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Sport-Welt Sportlicher Kick für alle Generationen
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00:15 04.04.2015
Hannover, 22.01.2015: Zum Besuch im Turnklubb zu Hannover,  Foto: Michael Wallmueller (Umlaut)
Hannover, 22.01.2015: Zum Besuch im Turnklubb zu Hannover, Foto: Michael Wallmueller (Umlaut) Quelle: Michael Wallmueller
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Hannover

Der Turn-Klubb zu Hannover (TKH) ist der größte Sportverein in der Landeshauptstadt, 96 einmal ausgeklammert. Und er expandiert. Da stellt sich die Frage: Welche Angebote machen den Club so attraktiv für seine Mitglieder? Wir sind ins TKH-Vereinsleben eingetaucht - an einem ganz gewöhnlichen Donnerstagnachmittag.

14.30 Uhr

Ballett und Kindertanz für Kinder von drei bis sechs Jahre, Anfänger und Fortgeschrittene: „Achtung, keinen Fußsalat machen!“, ruft Trainerin Pia-Doreen Brandt den acht Mädchen im Ballettsaal zu. Die Musik dröhnt, und die Kleinen versuchen nachzumachen, was Brandt zeigt: erste Position im Ballett, zweite, dritte. Einige tragen Tüllröckchen, und am Rand sitzen zwei stolze Eltern auf Turnbänken. Brandt führt die Kinder spielerisch an den Sport heran, von übertriebenem Ehrgeiz ist hier nichts zu spüren. „Bei uns soll es menschlich und persönlich bleiben“, sagt TKH-Geschäftsführer Hajo Rosenbrock dazu. Rosenbrock nimmt man das ab: Der 34-Jährige trägt Karohemd und Turnschuhe und spricht frei von der Leber. „Cool, dass sich einer mal unseren Verein in der Gänze anguckt“, sagt er.

Im Ballettsaal wird unterdessen über Matten gehopst, Vorbereitung auf den Spagatsprung. „Lauf, lauf, lauf, hopp, hopp! Und jetzt den Speicherknopf drücken!“ - Pia kennt sich aus mit kindgerechter Sprache. Die 21-Jährige hat ihre Ausbildung zur Gymnastiklehrerin an der hauseigenen Doris-Reichmann-Schule gemacht. Aber Gymnastik klingt spießig, spielen macht mehr Spaß. „Wie macht der Löwe?“ Die junge Frau kriecht mit den Mädchen auf allen vieren herum. „Pia ist toll“, sagt die vierjährige Ella. Nach 45 Minuten Ballett-Unterhaltungstraining tauscht Pia Stulpen und Gymnastikschlappen gegen Turnschuhe - gleich geht es weiter.

15 Uhr

Reha 60 plus: Der Name dieses Kurses täuscht. Für den Besuch braucht man weder eine ärztliche Verordnung, noch ist jemand erst 60 Jahre alt. „Unsere Älteste ist 82 Jahre alt“, sagt Teilnehmerin Ingeborg Lübeck stolz. Sie selbst ist 80 Jahre alt und hat „viermal Metall im Körper“, wie sie sagt. „Zweimal Hüfte und zwei neue Knie, aber schon seit vierzig Jahren im TKH“, bekräftigt Lübeck. Die neuen Knie werden unter der Regie von Übungsleiter Dietrich Holzkamp gebeugt. Der sehnige 57-Jährige trägt Kurzhaarschnitt und war mal Leistungsturner. Bei Holzkamp gibt es Übungen zum Fitbleiben wie Knieheben, Armrotieren und Rückenkräftigung - aber mit Vorsicht. „So weit eure Halswirbelsäule sich mühelos drehen lässt“, ruft Holzkamp, und nach manchen Übungen ist ein „Ah!“ zu hören. Die Musik dröhnt aus dem Ballettsaal auf der gleichen Etage, die Untermalung hier ist aber deutlich ruhiger: Es gibt langsame Klaviermusik, die Frauen tragen lange Jogginghosen und Pullover mit Reißverschluss. „Der Ton bei Dietrich ist viel angenehmer als bei vielen anderen Kursen dieser Art, und wenn man eine Übung nicht schafft, gibt es von Dietrich was Leichteres“, lobt Elisabeth Eckard. Der freut sich und holt schon mal Luft: Heute muss er noch zwei Kurse geben, und dabei stand er heute Mittag schon in der Mitgliederberatung der Geschäftsstelle Rede und Antwort.

