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Sport-Welt Der Quarterback und seine Football-Leidenschaft
Sport Sport-Welt Der Quarterback und seine Football-Leidenschaft
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23:36 08.05.2009
Hannovers Quarterback: Oliver Krämer wird vom Spartans-Kollegen Christian Rudolph getragen.
Hannovers Quarterback: Oliver Krämer wird vom Spartans-Kollegen Christian Rudolph getragen. Quelle: Ulrich zur Nieden
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„Gesund bleiben“, lautet dann auch das Saisonziel Nummer 1 von Oliver Krämer, dem Quarterback der Hannover Spartans. Allerdings schränkt er ein: „Nicht unter allen Umständen.“

American Football ist kein Sport für zartbesaitete Seelen. „Man muss schon ein harter Kerl sein, wenn man Football spielen will“, versichert Krämer, für den Football „das Geilste überhaupt“ ist. Die Faszination für seinen Sport, der in Deutschland immer noch ein Schattendasein fristet, ist ihm mit jedem Wort anzumerken. Wenn er auf dem Platz steht, bekommt er „einen Adrenalinkick, der einen gegen Schmerzen immun werden lässt“. Und Schmerzen muss man schon aushalten können, wenn man sich für den Nationalsport der Amerikaner entscheidet – nicht nur heute beim Heimspiel-Auftakt seiner Spartans in Bischofshol.

Der Spielmacher begegnet dem Verletzungsrisiko mit einer gewissen Gleichgültigkeit. „Wenn ich mir etwas beim Football tun würde, würde es mir nicht so wehtun, als wenn ich beispielsweise einen Fahrradunfall hätte“, erklärt er anschaulich die Einstellung der mehr als 50 Spieler bei den Hannover Spartans.

Wie zum Beweis humpelt während des Gesprächs mit Krämer der Ersatz-Quarterback Jens Grote mit schmerzverzerrtem Gesicht vom Platz. Nach der Trainingseinheit sitzt er mit dick verbundenem Knöchel vor der Klubgaststätte. Auf die Nachfrage „Bänderdehnung?“ antwortet er fröhlich, als ob er gerade den entscheidenden Pass geworfen hätte: „Wohl schlimmer.“

Während es in der Frühphase dieses Sports in den USA sogar Todesfälle zu beklagen gab, gibt es in der heutigen Zeit aufgrund umfangreicher Schutzbestimmungen kaum noch wirklich schlimme Unfälle. Das bestätigt auch Quarterback Krämer: „In zehn Jahren Football habe ich nur zwei oder drei Spiele aufgrund von Verletzungen verpasst.“

Demnächst kann er sich wohl sogar höchstpersönlich um die Kampfesspuren seiner Sportkameraden kümmern. Oliver Krämer strebt ein Medizinstudium an. Allerdings will er nicht in den auf der Hand liegenden Bereich der Orthopädie wechseln, sondern Radiologe werden.

Das Footballspiel durchleuchtet der Spielmacher dabei schon jetzt wie ein Radiologe den menschlichen Körper: „Als Quarterback muss man die Taktik verstehen und sie umsetzen. Man muss wissen, an welcher Stelle sich der Receiver (Passempfänger, d. Red.) befindet. Wenn ich die Schritte zurück mache, muss ich wissen, zu welcher Zeit der Receiver wo sein wird. Das ist das A und O. Dann kann man fast blind werfen.“

American Football ist ein taktisch sehr komplexes Spiel. Für unwissende Einsteiger hat Krämer einen besonderen Tipp parat: „Football kann man am besten auf der Playstation lernen. Man hat dort ein komplettes Regelwerk vor Augen. Wenn man sich ein Grundwissen anliest und ein bisschen auf der Konsole spielt, dann versteht man schon viel.“

Er selbst wandelt das virtuelle Konsolenwissen auf dem Feld in praktische Spielzüge um: „Ich versuche, die Abläufe so zu gestalten wie in einem Computerspiel. Ich versuche, vor dem Spielzug die möglichen Optionen durchzuspielen.“ Man merkt dem Medizinstudenten in spe an, dass ihm seine Sportart in Fleisch und Blut übergegangen ist. Er ist ein Aktiver und gleichsam einer der größten Fans dieses Sports.

Sobald man ihn auf seinen USA-Besuch anspricht, gerät er regelrecht ins Schwärmen. Sein ehemaliger Trainer bei den Musketeers, einem in Insolvenz gegangenen hannoverschen Football-Klub, hat ihm einen Blick hinter die Kulissen seiner Lieblingsmannschaft Tennessee Titans ermöglicht. „Er hat mich bei dem Besuch eines Freundes in den USA abgeholt und ist mit mir nach Nashville gefahren. Schon von Weitem habe ich das riesige Titans-Logo auf der aufblasbaren Trainingshalle gesehen. Ich dachte, wir schauen uns das nur von außen an. Aber ich habe mich mit den Spielern unterhalten, mit ihnen Mittag gegessen und durfte sogar ein paar Bälle werfen. Das war einfach unglaublich, unbeschreiblich, grandios, ich bin ja selbst ein Titans Fan“, erzählt er leidenschaftlich von dem schönsten Erlebnis seines Lebens.

Da passt es in den Karriereplan des jungen Mannes, dass viele gute deutsche Mediziner in den Vereinigten Staaten ihr Geld verdienen. „Das habe ich schon im Hinterkopf“, sagt Krämer und lächelt.

von Kay Siecken

Heiko Rehberg 04.05.2009
Carsten Schmidt 04.05.2009