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Sport-Welt David Bruns ist zurück im Leben, das er liebt
Sport Sport-Welt David Bruns ist zurück im Leben, das er liebt
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19:06 13.11.2015
„Man lernt, sein Leben zu schätzen“: David Bruns in der Kabine der TSV mit dem Kopfschutz, den er zum Anfang trug.  Quelle: Bork
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Burgdorf

Der Fußball hat schon immer zum Leben von David Bruns gehört. Ein Fußball hat das Leben des Mittelfeldspielers der TSV Burgdorf komplett auf den Kopf gestellt – im wahrsten Sinne dieser Redewendung.
Dass der Fußball nach einem schweren Trainingsunfall auch weiterhin zu seinem Leben gehören würde, grenzt für viele Beteiligten an ein kleines Wunder. Für den 22-Jährigen selbst gibt es daran keinen Zweifel, und das ist nicht das einzige Bemerkenswerte an seiner Geschichte.

An den Unfall kann er sich nicht erinnern

Rückblick: Am 1. August , einem Sonnabend, wurde auf einem Nebenplatz der Anlage an der Sorgenser Straße trainiert. Bruns war erst wenige Stunde zuvor von einem fünftägigen Urlaub mit seinem Bruder Andreas (24) aus Rom zurückgekehrt. Nach dem Mittagessen daheim ging es sofort weiter. Dass er mit einem Ball aus der Kabine gestürmt sei und noch ein paar Mal aufs Tor geschossen habe, ist das Letzte, woran sich der 22-Jährige erinnern kann.

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Bei einer Übung bekam Bruns bekam einen Ball, der eigentlich zurück an den Mittelkreis gespielt werden sollte, an den Kopf. Er sah ihn nicht kommen, sein Körper konnte sich dementsprechend nicht darauf einstellen. Bruns sackte zusammen und blieb bewusstlos am Boden liegen. Auf dem Burgdorfer A-Platz fand parallel das Finale des Marktspiegel-Pokals statt, per Lautsprecher wurde sogleich nach einem Arzt unter den Zuschauer gefahndet, parallel der Notarzt gerufen. Als er wieder zu sich kam, röchelte Bruns, bekam die Augen nur schwer auf und baute wie später im Krankenwagen englische Vokabeln in seine bruchstückhaften Sätze ein. Beim Urlaub in Italien hatte er überwiegend englisch gesprochen ...

Ärzte waren ratlos

Was folgte, darf für die Familie Bruns durchaus als Tortur bezeichnet werden. „Das war alles sehr verwirrend“, sagt Mutter Birgit Bruns rückblickend. Das Einzige, was sie in den nächsten Tagen von den Ärzten zu sehen bekam: Achselzucken. „Warum, wieso, weshalb? Man konnte uns lange Zeit nicht sagen, was mit meinem Sohn ist.“ Der 22-Jährige befand sich einer Art Dämmerzustand, war mal wach, ging auf Toilette, schlief danach sofort wieder ein. Sowohl die Motorik als auch seine Sprache waren beeinträchtigt. Auf MRT-Bildern waren mehrere punktuelle 
Mikroblutungen in seinem Gehirn festgestellt worden.

Der Trainingsunfall war nicht die erste Verletzung dieser Art. Am 16. November vergangenen Jahres wurde Bruns beim 2:3 gegen den Heeßeler SV nach einem Kopfballduell 
15 Minuten vor dem Ende mit einer Schädelprellung ausgewechselt. „Wahrscheinlich war das einer der Auslöser“, vermutet Bruns heute.

Bei der Reha darf der Fußball nicht fehlen

Christian Bruns, mit 25 Jahren Davids ältester Bruder, organisierte zwei Tage nach dem Unfall im August ein Treffen in der Kirchengemeinde Sehnde. Auf kleinen Zetteln schrieben Freunde und Mannschaftskameraden sie persönliche Nachrichten, die David lesen sollte, wenn er wieder zu sich kommen sollte – was tags darauf schließlich der Fall war.

Elf Tage blieb Bruns mit einem Schädel-Hirn-Trauma im Krankenhaus, danach folgten vier Wochen Reha in Hessisch Oldendorf – natürlich mit Fußball, den Freundin Carolyn Schönefeldt mitbringen musste, damit der 22-Jährige den Ball hochhalten konnte. Sein linkes Sichtfeld war beeinträchtig, auch im Kopf dauerte alles etwas länger. Allerdings machte er von Tag zu Tag Fortschritte, nicht nur beim Ball hochhalten.

Unfall hat sein Leben verändert

Am 14. September trat Bruns schließlich seine Ausbildung zum Landschaftsgärtner an, die eigentlich schon sechs Wochen zuvor hätte beginnen sollen. Sein Arbeitgeber zeigte Verständnis, auch dafür, dass Bruns zwei Tage später, genau 46 Tage nach dem Unfall, wieder auf dem Trainingsplatz stand. „Es war von Anfang der Plan, wieder auf den Platz zurückzukehren“, sagt der 22-Jährige. Wenn es wirklich ein Risiko sei, hätte er aufgehört. Verboten hätten ihm die Ärzte allerdings nur einen Bungeesprung. Sein Trainer Diego de Marco will ihm „alle Zeit der Welt geben“. Die Idee, einen Kopfschutz, wie man ihn aus dem Rugby kennt, zu tragen, kam ebenfalls von de Marco; seit ein paar Tagen kommt Bruns im Training ohne aus.

Hat dieser Ball an den Kopf sein Leben verändert? „Ja“, sagt Bruns, und man merkt ihm trotz seines jungen Alters an, dass er das durchaus einordnen kann. „Man bekommt in dieser Zeit viele Schicksale mit, man lernt, sein Leben zu schätzen. Ich bin noch zufriedener, dass es mir gut geht“, sagt er.

Der Fußball wird auch weiterhin einen großen Teil seines Lebens einnehmen. Auch wenn die Mutter und seine Freundin ein mulmiges Gefühl dabei haben. „Zum Rückrundenauftakt will ich wieder auf dem Platz stehen. Das wäre cool“, sagt David Bruns.

Von Christoph Hage

11.11.2015
Carsten Schmidt 14.11.2015