15.15 Uhr

Hip-Hop ab sechs Jahre: Wiedersehen mit Frau Brandt, der Trainerin von 14.30 Uhr. Für sie ist es der zweite von vier Kursen, die sie heute gibt. Sie trägt jetzt Turnschuhe, die Kinder sind etwas größer, und die Musik dementsprechend noch etwas lauter: Pia macht vor dem Spiegel Teile einer Madonna-Choreografie vor, und die zehn Kinder tanzen das nach - der eine mehr, der andere weniger exakt. Manch einer bleibt verloren stehen, guckt in die Luft oder erkundet die Tiefen seiner Nasenhöhle, aber Brandt bleibt souverän. „Ihr seid die Gangstertruppe!“, ruft sie und erarbeitet kurze Bewegungsabfolgen mit den Kindern. „Ich reite auch noch, aber tanzen mit Pia ist toller“, sagt Carlotta dazu.

15.30 Uhr

Rhythmische Sportgymnastik, Leistungsgruppe, fünf bis sieben Jahre: In der großen Sporthalle werden ausgiebig Dehnübungen vollzogen - Dehnen auf Zehenspitzen, Dehnen im Spagat, Dehnen mit Rumpfbeugen. Die 16 Mädchen werden dabei durch eine Glasscheibe von Müttern mit ebenso gestrecktem Hals beobachtet. Auf dem Boden ist eine Matte mit rotem Streifen ausgebreitet, auf dem die Mädchen in scheinbar endlosen Ketten Räder schlagen, aus der Luft in den Spagat springen und aus der Hocke Strecksprünge machen. „Wir trainieren viermal die Woche hier“, erzählen Mya-Lara und Isabella aus der List, die beide einen hohen Dutt und Haarnetze tragen.

Neben ihnen trainiert die Leistungsgruppe auf der Matte. Dascha dreht sich elegant um ihre eigene Achse, spaziert leichtfüßig mit gestreckten Füßen und ausgestreckten Armen eine imaginäre Linie entlang. „Ich bin auch schon bei den deutschen Meisterschaften gestartet“, sagt die 13-jährige Laatzenerin, deren Sehnen sich vom Nacken zur Schulter und vom Oberarm zum Unterarm spannen. Sie trainiert fünf- bis sechsmal in der Woche beim TKH. „Ich bin erst seit zwei Jahren in der Leistungsklasse, ich muss noch viel üben“, sagt sie und spaziert weiter in der Halle entlang.

16.15 Uhr

Kinderturnen fünf bis sieben Jahre: Zum TKH gehört nicht nur der Altbau in der Maschstraße, sondern auch die Turnhalle der Grundschule Meterstraße einen Block weiter. Dort bändigt Andrei Nezezon einen lärmenden Kinderpulk. „Wir üben hier die Grundlagen, also gehen, laufen, springen, hüpfen und balancieren“, ruft Nezezon aus dem Chaos tobender Grundschüler. Doch dazu kommt es erst einmal nicht: Seile müssen für Spiele um Bälle geknotet werden, und viele Schnürsenkel sind noch offen. Ein Kind reißt an seinem Arm. „Heute wollen wir nicht Pferdchen spielen! Ich muss kurz reden!“ Der 39-Jährige ist gebürtiger Rumäne und feierte erst als Geräteturner, und dann in der Wettkampf-Aerobic große Erfolge: 1996 und 1997 wurde er Weltmeister im Trio. Er war insgesamt 17 Jahre aktiver Sportler, seine Frau Mirela arbeitet ebenfalls im TKH. Beide sind hauptberuflich angestellt und gehören zu den beliebtesten Trainern. „Die Arbeit hier ist ein guter Ausgleich: Die Kinder brauchen viel Aufmerksamkeit, bei den Kursen für die Erwachsenen kann ich gut Stress abbauen“, sagt Nezezon und bindet noch mehr Schnürsenkel. „Ich bin froh, dass wir dieses Angebot hier haben. Viele Kinder haben schon in diesem Alter große Bewegungsdefizite“, sagt er. Er selbst geht mit gutem Beispiel voran: „Trotz Dutzender Stunden Sport in der Woche mache ich jeden Tag fünf bis zehn Minuten Liegestütze, Bauchmuskelübungen, Dehnungen“, erzählt er. „Schließlich will ich 80 werden!“ Bis dahin dauert es aber noch: Erst einmal kommt sein nächster Kurs, zum Wechseln der Sportstätte bleiben Nezezon nur wenige Minuten.

