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Sport-Welt „Ich hätte ganz sicher Gold gewonnen“
Sport Sport-Welt „Ich hätte ganz sicher Gold gewonnen“
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20:16 11.04.2014
Von Stefan Koch
Gretel Bergmann galt als eine der besten Hochspringerinnen ihrer Zeit.
Gretel Bergmann galt als eine der besten Hochspringerinnen ihrer Zeit. Quelle: Archiv
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New York

Heimat schüttelt man nicht so einfach ab. Man kann sie verlassen, man kann sie sogar hassen. Aber letztlich kann man sie nur schlecht vergessen. An ihre Heimat wird Margaret Bergmann-Lambert in diesen Tagen recht eindringlich erinnert: Seit Wochen trudeln fast täglich Postkarten aus ihrem Geburtsort Laupheim ein - obwohl sie seit mehr als sieben Jahrzehnten in New York lebt.

Die alte Dame feiert an diesem Sonnabend ihren 100. Geburtstag. Schüler des Laupheimer Carl-Laemmle-Gymnasiums schicken ihr unzählige Puzzleteile in die Avon Street im Stadtteil Queens, die zusammengesetzt ein großes Foto ergeben. Die Aufnahme zeigt die Jubilarin als junge Leichtathletin in den dreißiger Jahren. Gretel Bergmann, wie sie damals noch hieß, zählte zu den weltbesten Hochspringerinnen, die große Chancen auf einen Medaillengewinn bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin hatte. Doch die Naziführung benutzte und missbrauchte das Sporttalent für ihre Propagandaschlacht - und verhinderte letztlich ihre Teilnahme.

Die dramatischen Zeiten liegen lange zurück, aber vergessen sind sie nicht. Die erstaunlich rüstige Dame beschreibt mit fester Stimme ihr Schicksal: Als Jüdin wurde sie unmittelbar nach der Machtergreifung von Adolf Hitler aus ihrem Ulmer Fußball-Verband ausgeschlossen. Bergmann ging zum Studium nach England und gewann 1934 die britischen Hochsprung-Meisterschaften mit einem Satz über 1,55 Meter.

Kurz darauf spitzte sich die Situation zu: Bergmann sollte nach Deutschland zurückkehren, weil sich das Nazi-Regime vor den Olympischen Spielen als tolerantes Land präsentieren wollte. In Berlin war aufmerksam registriert worden, dass die USA mit einem Boykott der Spiele drohten, sollten die deutschen Juden von dem Großereignis ausgeschlossen werden. Die braunen Sportfunktionäre heckten einen perfiden Plan aus: Wie ein Lockvogel sollte Bergmann zunächst auf der Teilnehmerliste stehen, später aber - unter einem Vorwand - wieder gestrichen werden.

Die Organisatoren gingen brutal vor: Sie drohten ihren Eltern, die zunächst noch in Ulm geblieben waren, mit Repressalien, sollte die junge Frau nicht unverzüglich nach Deutschland zurückkehren. Bergmann beugte sich dem Druck und nahm ihr Training in Ulm wieder auf. Zunächst mit Erfolg: In Stuttgart stellte sie 1936 mit 1,60 Meter den deutschen Rekord ein. Kurz darauf wurde ihr mitgeteilt, dass sie wegen „mangelnder Leistungen“ nicht an den Wettkämpfen teilnehmen könne. Die Absage wurde genau an dem Tag verfasst, an dem die amerikanische Olympiamannschaft in New York das Schiff in Richtung Europa be­stiegen hatte.

Seltsamerweise gaben sich die Nazis noch nicht einmal die Mühe, den Fall zu kaschieren: Bergmanns Platz im Olympiateam blieb unbesetzt, eine Nachrückerin boten sie nicht auf. Olympiasiegerin wurde die Ungarin Ibolya Csak mit einer Höhe von 1,60 Meter. „Sie haben mich um den Olympiasieg betrogen. Ich hätte ganz sicher die Goldmedaille gewonnen, ich wollte es allen Deutschen zeigen!“, sagt Bergmann. Die Erinnerungen an die verpasste Chance hätten sie ein Leben lang verfolgt - obwohl sie ein Jahr später in die USA ging und in ihrer neuen Heimat dreimal die nationalen Meisterschaften gewann.

Eine Rückkehr nach Deutschland oder auch nur eine Kontaktaufnahme mit Deutschen erschien ihr lange Zeit unmöglich. Bergmann und ihre Eltern konnten sich zwar vor den Nazis in Sicherheit bringen, nicht aber die Angehörigen ihres Ehemannes Bruno Lambert: Seine gesamte Großfamilie fiel dem Massenmord zum Opfer.

Bis zu einer ersten Wiederannäherung mit der alten Heimat verging mehr als ein halbes Jahrhundert. Gegenüber den Gästen aus Deutschland, die sie jetzt wieder regelmäßig in der Avon Street in New York empfängt, erklärt sie diesen Wandel: „Vergessen kann man die Verbrechen nicht. Aber man kann nicht ewig hassen.“

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