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Sport-Welt „Ein einziger Spieler bedeutet gar nichts“
Sport Sport-Welt „Ein einziger Spieler bedeutet gar nichts“
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20:58 03.12.2009
Von Heiko Rehberg
Jupp Heynckes
Jupp Heynckes Quelle: ddp (Archiv)
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Herr Heynckes, Ihre Mannschaft Bayer 
Leverkusen ist nach 14 Spieltagen in der Bundesliga Tabellenführer und 
begeistert mit attraktivem Fußball. Haben Sie das für möglich gehalten, als Sie bei Bayer als Trainer zugesagt haben?

Meine Entscheidung war wohl überlegt. Ich habe die Mannschaft analysiert, wie sie Fußball spielt, was sie für einen Charakter hat; auch den Verein. Es ist alles das eingetroffen, was ich mir vorgestellt habe, auch wenn man es so sicherlich nicht voraussehen konnte. Aber was wir bisher erreicht haben, das haben wir uns sehr akribisch und sehr intensiv erarbeitet.

Was sagen Sie den Kritikern, die behaupten: Die typische Bayer-Krise kommt schon noch. Das war doch in der Vergangenheit immer so.

Das höre ich jede Woche. Aber es ist nicht nur so, dass wir nach vorne einen attraktiven Fußball spielen. Unser gesamtes Defensivverhalten ist ganz anders als zum Beispiel in der Rückrunde der vergangenen Saison. Die Spieler haben sich weiterentwickelt, sie haben mehr Erfahrung. Und dann haben wir mit Sami Hyypiä (der finnische Nationalspieler kam vom FC Liverpool, d. Red.) einen Spieler dazubekommen, dessen Persönlichkeit ansteckend ist. Die Leute sollen ruhig reden und Fragen stellen: Wir gehen unseren Weg und sind so selbstbewusst, dass wir sagen: Wir wollen ins internationale Geschäft. Wir wollen unter die ersten fünf Teams der Tabelle.

Stefan Kießling spielt im Angriff bislang eine überragende Saison und hat schon zwölfmal getroffen, Eren Derdiyok überzeugt ebenfalls. Jetzt steht Ihnen nach überstandener Kreuzbandverletzung auch Nationalspieler Patrick Helmes im Sturm wieder zur Verfügung. Haben Sie als Trainer ein Luxusproblem?

Nein, ein Luxusproblem werden wir nie haben. Vier der besten Spieler in der vergangenen Saison, allesamt Stammspieler, waren bislang überwiegend nicht dabei. Daran sieht man, dass immer etwas passiert. Wenn Simon Rolfes, Renato Augusto, Michal Kadlec und Helmes alle zurückkommen, dann werden wir noch besser werden, davon bin ich überzeugt. Helmes ist natürlich noch nicht in Bestverfassung. Er trainiert gut, hat ein riesiges Reha-Programm gemacht, aber die Wettkampfpraxis kann das nicht ersetzen. Wir werden ihn mit Kurzeinsätzen behutsam an die Mannschaft heranführen. Und noch mal zum Luxusproblem: Helmes hat vergangene Saison 21 Tore gemacht – wir haben ihn schon vermisst. Jetzt haben wir eine Alternative mehr auf der Bank, um von dort Spiele zu gewinnen.

Am Sonnabend sind Sie mit Leverkusen bei Hannover 96 zu Gast. Es wird auch das Duell von Torjäger Kießling gegen die 96-Abwehr. Wie beurteilen Sie die hannoversche Mannschaft?

Ein einziger Spieler bedeutet gar nichts. Unsere Stärke ist der Kollektivfußball. Das ist heute im modernen Spitzenfußball entscheidend. Kießling ist übrigens nicht nur unser Top-Torjäger, er ist auch unsere Arbeitsbiene ...

Und 96?

Die Mannschaft hat Struktur. Sie kann Fußball spielen. Das Team, der Klub, die Region haben einiges durchgemacht in den vergangenen Wochen. Gegen Bayern München hat mir 96 gut gefallen. Von einem Klassenunterschied war größtenteils nichts zu sehen; die Bayern waren nur einfach effektiver.

Ist Hannover 96 für Sie ein besonderer Verein? Sie sind 1967 zu den „Roten“ gewechselt, haben in drei Jahren 
101 Spiele gemacht und 35 Tore erzielt...

Ich glaube, es waren nur 25 (Heynckes hat Recht, d. Red.), so viele Tore habe ich in Mönchengladbach in einer Saison gemacht ... Aber Hannover ist mir trotzdem ungemein angenehm in Erinnerung geblieben. Ich war damals eigentlich noch gar nicht so weit, um zu wechseln. Aus dem beschaulichen Mönchengladbach nach Hannover – das war für mich ein großer Schritt. Aber wir haben uns damals wohlgefühlt, hatten sehr viele Freunde, unsere Tochter ist in Hannover geboren. Sportlich war ich mit mir und mit dem Abschneiden der Mannschaft nicht zufrieden. Ich glaube, unser Trainer Horst Buhtz ist entlassen worden, da standen wir auf dem 5. Platz. Die Verantwortlichen in Hannover hatten zu wenig Geduld.

Das mit der fehlenden Geduld hat sich 
später als Tradition bei 96 etabliert...

(lacht). Das ist fast überall so.

Constant Djakpa ist von 96 ausgeliehen und hat bei Bayern einen Vertrag. Wie gefällt er Ihnen?

Ich habe ihn jetzt zweimal gesehen, und er ist mir positiv aufgefallen. Er ist ein technisch sehr guter Spieler, hat eine gute Spielübersicht und einen sehr guten Schuss. Deshalb hat ihn der Klub damals verpflichtet. Über die Kaderplanung für die neue Saison sprechen wir kommenden Mittwoch. Wenn wir in den europäischen Wettbewerb kommen, dann brauchen wir einen breiteren Kader. Ich könnte mir dann vorstellen, ihn zurückzuholen.

Kennen Sie Ihren Kollegen 
Andreas Bergmann?

Nein. Aber ich finde es nicht nur mutig, sondern auch goldrichtig, dass man solchen Trainern einen Chance gibt, oben zu arbeiten. Was man so hört oder sieht, dann hat er ein Händchen für die Spieler. Und ein angenehmes Auftreten hat er auch.

Gibt es Sonnabend einen Auswärtssieg?

Man bekommt in der Bundesliga nichts geschenkt. 96 hat zweimal in Folge verloren und wird hochmotiviert sein. Wir werden 90 Minuten hart arbeiten müssen für den Sieg. Aber wir haben die Klasse und das Selbstbewusstsein und sind gut in Schuss. Und wir wollen oben bleiben.

Interview: Heiko Rehberg