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Sport-Welt Jan Ullrich kommt zur "Nacht von Hannover"
Sport Sport-Welt Jan Ullrich kommt zur "Nacht von Hannover"
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07:31 19.08.2009
Von Stefan Knopf
Ein Bild aus fröhlichen Tagen: 2004 schmückte Jan Ullrich (rechts) noch jedes Radrennen – und hatte mit Andreas Klöden (links) und „Nacht“-Organisator Reinhard Kramer gut Lachen.
Ein Bild aus fröhlichen Tagen: 2004 schmückte Jan Ullrich (rechts) noch jedes Radrennen – und hatte mit Andreas Klöden (links) und „Nacht“-Organisator Reinhard Kramer gut Lachen. Quelle: zur Nieden
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Zum ersten Mal seit seinem Sieg 2005 ist Ullrich am Freitagabend wieder Besucher bei dem Rennen, zu dessen Stammgästen er nach der Neuauflage 1997 zählte und das er über Jahre hinweg mitgeprägt hatte. Aufs Fahrrad wird sich Ullrich allerdings nicht schwingen: Als persönlicher Ehrengast von „Nacht“-Chef Reinhard Kramer wird er sich das Spektakel vom Straßenrand aus anschauen. Mit fünf Siegen in den Jahren 1998, 2000, 2001, 2003 und 2005 ist Ullrich noch immer Rekordsieger des Rennens, zu dieser Zeit hatte er die Zuschauer zu Zehntausenden in die hannoversche Innenstadt gelockt.

Jahrelang war Ullrich das Gesicht des Radsports in Deutschland, mit seinem Sieg bei der Tour de France 1997 war er maßgeblich verantwortlich für den Radsportboom hierzulande, doch aus der Sicht vieler ist das längst verblasst: Zuletzt hatte Ullrich nur noch in Verbindung mit dem Begriff Doping für Schlagzeilen gesorgt. Obwohl er bestreitet, jemals mit unerlaubten Mitteln nachgeholfen zu haben, gilt seine Verbindung zum mutmaßlichen Dopingarzt Eufemiano Fuentes als gesichert: Bei dem spanischen Mediziner wurden 2006 Blutkonserven sichergestellt, die Ullrich zugeordnet werden konnten. Ullrichs Sicht der Dinge war schon immer eine besondere. Als er im Frühjahr 2007 in einem Hamburger Hotel seinen Rücktritt vom aktiven Radsport verkündete, holte er zu einer knapp 45-minütigen Medienschelte aus; Fragen, die es ja durchaus gab, waren nicht erwünscht. Während der diesjährigen Tour de France lobte er den Radsport als „eine der saubersten Sportarten“, am selben Tag wurde bekannt, dass der Italiener Danilo Di Luca beim Giro d'Italia positiv auf EPO getestet worden war. Aktuell läuft in der Schweiz ein Dopingverfahren gegen Ullrich.

Sein Besuch bei der „Nacht“ am Freitag ist einer der seltenen öffentlichen Auftritte Ullrichs in Deutschland. „Dass Jan die Einladung angenommen hat, zeigt, welch hohen Stellenwert Hannover und die ,Nacht? noch immer bei ihm haben,“ sagt Kramer. „Er hat sich sehr über die Einladung gefreut und wird ganz privat nach Hannover kommen.“ Begleitet wird Ullrich von seinem Manager Wolfgang Strohband. Der Umzug von der Markthalle an die Oper im vergangenen Jahr, vom „Bauch der Stadt“ ins „Herz der Stadt“, war ein deutliches Zeichen: In schwierigen Zeiten wagt die „Nacht von Hannover“ einen Neuanfang. Vieles läuft seither in die richtige Richtung; das Fahrerfeld wird dominiert von einer neuen, jungen deutschen Radsportgeneration, das Rahmenprogramm betont den Eventcharakter des Spektakels.

Die Tatsache, dass die Sponsoren dem Rennen trotz allgemeiner Zweifel am Radsport und trotz wirtschaftlicher Krise die Treue halten, zeigt die Anerkennung für die Arbeit der Organisatoren und ist ein Vertrauensvorschuss, den andere Veranstaltungen nicht bekamen: Weitaus größere Rennen, unter anderem die Deutschland-Tour, gibt es inzwischen nicht mehr. Dass Jan Ullrich nun am Freitag nach Hannover zurückkehrt und am Straßenrand steht, ist in dieser Hinsicht kein Rückschritt, er fährt ja nicht mit. Der Werbegag, aus einem privaten Besuch einen öffentlichen Vorgang zu machen, ist es aber gleichwohl. Von „unbelasteten Fahrern“ sprach Thomas Ziegler, der Sportliche Leiter des Rennens, noch am Montag; tags darauf wurde das alles verdrängt von einem Gespenst aus der Vergangenheit, das die Veranstalter doch abschütteln wollten. Fast scheint es, als trauten die Organisatoren ihren verpflichteten Profis nicht, als sehnten sie sich nach dem großen Namen, den es momentan nun mal nicht gibt im deutschen Radsport. So vergeben sie die Chance, sich von der Vergangenheit klar abzugrenzen.

Ziehen wird der Name Ullrich in jedem Fall: Die einen werden begeistert Plakate schwenken, weil der 35-Jährige für sie weiterhin ihr „Ulle“ ist, andere werden schlicht mal sehen wollen, wie viel er seit seinem Karriereende zugenommen hat. Nötig hat die „Nacht“ das nicht.