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Olympia 2010 Vier Geschwisterpaare greifen in Vancouver an
Sport Olympia 2010 Vier Geschwisterpaare greifen in Vancouver an
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13:09 13.02.2010
Von Tatjana Riegler
Die Skirennfahrerinnen Susanne (links) und Maria Riesch. Quelle: dpa (Archiv)
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Das Timing war perfekt. Da war Stephanie Beckert beim Eisschnelllauf-Weltcup in Calgary soeben mit deutschem Rekord über 3000 Meter zum Olympiaticket geflitzt. Gleich danach ging ihr Bruder Patrick aufs Eis, im Rennen über 5000 Meter; er verpasste zwar den deutschen Rekord, aber das Olympiaticket gab es auch für ihn. Die Erfurter, 21 und 19 Jahre alt, stehen für die Zukunft des deutschen Eisschnelllaufes – und sie stehen in einer Reihe von gleich vier Geschwisterpaaren, die für das deutsche Team in Vancouver um olympische Medaillen kämpfen.

Familie fördert, die Beckerts beweisen es. „Wir pushen uns gegenseitig richtig nach vorne“, hat Stephanie Beckert nach der Qualifikation im Dezember gejubelt. Missgunst unter Geschwistern? „Bei uns gibt es das nicht“, betont die 21-Jährige. Was zum einen daran liegt, dass sie ihren jüngeren Geschwistern Jessica und Pedro ein gutes Vorbild sein will; die beiden sind ebenfalls Eisschnellläufer. Obendrein managt Vater Detlef das ehrgeizige Kufenquartett. Eine „ideale Familienkonstellation“ nennt das Helga Jasch, der Teamchef der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft.

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Das Ideale liegt auch darin begründet, dass die Beckerts nicht gegeneinander antreten. Da fällt es leicht, dem anderen ehrlich die Daumen zu drücken. So verhält es sich bei Christina und William Beier. Das Geschwisterpaar hat sogar sein Schicksal verknüpft, im Eistanz teilt es Siege und Niederlagen. Gemeinsam trainiert es sechs Tage in der Woche, gehört der gleichen Sportfördergruppe der Bundeswehr in Sonthofen an und liebt den gleichen Pflichttanz (Midnight Blues). Dass sich die Beiers vor zwei Jahren als Eispaar trennten, um dann doch erstmals gemeinsam die Olympiaqualifikation zu schaffen, beweist nur, wie positiv sich Geschwister auf die Leistungsfähigkeit auswirken können.

Den Konkurrenzkampf vermeiden Geschwister am besten in unterschiedlichen Sportarten. Die Florschütz-Brüder etwa zwängen sich zwar beide in hauchdünne Anzüge, um durch die Eisrinne zu rasen. Die Disziplinen trennen sie: Andre, 33 Jahren alt, ist auf dem Rennrodel unterwegs, der 31-jährige Thomas im Bob. Der wäre im Direktduell schneller, ansonsten kann der Jüngere mit den Erfolgen des Älteren nicht mithalten: Dreimal gewann Andre Florschütz mit Torsten Wustlich im Doppelsitzer den WM-Titel sowie Olympiasilber 2006. Für Thomas Florschütz reichte es zu zweimal WM-Silber im Zweierbob.

Meist gelingen den großen Geschwistern die größeren Erfolge. Maria Riesch hat ihrer Schwester Susanne einen Weltmeistertitel im Slalom und 13 Weltcupsiege voraus – und den Status als Superstar des alpinen Skisports. Aus dem Schatten fährt die 22-jährige Susanne allmählich heraus: Beim Weltcup-Slalom in Åre kurvten die Schwestern aus Garmisch-Partenkirchen gemeinsam aufs Podest, Maria als Zweite, Susanne als Dritte. „Das sind unbeschreibliche Gefühle“, jubelte Susanne. Als sie die Schwester dann zum ersten Mal im Weltcup besiegte, zu Jahresbeginn in Zagreb auf den 3. Platz fuhr und Maria auf den 4., da erklärte sie das Verhältnis mit dem Satz, dass sie ihre Rennen nicht gegen die Schwester fahre, sondern gegen alle: „Ich schaue nicht, wo Maria liegt, sondern nach vorne zum Podest.“

Im Hause Riesch lebt der Konkurrenzkampf, und die Konkurrierenden leben gut damit. Mittlerweile. Denn lange war die Jüngere genervt vom „Sister Act“, den die Medien so gern beschreiben. Heute sagt Susanne Riesch, dass sie sich für ihre Schwester freue wie ihre Schwester sich für sie freut. Heute ist sie eigenständig geworden, aus dem Elternhaus ausgezogen, vom eigenen Manager betreut. Und heute kann sie – die vielleicht wichtigste Etappe auf dem Weg zur eigenen Persönlichkeit – eigene Erfolge vorweisen. „Ich höre öfter: Jetzt musst du dich vor deiner kleinen Schwester in Acht nehmen“, erzählte Maria Riesch in Zagreb. Ein Problem? „Schmarrn.“

Die „ungleichen Schwestern“ nannte der „Spiegel“ die Rieschs. Die ersten Ski-Schwestern sind sie mitnichten. Die Mittermaiers wedelten von der Winklmoosalm in die Weltspitze, wobei Rosi (Jahrgang 1950) die ältere Heidi (1941) und die jüngere Evi (1953) mit zweimal Olympiagold und einmal Olympiasilber 1976 klar übertraf. Von Evis Plätzen 8 und 13 nahm damals in Innsbruck kaum jemand Notiz. Es folgten die Epple-Schwestern im Gleichschritt auf der Erfolgsskala: Die ältere Irene (Jahrgang 1957) gewann Olympiasilber 1980, die jüngere Maria (1959) den Weltmeistertitel 1978.

Ein deutsches Phänomen sind Ski-Schwestern übrigens auch nicht. Überall liefern sich Geschwister große Konkurrenz – und noch größere Unterstützung. Die Französinnen Christine und Marielle Goitschel dominierten die Sechziger, die Liechtensteiner Hanni und Andreas Wenzel wurden Olympiasiegerin und Weltmeister, zuletzt triumphierten die Kroaten Janica und Ivica Kostelic. Wobei die jüngere Schwester wesentlich erfolgreicher war als der große Bruder. Mit Phil und Steve Mahre waren in den Achtzigern sogar Zwillinge im Ski-Zirkus unterwegs. „Ich will immer siegen“, sagte Phil damals, „aber wenn ich es nicht kann, soll wenigstens mein Bruder gewinnen.“ Damit ist das Verhältnis konkurrierender Geschwister am treffendsten beschrieben.

Den Mahres gelang bei Olympia 1984 ein Doppelsieg im Slalom. Die Disziplin, in der in Whistler auch Maria und Susanne Riesch siegen wollen. Am 26. Februar, im nächsten Kapitel des „Sister Act“.