der Arzt müssen die Unsicherheit der Patientin erkennen und damit umgehen. Sie sind auch Coach und Risikoberater. Sie vermitteln der Schwangeren Wissen. Es gibt Mütter, die aufgrund negativer Erfahrungen bei der zweiten Geburt ängstlicher sind als Erstgebärende, daher kann man das nicht pauschalisieren. Fakt ist, dass es zu wenige Hebammen in Deutschland gibt, weil generell die geburtshilfliche Arbeit finanziell nicht so gewürdigt wird, wie sie sollte. Die Geburt wird nicht so finanziert, wie es sein sollte. Für einen Geburtshelfer, der nachts viereinhalb Stunden um eine gute Geburt kämpft, wird rein rechnerisch genauso viel Geld gezahlt, wie für eine erweiterte neurologische Untersuchung - nämlich 360 Euro. Wer in der Medizin viel Geld verdienen will, geht nicht in die Geburtshilfe. Die mangelnde Finanzierung ist auch der Grund, dass Geburtskliniken wie in Biedenkopf und Alsfeld geschlossen wurden.

von Anna Ntemiris