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Sport-Welt Großer Auftritt für die Randsportart
Sport Sport-Welt Großer Auftritt für die Randsportart
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22:26 09.07.2009
Von Björn Franz
Nicht zu stoppen: Der deutsche Nationalspieler Mustafa Güngör (links) und sein Team treffen in der EM-Vorrunde in Hannover auf Frankreich, Russland, Moldawien und Rumänien. Quelle: Ulrich zur Nieden
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Die Messlatte liegt hoch. Dessen ist sich Achim Behring-Scheil völlig im Klaren. Immerhin schafften der Turnierorganisator und sein Team im vergangenen Jahr bei der ersten Austragung der Europameisterschaft im Siebener-Rugby in Hannover etwas, was ihnen kaum jemand zugetraut hatte. Insgesamt 26.000 Zuschauer strömten an den beiden Veranstaltungstagen in die AWD-Arena. Dort, wo sonst regelmäßig die Fußballprofis von Hannover 96 die Ränge füllen, hatte eine Randsportart ihren großen Auftritt, zu deren Ligaspielen sich in der Regel nur um die 100 Besucher einfinden. Diese Leistung beeindruckte. Und zwar nicht zuletzt die Funktionäre des europäischen Verbandes, die so begeistert von der Organisation und dem Verlauf der EM waren, dass sie das Turnier an diesem Wochenende zum zweiten Mal in Folge im Stadion am Maschsee austragen lassen.

Erneut werden am Sonnabend und am Sonntag also zehn Männerteams um den Titel des Europameisters kämpfen. Und damit nicht genug. Zusätzlich findet in diesem Jahr auch die Europameisterschaft der Frauen in Hannover statt. 20 Mannschaften also statt zehn. „Das ist schon eine Herausforderung“, gesteht Behring-Scheil, der auf die Unterstützung von 120 ehrenamtlichen Helfern setzen kann. Und auf die Hilfe der Stadt. Insgesamt 80 Großflächenplakate werben in Hannover für die Rugby-EM, zudem wurde laut Klaus Timaeus, dem Sportmanager der Stadt, auch in Braunschweig und Hildesheim plakatiert. Immerhin haben Behring-Scheil und Timaeus einen Traum. Sie möchten im Jahr 2013 die WM im Siebener-Rugby nach Hannover holen. Und als Referenz dafür wünscht sich der Turnierchef „diesmal mehr als die 26.000 Zuschauer aus dem vergangenen Jahr“.

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Doch nicht nur was die Zuschauerzahlen angeht, soll der Trend nach oben gehen. Auch im sportlichen Bereich sind die Erwartungen vor Turnierbeginn hoch. Nach dem 7. Platz im Vorjahr hat Volker Himmer, der Sportdirektor des Deutschen Rugby-Verbandes (DRV), diesmal Platz 4 als Ziel ausgegeben. „Wir haben insgesamt fünf Vorbereitungturniere gespielt und uns so gut präpariert wie noch nie“, meint der Hannoveraner. Und zumindest die Chance, einen der beiden ersten Tabellenplätze in der Vorrundengruppe und damit das Halbfinale zu erreichen, sieht auch Rainer Kumm. „Das Teilnehmerfeld ist sehr ausgeglichen“, sagt der Bundestrainer, der ebenfalls aus Hannover stammt. „Wir können alle vier Mannschaften in unserer Gruppe schlagen, aber auch gegen alle vier verlieren.“

Viel wird bereits vom Eröffnungsspiel abhängen, das die deutschen Männer am Sonnabend um 12 Uhr gegen Frankreich bestreiten. Wie hoch ein Erfolg gegen den zu den weltbesten Rugbynationen gehörenden Turnierfavoriten einzuschätzen wäre, verdeutlichen schon die Rahmenbedingungen: Die Franzosen reisen durchweg mit Profis aus ihrer 1. und 2. Liga an. Bei den Gastgebern verdienen lediglich die gebürtigen Hannoveraner Tim Kasten und Robert Mohr in England beziehungsweise Frankreich mit dem Rugby ihren Lebensunterhalt.

Alle anderen Nationalspieler gehen einem „normalen“ Beruf nach. Der Hannoveraner Benjamin Simm zum Beispiel, absolvierte am Donnerstag noch wie gewohnt seinen Dienst als Feuerwehrmann, sein Mitspieler Christopher Weselek war in Heidelberg als Polizeibeamter unterwegs. Dass sich das deutsche Nationalteam deshalb erst am Freitagmorgen um 8.30 Uhr – nicht einmal 28 Stunden vor dem Eröffnungsspiel gegen die Franzosen – zum gemeinsamen Frühstück im Laatzener Copthorne-Hotel trifft, gehört zu den Besonderheiten, die eine EM in einer Randsportart mit sich bringt.

Doch spätestens wenn am Sonnabendmittag der Ankick zur Auftaktpartie gegen die Franzosen erfolgt ist, wird keiner der zehn deutschen Spieler mehr an seine eigentliche Arbeit denken. Dann zählt nur noch die Europameisterschaft. Immerhin wollen sie bei der möglichst viel Werbung machen. Für sich, für ihren Sport – und ein bisschen eben auch für die Chance, in vier Jahren vielleicht sogar einmal bei einer WM im eigenen Land mitspielen zu können.