17.30 Uhr

KISS, Klasse 3 (acht bis neun Jahre): KISS bedeutet Kinderschulsport und ergänzt den Schulsport für Kinder von fünf bis neun Jahren. Im vorderen Teil der Halle wird derweil immer noch Rhythmische Sportgymnastik trainiert, im Gesundheitsstudio auf der Galerie schwitzen Erwachsene auf Crosstrainern und Laufbändern. KISS-Sportleiter Christoph Weber baut im hinteren Teil der großen Turnhalle einen Parcours auf, den die Kinder bewältigen müssen: von einem Reifen zum anderen springen, sicher auf Matten landen und balancieren. „Das Programm ist spielerisch angelegt, die Kinder sollen unterschiedliche Bewegungserfahrungen machen“, erklärt der 31-Jährige. Außer dem Turnen gehören Völkerball, Klettern, Schwimmen und Leichtathletik zum breit ausgelegten Programm. „Die frühe Spezialisierung ist sportphysiologisch überhaupt nicht sinnvoll, weil im kindlichen Gehirn vielseitige Verknüpfungen gebildet werden müssen.“ Die frühe Spezialisierung ist allerdings ein kleineres Problem, denn viele Kinder bewegen sich kaum noch. „Wir spüren den Bewegungsmangel schon bei den Erstklässlern. Als Basketballtrainer sehe ich oft Zwölfjährige, die können beim Vorwärtslaufen nicht mal flüssig in den Rückwärtslauf wechseln“, sagt Weber und bestätigt damit die Erfahrungen seines Trainerkollegen Nezezon, der für die Turnkurse im Verein verantwortlich ist. „Hier können wir Sport machen, in der Schule müssen wir, und die Lehrer sind viel strenger“, sagen Alexandra und Nelly.

18 Uhr

Kampfsportorientierte Aerobic: Die Luft in der großen Fechthalle dampft, Technomusik peitscht 40 Teilnehmerinnen gnadenlos voran. Trainer Nezezon kam fünf Minuten später vom Kinderturnen zurück, das Treppenhaus war verstopft. Kein Wunder, denn jeden Tag drängen sich 700 bis 1000 TKH-Mitglieder auf nur drei Etagen. Nezezon hat viele mit Handschlag begrüßt, aber das scheint lange her: Er trägt ein Mikro und treibt die Frauen, die zwischen 20 und 30 Jahre alt sind, mit seinem Programm aus schnellen Bewegungsfolgen, Boxbewegungen und Tritten an - mit dem altbackenen Bild von Aerobic mit bunten Leggings und Stirnbändern hat dieser Kurs nichts mehr gemein. Die jungen Frauen keuchen, denn der zweimalige Wettkampf-Aerobic-Weltmeister führt seine Bewegungen sehr schnell und klar aus, seine Kommandos „Tempo! Spannung! Kick!“ lassen den grauen Linoleumboden beben.

18.30 Uhr

Treppenlauf - Treffen mit TKH-Geschäftsführer Hajo Rosenbrock im Treppenhaus: „Und sind unsere Kurse nicht toll?“, fragt Rosenbrock atemlos. Er ist aus seinem Büro im obersten Stock des Altbaus die Treppe heruntergeeilt und ringt ein wenig nach Luft. Mit seinem Verein ist er ziemlich zufrieden. „Ich wünsche mir, dass die Faustballer in die 1. Liga aufsteigen, dass unser Turner Andreas Toba sich wieder für die Olympischen Spiele qualifiziert, und natürlich wollen wir den Freizeitsport noch weiter ausbauen.“ Ein gutes Stichwort, bei den eigenen Zielen ist Rosenbrock bescheidener. „Ich würde gern mehr Sport machen“, sagt er bedauernd.

