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Lokalsport Im sechsten Anlauf endlich am Ziel
Sport Lokalsport Im sechsten Anlauf endlich am Ziel
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00:18 11.06.2019
Vor 20 Jahren: Der VfB Marburg jubelt über den Oberliga-Aufstieg. (Von links) Jens Grunert, Steffen Rechner, Hans-Jürgen Laus und Kapitän Klaus Halba nach dem 3:0 gegen Sportfreunde Burkhardsfelden.  Quelle: Archivfoto
Marburg

„Wahnsinn. Nach sechs Jahren. Endlich.“ So zitierte die Oberhessische Presse den damaligen Kapitän der „Schimmelreiter“ nach dem 3:0-Sieg über die Sportfreunde Burkhardsfelden am 30. April 1999, mit dem der VfB Marburg am viertletzten Spieltag Landesliga-Meisterschaft und Aufstieg in die Oberliga perfekt machte.

„Ich kann mich an diese Worte nicht erinnern“, sagt Klaus Halba gut 20 Jahre später im Gespräch mit der OP beim Blick auf den Artikel. „Aber das trifft die damalige Gefühlslage. Seit 1993 war es unser Ziel, wieder aufzusteigen. 1999 haben wir es dann endlich geschafft.“

1993, das war das Jahr, in dem der VfB aus der Oberliga abgestiegen war. Es folgte ein Neuaufbau mit jüngeren Spielern aus der Region. Halba, damals 24 und bis dahin bei seinem Heimatverein TSV Kirchhain aktiv, war einer von ihnen. Die Mannschaft von Trainer Wolfgang Strümpfler klopfte mehrfach an die Tür zur Oberliga, scheiterte 1997 und 1998 jeweils in der Relegation.

„Spätestens nach dem zweiten Mal hätten andere vielleicht die Motivation verloren, bei uns war es nicht so“, berichtet Halba. „Wir wollten unbedingt nach oben.“ Spieler wie Halba, der 1998 das Kapitänsamt übernommen hatte, sein Vorgänger Hans-Jürgen „Hansi“ Laus und Torjäger Stefan Endres bildeten über Jahre den Stamm des Teams, das „immer weiter gereift und in jeder Saison viel dazugelernt“ habe.

Hinzu kamen junge Leute aus der eigenen Jugend wie Martin Stengel, Steffen Rechner, Cornelius „Junior“ Hull, Waymon Brazil und zuletzt auch der spätere Profi Lars Weißenfeldt, die sich mit dem Verein identifizierten. „Das war ein gutes Gemisch, aus dem Wolfgang Strümpfler ein gutes Team geformt hat. Er hat es verstanden, bei uns viel rauszukitzeln und die Spannung hochzuhalten“, sagt Halba über den damaligen VfB-Trainer.

Manche Zuschauer wollten das Team verlieren sehen

Als weitere große Stärke betrachtet er rückblickend den Zusammenhalt: „Da war niemand abgehoben. Jeder hat sich für den anderen eingesetzt, da gab es keine Missgunst. Das hat einfach gut gepasst.“ Auch abseits des Platzes unternahmen die VfB-Spieler viel gemeinsam.

Im Mittelpunkt stand für sie aber stets der Sport. „Der Fußball war nicht nur ein Hobby nebenbei. Er hatte für uns damals den höchsten Stellenwert, dem haben wir alles andere untergeordnet“, erzählt Halba. „Wenn ein Verwandter Geburtstag hatte, dann hat man das Training nicht abgesagt, sondern ist eben erst danach zur Familienfeier gegangen.“

Zugleich habe man als VfB-Aktiver ein gewisses Ansehen genossen: „Man war in Marburg bekannt.“ Die Heimspiele im Stadion an der Gisselberger Straße besuchten in der Regel mehrere hundert Zuschauer. „Da waren aber auch immer einige dabei, die uns den Erfolg nicht gönnten und uns verlieren sehen wollten“, erinnert sich Halba.

