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Sport-Welt Bei Mini-WM der Mädchen tritt KGS Sehnde als Nordkorea an
Sport Sport-Welt Bei Mini-WM der Mädchen tritt KGS Sehnde als Nordkorea an
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19:11 23.05.2011
Am Zusammenspiel und an der Technik übt die Schulauswahl der KGS Sehnde ganz besonders. Quelle: Insa Catherine Hagemann
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„Lauf, Jessica, bleib dran!“, ruft Philip Rebmann durch die Sporthalle. In Windeseile rennt die kleine Stürmerin dem Ball hinterher, stoppt ihn und kickt ihn mit dem rechten Fuß ins Tor. „Super, schön gemacht!“, lobt Rebmann. Der 20-Jährige ist Trainer der Fußballmädchen an der KGS Sehnde. Nur noch vier Tage, dann ist es soweit: Am Sonnabend fährt das Mädchen-Team zur WM, oder besser gesagt: zur Fußball-Mini-WM nach Ramlingen.

Es ist das erste größere Turnier, bei dem die Sehnderinnen dabei sind – eine echte Herausforderung, zumal sie gleich in doppelter Hinsicht als Außenseiter starten: als einzige Schulmannschaft des Wettbewerbs und als Vertreterinnen von Nordkorea. „Das ist nicht gerade das Land, was wir uns erträumt haben“, sagt Sportlehrer Stephan Bahls, der die Mädchen-Mannschaft mit seinem Kollegen Rüdiger Streilein ins Leben gerufen hat. „Aber inzwischen fühlen wir uns als Außenseiter ganz wohl.“

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Zu Beginn des Schuljahres 2010/2011 gründeten Streilein und Bahls die Mädchenauswahl der KGS. „Die Truppe ist etwas zusammengewürfelt und sehr jung“, sagt Bahls. Aus insgesamt vier Jahrgängen haben die beiden Sportlehrer die 18 talentiertesten Spielerinnen rausgesucht. Doch egal ob 5. Klasse (Geburtsjahr 2000) oder 8. (Geburtsjahr 1996), die Mädchen seien mit großer Begeisterung und viel Ehrgeiz dabei, so Bahls. Jeden Dienstag um 13.30 Uhr trifft sich das Team zum Training. Im ersten Drittel lässt Rebmann, der sein Freies Soziales Jahr an der KGS absolviert, die Mädels Brennball oder Wikingerschach spielen, zum Aufwärmen. Danach werden Technikübungen gemacht und am Ende auf dem offenen Feld gespielt. Kurz vor der WM feilt der Trainer vor allem an der Passgenauigkeit der Spielerinnen und an ihren Kombinationen. „Beim Zusammenspiel stehen wir noch nicht ganz so gut da“, sagt Rebmann. Ansonsten ist er schon recht zufrieden: „Die Mädels haben in diesem Jahr große Fortschritte gemacht.“ Und inzwischen würden rund 80 Prozent der Mannschaft sogar auch im Fußballverein spielen.

Für die Mini-WM rechnet sich Trainer Rebmann dennoch nicht die besten Chancen aus. Die Sehnderinnen treten in Gruppe C gegen die USA (SV Arnum), Kolumbien (FC Lehrte) und Schweden (Wacker Neustadt) an. „An Einsatz mangelt es der Mannschaft auf keinen Fall, aber die anderen sind uns körperlich überlegen“, meint Rebmann. Ein Erfolg sei es daher bereits, wenn sie die Vorrunde überstehen würden. Und auch Jessica geht bescheiden ins Turnier: „Ich wünsche mir, dass wir ein paar Tore schießen und nicht Letzter werden“, sagt die Zehnjährige.

Eines ist jedoch sicher: Trotz der nordkoreanischen Trikots, mit denen das Team den Rasen betritt, wird es den größten Fanklub haben. Viele Klassenkameraden werden zur Unterstützung nach Ramlingen reisen, und auch Direktorin Helga Akkermann will ihre Elf vom Spielfeldrand anfeuern. „Wir freuen uns riesig, bei der WM dabei zu sein“, sagt sie. Fußball spiele an ihrer 1870 Schüler starken Schule eine große Rolle. Oberstufenschüler könnten hier seit kurzem auch ihre DFB-Trainerlizenz erwerben. „Bei uns bleibt kein Talent unentdeckt“, sagt Akkermann.

Tatsächlich gibt es in der Mädchenmannschaft einige talentierte Kickerinnen: Laura Waschulewski, Jette Haarstrich oder Carina Rosocha seien laut Bahls auffällig starke Spielerinnen, aber auch Torhüterin Lea Hintz und Kapitänin Pia Kolb machten ihre Sache gut. „Schon seit kleinauf wollte ich Fußball spielen, aber erst in der Schule bekam ich die Möglichkeit“, sagt die zwölfjährige Pia. Ihre Vorbilder sind Mesut Özil und Thomas Müller, nordkoreanische Spielerinnen kennt sie hingegen keine.

„Das Thema Nordkorea gehen wir behutsam an“, sagt Sportlehrer Bahls – und spricht von einer pädagogischen Herausforderung. Mit Fünftklässlern könne er nicht über all die Grausamkeiten der nordkoreanischen Diktatur sprechen. „Wir zeigen eher die Unterschiede zu unserem Leben in Deutschland“, sagt Bahls. Nordkorea spielt bis zur Mini-WM aber nicht nur in Sport und Politik eine Rolle, sondern auch in Erdkunde, Geschichte und Deutsch. Im Kunstunterricht entstehen Plakate und Fahnen, und die Orchesterklasse probt einen WM-Song. Außerdem hat Bahls rote Aufwärm-T-Shirts für seine Nordkoreanerinnen bestellt, die Aufschrift soll lauten: „Für die Freiheit des Sports!“

Sophie Hilgenstock