Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Sport-Welt Das deutsche Tennis tritt auf der Stelle
Sport Sport-Welt Das deutsche Tennis tritt auf der Stelle
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:20 22.05.2009
Von Jens Reinbold
Sabine Lisicki Tennis
Selbstbewusst: Sabine Lisicki zählt zu den Hoffnungsträgerinnen im deutschen Tennis. Quelle: Findlay Kember/afp
Anzeige

Als vor einem Jahr die deutschen Männer sämtlich in der 1. Runde der French Open scheiterten, schien das deutsche Tennis an einem neuen Tiefpunkt angekommen zu sein. Wieder einmal hagelte es Kritik: am Deutschen Tennis Bund (DTB) sowieso. Aber auch an den Profis, die sich noch immer messen lassen müssen an den Erfolgen von Stefanie Graf und Boris Becker. Am Montag nun beginnen die French Open 2009, das zweite Grand-Slam-Turnier des Jahres: Wo also steht das deutsche Tennis?

Die Gemengelage ist schwierig: Die fetten Jahre sind längst vorbei, und das nicht nur sportlich. „Uns fehlt das Geld“, sagt Klaus Eberhard. Der DTB-Sportdirektor räumt ein, „dass in den neunziger Jahren gewisse Sachen versäumt wurden. Nun aber sind wir nicht schlecht ausgestellt.“ Barbara Rittner, die sich als FedCup-Chefin auch um den weiblichen Nachwuchsbereich kümmert, hat gar einen „Umbruch“ ausgemacht. „So, wie es lange gelaufen ist, funktioniert es nicht mehr. Schule und Tennis müssen besser in Einklang gebracht werden“, sagt die 36-Jährige, die den Ball nach Hannover spielt.

Denn dort in der Südstadt hatte der DTB bereits 1979 einen Bundesstützpunkt eröffnet, doch seit gut zwei Jahren, seit der Niedersächsische Tennis-Verband (NTV) die Regie an der Bonner Straße übernommen hat, weht dort ein anderer Wind. Von den rund zwei Dutzend Nachwuchsspielern, die am Stützpunkt trainieren, lebt nun die Hälfte im angeschlossenen Internat – und lernt die Vorzüge der Verzahnung von Spitzensport und Schule kennen. Die meisten der Talente besuchen die Humboldtschule oder die KGS Hemmingen, zwei Eliteschulen des Sports.

„Wir haben einen Strategiewechsel vollzogen“, sagt Henner Steuber, der als NTV-Vizepräsident für die Jugend zuständig ist. „Früher sind die Jugendlichen hier trainiert worden, bis sie 17, 18 Jahre alt waren.“ Dass in der Zeit danach viele Talente auf dem Weg in den Profisport allein gelassen wurden, war die Folge. „Wir wollen den Spielern künftig helfen, in die Profikarriere zu starten“, sagt Steuber. Renommierte Trainer wie Sascha Nensel und Björn Jacob sind deshalb vom NTV verpflichtet worden, um die Nachwuchsasse auf ihren ersten Schritten in den Profisport zu begleiten.

Drei solcher Stützpunkte gibt es in Deutschland – wobei Hannover als Vorbild für die anderen beiden Kaderschmieden in Oberhaching und Stuttgart gilt. Für deutsche Verhältnisse ist das Tennis damit fast schon zentral aufgestellt – was Eberhard als Grundvoraussetzung für erfolgreiche Nachwuchsarbeit sieht. Denn finanziell kann der Sportdirektor der Jugendarbeit nur begrenzt helfen. „Für den Spitzenbereich ist zu wenig Geld da. 500.000 bis 600.000 Euro pro Jahr“, sagt Eberhard, der neidvoll ins Ausland blicken dürfte. In Frankreich etwa, wo die Talentschau absolut zentral organisiert ist, stellt der Verband angehenden Profis persönliche Trainer zur Seite – so war es Deutschland zu Boomzeiten auch einmal. Und in England wird gerade ein neues Förderprogramm aufgelegt. Kosten: umgerechnet mehr als 13 Millionen Euro.

Dabei ist das Bemühen des Doppels NTV/DTB ohnehin nur die halbe Miete. „Denn in die Weltspitze geht es nur über den individuellen Weg“, sagt Eberhard, der für diese These zahlreiche Beispiele anführen kann. Ein Becker, ein Rafael Nadal und zahlreiche andere Spitzenleute haben sich früh von Verbandsstrukturen gelöst – und sind mit einem eigenen Plan und unbedingtem Willen in der Weltrangliste nach vorne gestürmt. Rittner sieht deshalb auch die Talente in der Pflicht. „Es ist eine gefährliche Seite der deutschen Mentalität, zu früh zufrieden zu sein“, sagt sie. Eckhard Mittelstaedt, der Stützpunktleiter in Hannover, formuliert es konkreter: „Es reicht eben nicht, unter den ersten 100 zu stehen. Wir müssen daran arbeiten, mal wieder einen Grand-Slam-Sieger zu haben.“

Mal wieder einen großen Aufschlag haben, das wünschen sich alle Tennis-Verantwortlichen. „Ich will die Nummer 1 werden“, hat Sabine Lisicki bereits vor einem Jahr selbstbewusst formuliert. Damals kannte kaum jemand die 19-jährige Berlinerin, die vor einem Monat in Charleston ein hochdotiertes Turnier gewann. Nun ist Lisicki, die im Trainingscamp von Andre-Agassi-Entdecker Nick Bollettieri das Zuschlagen verfeinert hat, das Zugpferd für eine Handvoll Nachwuchsspielerinnen, die Mut für die Zukunft machen. Andrea Petkovic, Tatjana Malek, Angelique Kerber und die in Hannover trainierende Julia Görges: „Sie alle haben das Zeug, unter die besten 30, 40 zu kommen“, sagt Rittner.

Bei den Männern, bei denen im Hannoveraner Nicolas Kiefer, in Thomas Haas und Rainer Schüttler die Besten schon älter als 30 Jahre alt sind, ist die Luft ein wenig dünner, auch weil die auf Juniorenebene sehr erfolgreichen Jaan Brunken und Alexandros Georgoudas (beide trainieren am Stützpunkt Hannover) mit 18 Jahren noch am Anfang ihrer Laufbahn stehen und ihren Weg in der Tenniswelt erst noch finden müssen.

French Open heißt auch für diese beiden das Fernziel – und dort könnten sie demnächst dringend gebraucht werden. „Paris“, sagt Eberhard, „das ist unser schwerstes Turnier.“ Der langsame Sandboden in Roland Garros sei nicht gerade ideal für die deutschen Allrounder. Den Ball flachhalten – dabei kann es doch eigentlich nur besser werden.