Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Sport-Welt Muhammad Ali feiert 70. Geburtstag
Sport Sport-Welt Muhammad Ali feiert 70. Geburtstag
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:18 17.01.2012
Foto: „Wer ist der Größte?“ Muhammad Ali kannte die Antwort. Bis heute ist er der größte Boxer aller Zeiten.
„Wer ist der Größte?“ Muhammad Ali kannte die Antwort. Bis heute ist er der größte Boxer aller Zeiten. Quelle: dpa
Anzeige
Hannover

Miami Beach, 25. Februar 1964. „Wer ist der Größte?“, fragte Cassius Clay nach seinem sensationellen Sieg über Sonny Liston die Presse und gab – der Olympiasieger von Rom 1960 war gerade 22 Jahre alt geworden – selbst die Antwort: „I am the Greatest“, ich bin der Größte. Bescheidenheit zählte wirklich nicht zu den Stärken des Ausnahmeboxers, der weißen amerikanischen Gesellschaft war dieses schwarze Großmaul zuwider.

Wenn zur „prime time“ in Amerika der Gong ertönte, klingelte auf anderen Kontinenten der Wecker. Muhammad Ali, wie er sich seit seinem Übertritt zum Islam nennt, ist die größte lebende Legende des Sports. Am Dienstag feiert er seinen 70. Geburtstag. Den Mythos zu erfassen, der Ali umgibt, ist mit Worten schwer möglich. Sportlich hat er sich mit seinen drei Kämpfen gegen Joe Frazier und George Foreman in der ersten Hälfte der siebziger Jahre ein Denkmal gesetzt; die „Jahrhundertkämpfe“ nach dreieinhalbjähriger Verbannung wegen Wehrdienstverweigerung sind in die Geschichte eingegangen.

Aber da ist noch der andere Ali, der ehemalige Boxer Ali. Seit 1996 ist er der berühmteste Kranke der Welt. Seit er, gezeichnet von der Parkinsonkrankheit, mit zitternden Händen in Atlanta die olympische Flamme entzündete und dabei 85.000 Besucher im Olympiastadion und ein Milliardenpublikum vor den Bildschirmen zu Tränen rührte. Es war ein emotionales Comeback aus dem Schatten seines Schicksals. „Ali entfachte ein Buschfeuer seiner wiedergewonnenen Popularität“, schrieb die Zeitung „USA Today“ und kürte ihn zum „Athleten des Jahres“ 1996.

Ali hat Sonny Liston, Frazier, Foreman und „eine Gesellschaft besiegt, die einen selbstbewussten afroamerikanischen Sportler nicht ertragen konnte“ (Jan Philipp Reemtsma). Parkinson aber kann der heroische Kämpfer in und außerhalb des Rings nicht besiegen. Seit einem Vierteljahrhundert leidet Ali mit tragischer Würde an der Nervenkrankheit. Das Bild bei der Beerdigung Joe Fraziers vor zwei Monaten war ein Schock. „Er ist froh, dass er seinen 70. Geburtstag erlebt“, sagte Alis Frau Lonnie.

Der dreimalige Weltmeister im Schwergewicht ist ein ewiger Fernseh-Superstar: tänzelnder Boxästhet, narzisstischer Schreihals, schwarzer Rebell, zum Islam konvertierte, pazifistische Symbolfigur, überzeugter Wehrdienstverweigerer („Ich habe keinen Streit mit dem Vietcong“), schwer kranker Senior. Sein Gesicht gilt seit einem halben Jahrhundert als das bekannteste der Welt.

Unvergessen sind die Dramen: „Fight of the Champions“, den Ali gegen Joe Frazier im New Yorker Madison Square Garden nach Punkten verlor, weil ihm in der langen Zwangspause der tänzerische Stil „float like a butterfly, sting like a bee“ (schwebe wie ein Schmetterling, stich wie eine Biene) abhandengekommen war. Beim „Rumble in the Jungle“ in Kinshasa holte Ali sich den Titel zurück. Mit einer neuen Seiltaktik „rope a dope“ ermüdete er George Foreman und schlug ihn in der 8. Runde k. o. Beim „Thrilla in Manila“, der brutalsten und epischsten Schlacht der Boxgeschichte, durfte Frazier auf Geheiß seines Trainers Eddie Futch zur letzten Runde nicht mehr antreten. „Der nächste Schlag hätte tödlich sein können“, entschied der weise Mann. Ein völlig ausgezehrter Ali stöhnte derweil: „Es war wie der Tod. Ich habe erfahren, was dem Sterben am nächsten kommt.“

