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Baby-Glück "Anspruch auf perfektes Baby steigt"
"Anspruch auf perfektes Baby steigt"
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20:12 28.04.2017
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Marburg

„Ich halte auch nach 21 Jahren Erfahrung jedes Mal die Luft an, wenn ein Kind geboren wird“, sagt Dr. Siegmund Köhler (50), Leiter der Geburtshilfe und Perinatalmedizin am UKGM in Marburg. Das „wahre Sein des Menschen“ komme bei der Geburt zur Geltung.

„Es ist unerheblich, ob es ein Kind eines Flüchtlings oder ­eines Millionärs ist. Alle Menschen sind bei der Geburt gleich“, sagt Köhler, der Vater von drei Kindern ist. Er sei deswegen auch Geburtsmediziner geworden, weil man in diesem Fach den Menschen richtig nahe kommt. „Das ist eine Erfahrung, die viel mehr Wert hat als Geld“, sagt er.
In Deutschland werden im Jahr rund 700 000 Kinder geboren. Die Schwangerschaftsrate ist von 1,3 in den 90er-Jahren auf inzwischen fast 1,7 gestiegen, so Köhler. Immer mehr Frauen und Paare entscheiden sich für ein zweites oder drittes Kind.

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Im Jahr 2015 – Zahlen für 2016 liegen noch nicht vor – wurden in Hessen 56 900 Kinder geboren. Das waren nach Angaben des Hessischen Statistischen Landesamts 4,1 Prozent mehr als im Vorjahr und so viele wie seit dem Jahr 2000 nicht mehr.

In Marburg gab es im vergangenen Jahr zirka 2 400 Geburten, der Landkreis hat laut Landesamt hessenweit die niedrigste Geburtenziffer.

Die Zahl der ungeborenen Kinder ist bundesweit seit den 80ern stabil geblieben: Rund 95 000 Ungeborene werden im Jahr abgetrieben, etwa 3 800 von ihnen aufgrund einer medizinischen Indikation. Die meisten Abtreibungen finden innerhalb der gesetzlichen Frist in den ersten zwölf Wochen und nach einer ebenfalls gesetzlich vorgeschriebenen Beratung statt, erklärt Köhler. Über Fehlgeburten gibt es nur Schätzungen (siehe Interview). Dass in Deutschland wieder mehr Kinder geboren werden, hängt nach Ansicht von Köhler auch damit zusammen, dass „es uns in Deutschland gut geht“.

Die Work-Life-Balance sei besser geworden, wer sich für Familie entscheide,­ habe heute mehr Möglichkeiten, weiterhin beruflich tätig zu sein, als noch vor Jahren. In einer Universitätsstadt wie Marburg spüre man diesen Faktor besonders. Und in Marburg sind die werdenden Mütter im Schnitt älter als im Umland. Das durchschnittliche Alter der Mütter bei der Geburt des Kindes lag 2015 laut Statistischem Bundesamt bei 31 Jahren.

Risikokatalog stammt aus den 60er-Jahren

Dass werdenden Müttern ab 35 Jahren per se eine Risikoschwangerschaft attestiert wird,  stimmt nach Ansicht vieler Ärzte nicht mehr mit dem aktuellen Stand der Wissenschaft und Lebenswirklichkeit überein. „Der Risikokatalog für den Mutterpass stammt aus den 60er-Jahren“, erklärt Köhler.

„Das Risiko hängt vom individuellen Typus ab. Experten empfehlen daher Frauen mit Kinderwunsch das individuelle­ Risiko mit einem Frauenarzt zu besprechen“. Es gibt beim Thema Schwangerschaft so viele Missverständnisse, so viele gut gemeinte Ratschläge, so viele­

Mythen und so viele gesellschaftliche Trends, weiß Köhler. Ein Trend sei deutlich: „Der Anspruch auf ein perfektes Kind steigt“. Das wiederum führe zu Druck und einem hohen Sicherheitsbedürfnis bei werdenden Eltern. „Ein Kind darf nicht zu groß, nicht zu klein sein. Keiner will ein Riesenbaby, keiner will ein mickriges Kind.“

Die Werbung heize mit Nahrungsergänzungsmitteln oder Vitaminen den Druck an. „­Eine ganze Industrie profitiert davon.“ Der Experte erklärt: ­„Alles, was nicht normal ist, ist schon ein Risiko.“ Das System mache aus normalen Schwangerschaften Risikoschwangerschaften,­ bedauert er. Auch außerhalb der Norm gäbe es aber Geburten, die keine Katastrophe seien. Und für die Öffentlichkeit hat Köhler einen Lieblingssatz: „Schwangerschaft ist keine Krankheit und Geburt keine ­Katastrophe“.

von Anna Ntemiris

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