In der Saison 1998/1999 kam es dazu nur sehr selten: Die „Schimmelreiter“ dominierten die Klasse. Vor ihrem viertletzten Spiel hatten sie bereits 72 Punkte auf dem Konto – 13 mehr als Verfolger FSV Braunfels, der noch eine Partie mehr auszutragen hatte. Offensiv wie defensiv war der VfB in dieser Saison das Maß aller Dinge in der Landesliga Mitte.

An diesem Vorabend des 1. Mai – das Spiel gegen den Abstiegskandidaten aus Burkhardsfelden wurde extra auf den Freitagabend vorgezogen – war alles bereitet. „Natürlich“, sagt Halba, „war es nicht so wie bei der Relegation, wo alles an wenigen oder nur einem Spiel hängt. Wir wären sonst eben eine Woche später aufgestiegen.“ Dennoch: „Etwas aufgeregt war ich schon.“ Teamkamerad Hull noch viel mehr; er schlief in der Nacht zuvor vor Nervosität kaum, wie er seinerzeit gegenüber der OP sagte.

Blau gefärbte Haare und ein Empfang im Rathaus

Die Begegnung vor rund 600 Zuschauern verlief recht einseitig: Die Marburger bestimmten das Geschehen, gingen Mitte der ersten Hälfte durch Rechner, der nach Vorarbeit Halbas traf, in Führung. „Danach plätscherte das Spiel eher so vor sich hin“, erinnert sich der damalige Spielführer. Von den Gästen ging nur selten Gefahr aus, die Hausherren erzielten in der zweiten Halbzeit durch Endres sowie Goran Lezaja noch zwei weitere Tore.

„Es war eine klare Angelegenheit. Trotzdem sind mit dem Abpfiff alle Dämme gebrochen“, blickt Halba auf das Geschehen zwei Tage vor seinem 30. Geburtstag zurück. „Da hat es sicherlich eine Rolle gespielt, dass es in den beiden Jahren davor knapp nicht geklappt hatte.“ Das Vereinsheim sei „fast auseinandergenommen“ worden. Spontan ließen sich viele Spieler die Haare blau färben, Halba war dabei. „Das sind tolle Erinnerungen“, sagt er gut 20 Jahre später.

Sein Aufsteiger-T-Shirt von damals hat er aufgehoben. Gefeiert wurde an den folgenden Tagen und Wochen weiter – etwa im Rathaus, wo die Mannschaft von Oberbürgermeister Dietrich Möller empfangen wurde. Oder nach einem Auswärtsspiel in Würges. „Die Stimmung war prächtig. Wir haben eine Polonaise im Sportheim gestartet, die ging im Bus auf der Heimfahrt weiter“, erzählt Halba.

Als Brazil im vorletzten Spiel das 100. Saisontor erzielte, wurde sofort übers Stadionmikrofon verkündet, dass der VfB-Youngster dafür einen Gutschein eines damals bekannten Marburger Etablissements erhalten würde. „Da war natürlich für Erheiterung gesorgt“, erinnert sich Halba.

Heinz Eifert war zu dieser Zeit nicht nur Vorsitzender des VfB, „er war der Macher, der dafür gesorgt hat, dass alles läuft“, sagt Halba, der auch in der folgenden Saison die Kapitänsbinde trug. Als Ziel dafür gab Vereinsboss Eifert Platz acht aus, letztlich sprang Rang 13 heraus, das reichte für den Klassenerhalt. Bis 2005 blieben die Marburger in Hessens höchster Liga, in der sie dann noch einmal von 2009 bis 2011 aktiv waren.

Halba verließ den Verein im Jahr 2000, wurde zunächst spielender Co-Trainer beim TSV Michelbach, später Spielertrainer beim TSV Ernsthausen – im Rauschenberger Stadtteil lebt er – und in Cölbe, war später nochmals in Michelbach als Chefcoach aktiv. „Auch da habe ich einiges erlebt“, sagt der Geschäftsstellenleiter des Standorts Marburg von Hessen Mobil. „Aber der Aufstieg mit dem VfB war der sportliche Höhepunkt. Der bleibt unvergessen.“

von Stefan Weisbrod