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Sport-Welt Claudia Pechstein veröffentlicht Biografie - und führt Zickenkrieg weiter
Sport Sport-Welt Claudia Pechstein veröffentlicht Biografie - und führt Zickenkrieg weiter
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09:00 16.11.2010
Von Tatjana Riegler
Claudia Pechstein präsentiert ihre Biografie "Von Gold und Blut".
Claudia Pechstein präsentiert ihre Biografie "Von Gold und Blut". Quelle: dpa
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Eine Telenovela ist nichts dagegen. Ende September war es, als das Schweizer Bundesgericht in Lausanne die Beschwerde Claudia Pechsteins gegen das Urteil des Internationalen Bundesgerichtshofes abwies. Die Eisschnellläuferin nannte dies einen „Skandal“, sprach von „glatter Rechtsbeugung“ und davon, dass sie nun die Schweizer Bundespräsidentin Doris Leithard um Hilfe bitten wolle, wenn sie sich an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg wende. Und die Sportfans in Deutschland rollten genervt die Augen: Der Kampf der Claudia Pechstein gegen ihre Dopingsperre war um eine Peinlichkeit reicher.

Vergessen die Zeiten, in denen die mit fünf Goldmedaillen erfolgreichste Winter-Olympionikin die Zuschauer jubeln ließ. Seit 20 Monaten wehrt sich Pechstein öffentlich und lautstark gegen Dopingvorwürfe, und längst will kaum noch jemand wissen, ob sie tatsächlich eine unschuldige Kämpferin in eigener Sache ist oder eine Lügnerin. Zu undurchsichtig die medizinische Fachdebatte über Blutanomalien und Retikulozytenwerte, zu laut das Getrommel vor und nach diversen Gerichtsverhandlungen.

Mehr als 300.000 Euro, so will es die „Bild“ wissen, hat die Berlinerin bereits für Anwalts- und Gerichtskosten bezahlt, da kommen Einnahmen aus einer Buchveröffentlichung gelegen. „Von Gold und Blut – Mein Leben zwischen Olymp und Hölle“ hat Pechstein ihre jetzt erschienene Autobiografie (Schwarzkopf&Schwarzkopf Verlag, 19,95 Euro) genannt, und es ist einmal mehr die Eigenwerbung einer Frau, mit der kaum jemand noch werben möchte.

Natürlich geht es um ihren – angeblichen? wahrscheinlichen? – Dopingfall, es geht um die Meinungshoheit, um Argumente, die sich in den 480 Seiten allesamt so schlüssig lesen wie die Argumente ihrer Gegner schlüssig klingen. Pechstein erzählt auch von ihren Selbstmordgedanken, nun hat sie das Buch aufgeteilt in zwei Leben. Ihr erstes, in dem sie von der kleinen Eiskunstläuferin in Berlin-Hohenschönhausen auf die langen Kufen umschulte, zum hoffnungsvollen DDR-Talent und schließlich zum Weltstar des Eisschnelllaufs wurde.

Dieses erste Leben geriet am Abend des 7. Februar 2009 ins Wanken, nachdem ihr der Weltverband ISU bei den Mehrkampf-Weltmeisterschaften mitgeteilt hatte, dass ihre Blutwerte auffällig seien. Pechstein reiste ab und schwieg – ein „Kuhhandel“, den sie bitter bereut – bis zum Indizien-Urteil. Am 3. Juli 2009 wurde dieses bekannt; die ISU sprach die 38-Jährige des Blutdopings für schuldig und sperrte sie für zwei Jahre. „Der Tod kommt schnell“, schreibt sie heute.

Mehr aber ist „Von Gold und Blut“ ein wütender Rundumschlag, eine Fortsetzung des Konfrontationskurses der einstigen Kufenkönigin. Pechstein lässt den „Zickenzoff“ gegen die früheren Rivalinnen Gunda Niemann-Stirnemann und Anni Friesinger („Man konnte sie auch einfach nervig finden“) aufleben. Und sie rechnet mit „Politikern und Funktionierenden“, „Wissenschaftlern und Möchtegern-Experten“, „Journalisten und Hexenjägern“ ab. Die meisten kommen schlecht weg, allerdings werden einige demnächst darüber entscheiden, ob es für die Berlinerin eine sportliche Zukunft gibt. Am 8. Februar 2011 läuft ihre Sperre ab, seit Monaten trainiert sie mit ihrem langjährigen Erfolgstrainer Joachim Franke für ihr Comeback.

Claudia Pechstein will unbedingt zurück. Mit fast 39 Jahren kämpft sie verbissen um ihr Lebenswerk und auch um ihre berufliche Zukunft als Polizeihauptmeisterin. Vor einigen Wochen erlitt sie einen Nervenzusammenbruch, absolviert seitdem eine Therapie. „Die Arbeit an diesem Buch war aufwühlend“, schreibt sie. Und: „Es hat mir geholfen, meine innere Ruhe wiederzufinden.“

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