Beim Comeback zwei Jahre nach seiner Rücktrittserklärung wurde der einstige Champion von seinem früheren Sparringspartner Larry Holmes derart verprügelt, dass Alis Trainer Angelo Dundee das Debakel nach der 10. Runde unter Tränen beendete. Kurz nach dieser Demütigung im Caesars Palace von Las Vegas bemerkten Freunde, dass Alis Hände leicht zitterten und er langsamer sprach, manchmal auch schon nuschelte. Dennoch folgte ein Jahr später das „Drama in Bahama“, die entwürdigende Niederlage gegen einen gewissen Trevor Berbick. Der endgültig letzte Kampf mit knapp 40 Jahren am 11. Dezember 1981.

Geheim gehaltene Untersuchungen ergaben: Ali leidet an der Parkinsonkrankheit. Am 20. September 1984 machte er seine Krankheit öffentlich. Anlass waren die zurückliegenden Olympischen Spiele in Los Angeles. Bei meinem Besuch wenige Tage vor den Spielen in seinem Anwesen Freemont Place – einen Steinwurf vom Coliseum entfernt – antwortete Ali auf die Frage, ob er zur Eröffnungsfeier gehen werde, traurig: „Nein. Ich bin nicht eingeladen. Sie halten mich für einen blödgeschlagenen Boxer.“ Die Ali-Triologie symbolisiert Triumph und Tragik Olympias wie eine antike Tragödie: 1960 der glanzvolle Olympiasieg, 1984 der völlig Vergessene, 1996 die ergreifende Wiederkehr.

Der Narziss Cassius Clay ist längst vergessen, der Menschenfreund Muhammad Ali aber ist von den Slums in Kalkutta bis zu den Blechhütten in Soweto ein Begriff geblieben wie Coca-Cola. Staatsoberhäupter von Breschnew bis Mandela fühlten sich durch seinen Besuch geehrt. UN-Generalsekretär Kofi Annan ernannte ihn zum Friedensbotschafter der Vereinten Nationen. Präsident George W. Bush hängte ihm im Weißen Haus die Freiheitsmedaille um, die höchste zivile Auszeichnung der USA. Den Terroranschlag am 11. September 2001 verurteilte der entsetzte Muslim in einem bewegenden Fernsehauftritt: „Islam bedeutet Frieden.“

Ali war und ist mehr als ein Boxchampion. „Ich boxe nur, um bestimmte Dinge zu überwinden, die ich sonst nicht überwinden könnte“, hat er einmal gesagt. „Ich bin der schwarze Kissinger.“ Sein Engagement für die Bürgerrechtsbewegung und die politische Emanzipation der Afroamerikaner in den USA, sein Protest gegen den Vietnamkrieg sind so bedeutsam geblieben wie sein Boxstil für die globale Akzeptanz des ästhetischen Faustkampfes. Sein umwerfender Charme und sein faszinierendes Charisma verzauberten die Welt ebenso wie seine Boxkunst.

Schriftsteller wie Norman Mailer waren von Alis Aura und Ära hingerissen. „Amerikas größtes Ego“, „Fürst des Himmels“, „Prophet des 20. Jahrhunderts“ schwärmte der Autor und schrieb über das Weltereignis in Kinshasa ein Stück bester Literatur mit dem schlichten Titel: „The Fight“. Filmemachern ging es wie den Schriftstellern. Leon Gast gewann mit der Dokumentation „When We Were Kings“ über das Happening in Afrika einen Oscar. Michael Mann drehte das 107 Millionen Dollar teure Leinwandepos „Ali“ mit Will Smith in der Rolle der Jahrhundert-Persönlichkeit.

Ali führt seinen letzten Kampf voller Demut gegen eine Krankheit, die ihm genommen hat, was ihn einst weltberühmt gemacht hat: seine Athletik und seine Sprache. Er lebt und leidet, welche Ironie des Namens, in Paradise Valley, Arizona. Der strenggläubige Muslim hat einmal über sein Schicksal gesagt: „Ich habe nie gefragt: ,Warum ich?‘ Ich bin mit so viel Gutem gesegnet. Gott prüft mich.“

Hartmut Scherzer