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Sport-Welt Eingeklemmt wie in einem Sandwich
Sport Sport-Welt Eingeklemmt wie in einem Sandwich
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20:32 26.09.2011
Von Heiko Rehberg
Ralf Rangnick: „Nach langer und reiflicher Überlegung bin ich zum Entschluss gekommen, dass ich eine Pause brauche.“ Quelle: dpa
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Hannover

Es ist erst ein paar Tage her, da hatte Ewald Lienen Unglaubliches zu erzählen. Der Fußballtrainer war nach langer Zeit mal wieder in Hannover und bei 96, seinem alten Verein. Lienen, dessen letzte Trainerstation bei Arminia Bielefeld ohne sein Verschulden ein großer Reinfall war (die Ostwestfalen hätte selbst Superman nicht gerettet), sah gut erholt aus und war bestens gelaunt. Er erzählte davon, dass er fünf Wochen Urlaub auf Teneriffa gemacht und diesen sehr genossen habe. Fünf Wochen Urlaub am Stück – als Lienen davon sprach, war zu spüren, dass er ein bisschen über sich selbst staunte. Lienen, Fußballprofi seit 1974, Trainer seit 1989, war in den vergangenen knapp 40 Jahren noch nie so lange im Urlaub.

Lienens Geschichte bekam drei Tage später einen neuen Dreh, als sein Kollege Ralf Rangnick, wie Lienen ein ehemaliger 96-Trainer, bei Schalke 04 überraschend seinen Rücktritt erklärte. Rangnick sah sich aufgrund eines Erschöpfungssyndroms nicht mehr in der Lage, „die Kraft und Energie aufzubringen, die Mannschaft weiter zu führen“. Seitdem diskutiert Deutschland darüber, wie gnadenlos das Fußballgeschäft ist und sieht die Arbeit der Trainer in einem etwas anderen Licht.

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Fußballtrainer bei einem der 18 Erstligaklubs in Deutschland: Das ist für fast jeden Fan ein Traumberuf. Man kann Arjen Robben beim Training nach der Pfeife tanzen oder Michael Ballack ohne Begründung auf der Bank schmoren lassen, bekommt viel, teilweise sehr viel Geld. Und wenn man irgendwann rausgeschmissen wird, weil der eigene Klub vom Abstieg bedroht ist, dann kann man von der Abfindung sorgenfrei leben. So ungefähr sah das Trainerklischee aus, und nichts davon ist wirklich falsch. Aber es gibt eben noch andere Seiten. Rangnicks mutiger Schritt in die Öffentlichkeit hat den Scheinwerfer darauf gelenkt, dass „der Trainerjob heutzutage eine wahnsinnige psychische Belastung ist“, wie es Hoffenheims Coach Holger Stanislawski formuliert.

Dass Fußballtrainer – ähnlich wie Topmanager – unter einem besonderen Druck stehen, ist nicht neu. „Der Druck im permanenten Sandwich zwischen den Erwartungen des Vereins und der Fans sowie den eigenen Ansprüchen ist extrem hoch“, sagt Horst Zingraf, der Präsident des Bundes Deutscher Fußball-Lehrer (BDFL). Dass dieser Druck in den vergangenen Jahren, seit selbst der gruseligste Kick medial aufbereitet wird wie ein WM-Finale, stark zugenommen hat, bestätigen alle Trainer, mit denen man spricht.

Druck gibt es in fast jedem Beruf. Aber kein Beruf, vielleicht mit Ausnahme der großen Politik, ist derart öffentlich wie der des Profitrainers. Was immer ein Fußballtrainer während der 90 Minuten vor oder auf seiner Trainerbank macht, auf die Uhr schauen, auf einem Zettel etwas notieren oder vor Wut eine Wasserflasche durch die Gegend treten, immer sind die Kameras auf ihn gerichtet. Thomas Schaaf, der Trainer von Werder Bremen, sonst ein schweigsamer Typ, hat nach Rangnicks Rückzug sehr eindrucksvoll beschrieben, was es heißt, wenn die Öffentlichkeit einem beim Arbeiten zuschaut. „Ich werde beobachtet und begutachtet. Egal, ob ich privat rausgehe oder in Person des Trainers auftrete. Ich werde von der Öffentlichkeit kontrolliert“, sagt Schaaf und kommt zu dem Schluss: „Trainer zu sein ist ein extremer Job.“

Rangnicks Bekenntnis, momentan keine Kraft mehr für diese fordernde Trainermühle zu haben, hat wie im Schnelldurchlauf etwas bewirkt. Der Druck und die Folgen für Körper und Seele eines Trainers sind kein Tabuthema mehr. Und der eine oder andere Kollege, der bis dahin geschwiegen hat, überrascht damit, dass es ihm ähnlich wie Rangnick ergangen ist. So berichtete der Schweizer Nationaltrainer und langjährige Bayern-Coach Ottmar Hitzfeld davon, dass er in München „auf dem besten Weg zum Burn-out“ war: „Bei dem Double, das wir 2003 geholt haben, habe ich keine Freude empfunden“, sagt Hitzfeld. So etwas erlebt zu haben, macht feinfühlig, vielleicht hat Hitzfeld deshalb geahnt, was zuletzt in Rangnick vorging. „Ich schaue die Trainer genau an und studiere ihr Verhalten“, sagt Hitzfeld, „und ich habe da schon das Gefühl gehabt, dass Rangnick nicht mehr so richtig jubelt, wenn sein Verein die Tore geschossen hat.“

Wer als Trainer eines Fußball-Bundesligisten arbeitet, „muss nonstop Entscheidungen treffen“, sagt der Bremer Schaaf. Und Hoffenheims Stanislawski ist amüsiert, wenn er mit dem Bild konfrontiert wird, das sich viele Menschen von seinem Arbeitsalltag machen. „Es geht nicht darum, mal zwei Stunden Training am Tag zu machen“, sagt er, „es geht darum, sich jeden Tag permanent mit 30 bis 50 Leuten zu beschäftigen. Jeder hat Bedürfnisse, und alle müssen befriedigt werden.“

Jeder Trainer hat Strategien entwickelt, wie er sich vor Druck und Stress zu schützen versucht. „Es ist wichtig, dass man ein paar Schritte Richtung normales Leben geht“, sagt Stanislawski. BDFL-Präsident Zingraf macht sich für „Auszeiten“ stark, die Trainer nehmen sollen. „Sie wirken der starken Dauerbelastung entgegen.“ Doch nicht jeder Trainer will sich damit anfreunden. Als Friedhelm Funkel vor ein paar Tagen in der 2. Liga beim Abstiegskandidaten VfL Bochum entlassen wurde, heuerte er ein paar Stunden später beim Abstiegskandidaten Alemannia Aachen an.

Ottmar Hitzfeld hat nach seiner ersten Bayern-Amtszeit „über ein Jahr gebraucht, um wieder richtigen Appetit zu haben und um mich wieder am Leben zu erfreuen“. Ewald Lienen hat nach fünf Wochen auf Teneriffa ebenfalls Lust auf die nächste Herausforderung. Ein bisschen Fußball hat er auf der Kanareninsel übrigens auch geschaut. Spanien, 3. Liga. Ganz ohne geht nicht.

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