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Sport-Welt Rekord über 100 Meter „nur eine Momentaufnahme“?
Sport Sport-Welt Rekord über 100 Meter „nur eine Momentaufnahme“?
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20:24 17.08.2009
Von Carsten Schmidt
Die vierte Dimension: Mit 9,58 Sekunden hat der Jamaikaner Usain Bolt bei der WM einen Fabelweltrekord über 100 Meter aufgestellt. Quelle: Oliver Lang/ddp
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Ein solches Blitzlichtgewitter auf Pressekonferenzen gibt es normalerweise nur bei Pop- oder Fußballstars. Und dann betätigen auch die professionellen Fotografen ihre Kameras, nicht Amateure mit kleinen Apparaten oder gar mit Handys. Am späten Sonntagabend jedoch verwandelten sich die meisten Medienvertreter in Fans. Jeder wollte ein Foto von Usain Bolt erhaschen, dem Jamaikaner, der bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Berlin endgültig in den Sport-Olymp gelaufen ist. 9,58 Sekunden – ein Weltrekord für die Ewigkeit im 100-Meter-Lauf. Und dieses Gefühl ließ einen zum Handy oder Fotoapparat greifen, um diesen unvergleichbaren Moment zu konservieren.

Unvergleichbar? Bolt und sein Landsmann Asafa Powell, der Drittplatzierte, schienen der weihevollen Rekordstimmung auf dem Podium überhaupt nicht genügen zu wollen. Sie flüsterten, pufften einander an die Arme, lachten und schienen die Fragen kaum wahrzunehmen. Und eine Bestzeit für die Ewigkeit? „Nein, das ist nur eine Momentaufnahme“, sagte Bolt, der am Freitag 23 Jahre alt wird. Und da der Jamaikaner auch für einen Sprinter noch so jung ist, muss diese Aussage ernst genommen werden. Bolt ist eine Ausnahmeerscheinung im Sprint. Um etwas mehr als eine Zehntelsekunde hat er seine eigene Marke von Peking 2008 gesteigert – und das in einer Disziplin, in der normalerweise der Fortschritt nur in Hundertstelsekunden gemessen wird. Für ein solches Phänomen gibt es nur Erklärungsversuche, und dabei helfen die schlechten Gedanken an Doping auch nicht recht weiter.

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Gerade nach dem ersten aufsehenerregenden 100-Meter-Lauf bei den Olympischen Spielen in Peking 2008 spekulierten viele über nicht nachweisbare Mittel, die die Ermüdung der Muskulatur herauszögern. Bolt legte in China eine phänomenale zweite Laufhälfte hin, ehe er die letzten Meter im Gefühl des sicheren Sieges austrudelte. Die Konkurrenz schien damals auf der Stelle zu treten. Nun hatte der Berliner Rekordlauf eine andere Gestaltung. „Ich hatte einmal einen richtig guten Start“, sagte Bolt, der am Sonntagabend auch mit voller Geschwindigkeit durchlief. Den entscheidenden Vorsprung gegenüber dem Amerikaner Tyson Gay, Zweiter mit 9,71 Sekunden im WM-Rennen und auch Zweiter der ewigen Weltbestenliste, lief der Jamaikaner im Mittelteil heraus. Zum Schluss schien Gay den Rückstand auf Bolt sogar etwas zu verkürzen. Gäbe es also ein Mittel, das die Muskelermüdung hinauszögert, hat dann nicht auch der Amerikaner … ?

Spekulationen über Doping haben natürlich damit zu tun, dass gerade die Sprinter der achtziger Jahre ganz tief im Drogensumpf steckten – nicht nur der „arme“ Ben Johnson, der als Einziger im olympischen Finale von Seoul 1988 überführt wurde. Bolt und Gay gehören zu der eleganten Sprinterliga, sie stampfen nicht über die Tartanbahn wie einst der muskelbepackte Kanadier Johnson.

Bis zum Beweis des Gegenteils ist Bolt tatsächlich zu glauben, er habe sich „zwei Jahre hart“ auf dieses Rennen vorbereitet. Und wenn er hinzufügt: „Ich hatte aus verschiedenen Gründen keine gute Saison“, dann kann unter optimalen Bedingungen wie am Sonntag in Berlin eben statt einer 9,8 eine 9,58 herauskommen. Gerade ein Sprinter braucht wie im Finale Wärme, Trockenheit und Wind im Rücken.

Und trotz Bolts Fabel-Weltrekord hat sich seit Sonntag die Sprinterwelt wieder verändert. Gay ist auf dem Weg, sich auf das Niveau des Jamaikaners zu hieven. Deshalb wirkte er frustriert, weil er „sein Bestes“ gegeben hatte und doch verlor. „Ihr habt mir doch bescheinigt, dass ich auch Weltrekord laufen kann“, sagte der Amerikaner an die Medienvertreter gewandt. Und Bolts alte Marke von 9,69 Sekunden hat Gay tatsächlich fast erreicht.

Bolt freut sich übrigens auch über die Fortschritte des Rivalen. „Solche Duelle wie zwischen Tyson und mir beleben die Leichtathletik.“ Und die Fans warten schon auf die Fortsetzung. Beide wollen auch über 200 Meter starten. Die Vorläufe finden am Dienstagmorgen statt.