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Sport-Welt Käsekuchen für die Olympiasiegerin
Sport Sport-Welt Käsekuchen für die Olympiasiegerin
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21:31 04.05.2009
Von Heiko Rehberg
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Claudia Pechstein Quelle: Marcus Brandt/ddp
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Claudia Pechstein sitzt auf der Terrasse des Robinson Club Cala Serena auf Mallorca und schaut durch ihre Sonnenbrille. Wenn sie den Kopf ein wenig zur Seite drehen würde, dann fiele ihr Blick auf die beiden Pools und im Hintergrund auf eine der malerischen Buchten von Cala d’Or. Aber Claudia Pechstein hat nur Augen für den Teller vor ihr und hat ein Problem: Der Käsekuchen ist alle.

„Kannst du mir noch ein Stück mitbringen“, ruft sie einem Urlauber zu, der sich gerade auf den Weg gemacht hat, um vom Kuchenbuffet Nachschub zu besorgen. Der Urlauber macht das gern: Wer kann schon später zu Hause erzählen, dass er einer Olympiasiegerin und Weltmeisterin ein Stück Käsekuchen aufgetischt hat?

Es ist eine dieser Fragen, die dann spannend werden, wenn sie mal einer formuliert. Und weil kaum jemand die Antwort kennt: Was machen eigentlich Wintersportler im Sommer?

Claudia Pechstein ist nicht irgendeine Wintersportlerin. Die Eisschnellläuferin ist mit insgesamt fünf Gold-, zwei Silber- und zwei Bronzemedaillen Deutschlands erfolgreichste Winterolympionikin aller Zeiten.

Seit Mitte April ist sie im Club auf der deutschen Lieblingsinsel im Mittelmeer, und an dieser Stelle ist es vielleicht sinnvoll, darauf hinzuweisen, dass das noch nicht die Antwort auf die oben aufgeworfene Frage ist: Nein, Wintersportler sitzen im Sommer nicht nur in angenehmen Hotels auf schönen Inseln und lassen sich den Kuchen schmecken. Außerdem ist es fair zu erwähnen, dass sich Pechstein ihren Kuchen absolut verdient hatte. Sie war nämlich gerade zurückgekehrt von einer anstrengenden Tour auf Inlineskatern.

30 Kilometer bei mehr als 20 Grad zum Cap de Ses Salinas im Südosten der Insel; für sie ist das ein Klacks. Aber Pechstein war nicht alleine. Sie begleitete als Trainerin zehn Urlauber, die bei Robinson einen Inliner-Kurs gebucht haben. Und als solche muss sie manchmal vorne das Tempo machen oder am Ende der Inliner-Schlange schauen, ob der Langsamste der Gruppe mitkommt oder ein paar Skating-Tipps und aufmunternde Worte gebrauchen kann. Auf beides versteht sich Pechstein übrigens ebenfalls weltmeisterlich.

Dafür zu sorgen, dass Urlauber nicht von der Rolle sind. Das macht Pechstein also im Sommer. Vor sechs Jahren hat Robinson sie gefragt, ob sie Lust habe, als prominente Vorläuferin an einer Sportwoche teilzunehmen. Lange grübeln musste sie nicht. „Mir macht es Spaß, meine Erfahrung weiterzugeben“, sagt die 37-Jährige. „Und ich lerne auch gerne Menschen kennen.“ Sie weiß, dass viele „den Kurs buchen, weil mein Name da steht“. Und es macht sie stolz, wenn die Leute, die sie sonst nur aus dem Fernsehen kennen, „zu mir sagen: ,Schön, dich mal live zu sehen.‘ Aber ich verstehe das nicht als Schaulaufen für mich.“

Jedes Jahr, wenn Pechstein ihren Inliner-Kurs gibt, hört sie von den Teilnehmern zu Beginn folgenden erstaunten Satz: „Du bist ja viel kleiner, als ich gedacht habe! Und viel schmaler!“ Das Fernsehbild mache halt breit, sagt sie und lacht. Tatsächlich erwarten die Menschen wahrscheinlich, dass eine Eisschnellläuferin kräftig und muskelbepackt ist. Und sind dann überrascht über eine fitte, gut trainierte, hübsche und eher zierliche Sportlerin.

An ihre Arbeit als Inline-Animateurin hat sich im Club das Trainingslager mit den deutschen Eisschnelllaufkollegen angeschlossen, Anfang nächster Woche geht es weiter von Mallorca nach Italien. Das ist es nämlich, was Wintersportler vor allem im Sommer machen: trainieren. Auf Inlinern, auf dem Rad, im Kraftraum.

Pechstein hat nächstes Jahr ein letztes großes Ziel, und das heißt Vancouver. Es wären ihre sechsten Olympischen Spiele.

Spätestens wenn es im Juni wieder aufs Eis geht, ist Schluss mit Käsekuchen. Aber in dieser Hinsicht muss man sich um Claudia Pechstein ohnehin keine Sorgen machen. An ihrem freien Tag hat sie sich auf Mallorca einer Gruppe von ambitionierten Hobbyradfahrern angeschlossen, die um diese Zeit die Insel bevölkern. Sie hat sich dabei zurückgehalten. „Es war eine gemütliche Runde“, sagt sie. Mit anderen Worten: Wenn sie gewollt hätte, dann hätte Pechstein die Gruppe in Grund und Boden gefahren. Aber das ist ihr nicht wichtig. Wichtig ist Olympia 2010. Dort wird sie Tempo machen.

Carsten Schmidt 04.05.2009
Norbert Fettback 03.05.2009
Gabriele Schulte 03.05.2009