Besonderes beim TKH

Fußball, Handball und Tennis kann jeder. Beim TKH gibt es aber auch: PEPIMUF („PowerErtüchtigungsProgramm – Irgendwie Motivierend Und Fein!“): Power-Fitnessprogramm mit Kondition, mit Musik von Punk bis Volksmusik (montags und donnerstags von 20 bis 21.30 Uhr). Parkour/Trakour für Jugendliche (mittwochs 20 bis 22, freitags 15 bis 16 und 19 bis 20?Uhr). Qi-Gong: Gymnastik und Meditation nach chinesischem Vorbild (dienstags 19 bis 20.15 Uhr). Kyushin Iaido (Ken-Jutsu): japanische Schwertziehkunst. Kampfkunst ohne Auseinandersetzung mit einem realen Gegner und spirituellem Charakter (dienstags 17.30 bis 19 Uhr). Tricking für Jugendliche: Mischung aus Kampfsportarten wie Capoeira, Karate und Kung-Fu mit Breakdance und Gymnastik, kommt aus den USA. (sonntags 17 bis 20 Uhr).

Turn-Klubb in Zahlen

14 Kunstturner gründeten den TKH vor 157 Jahren. 1908 nahm der TKH auch Frauen auf – damals eine Besonderheit. Heute stellen die Frauen die Mehrheit der Mitglieder – 4000 von 5550. 700 bis 1000 Sportler pro Tag nutzen das Clubhaus in der Maschstraße. 800 Sportstunden pro Woche bietet der TKH an – in 50 Sportarten. 300 Übungsleiter sind beim Verein beschäftigt. 30 Mitarbeiter arbeiten hauptberuflich, zum Beispiel als Sportkoordinatoren, Erzieher, Sportlehrer oder Hausmeister. Drei Ganztagsschulen betreut der TKH eigenverantwortlich. 400 Quadratmeter groß soll das Gesundheitsstudio im geplanten neuen TKH-Bewegungszentrum werden.

Interview: „Viele kommen erst, wenn es Defizite gibt“

Viele Ärzte klagen über dicke, unbewegliche Kinder. Fällt das Ihnen als Trainer beim TKH auch auf?

Ja, deshalb trainieren wir beim Kinderturnen sogar verschiedene Gehformen. Die Kinder, die vom Mutter-Kind-Turnen kommen, haben weniger Probleme bei den Übungen. Ansonsten sehen wir die Folgen der Bewegungsdefizite schon bei Erstklässlern: Sie haben eine schlechtere Koordination, können schlechter balancieren oder haben Probleme, rückwärts zu laufen.

Woran liegt das? Reicht der Schulsport nicht aus?

Nein, keineswegs – aber viele kümmern sich nicht darum. Im Schulsport werden oft nur Spiele gespielt, aber Kraft und Koordination werden dort nicht trainiert. Außerdem sieht der Lehrplan viel zu wenig Zeit für das Erlernen der einzelnen Übungen vor. Bockspringen lernt man nicht nach vier oder fünf Trainingseinheiten – und das sage ich als ehemaliger Leistungsturner. Würde meine Tochter nicht bei uns turnen, hätte sie so eine Übung in so kurzer Zeit nicht gemeistert. Und dann werden die Kinder gleich benotet, das erhöht den Druck zusätzlich und nimmt den Spaß an der Bewegung.

Beim TKH wird mit Angeboten wie dem Kinderturnen oder KISS, dem Kinderschulsport, gegen den Frust gearbeitet. Wie viel kann man da aufholen?

Viel, aber viele Kinder kommen erst dann, wenn es schon Defizite gibt. Wir sagen dann: Schön, dass du da bist, aber früher wäre besser gewesen.

Im Gegensatz dazu schicken manche Eltern die Kinder mit vier Jahren zur Rhythmischen Sportgymnastik oder zum Eiskunstlauf. Ist das besser?

Sport zu machen ist natürlich besser, als gar keinen Sport zu machen, aber eine frühe Spezialisierung auf eine Sportart ist nicht sinnvoll. Damit sich alle Verknüpfungen im kindlichen Gehirn gleichmäßig ausbilden, müssen Kinder vielfältige Bewegungserfahrungen machen. Die Folgen davon sieht man oft auch bei „Schlag den Raab“. Da verlieren öfters gestandene Olympioniken gegen Stefan Raab, weil der einfach vielseitiger trainiert ist.

Von Sabrina Mazzola

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