Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Lokalsport Der "German Godzilla" schafft den Titel
Sport Lokalsport Der "German Godzilla" schafft den Titel
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:00 10.08.2019
Der „German Godzilla“ gegen den „Grave Digger“: Autokreuzheben bei der Weltmeisterschaft. Quelle: Kinsey Leigh Photography
Marburg

Hafthor Björnsson ist schon eine gewaltige Erscheinung. In der Fernsehserie „Game of Thrones“ spielt er den Hünen Gregor Clegane, auch bekannt als „The Mountain“ (Der Berg). Da zerquetscht er auch mal mit bloßen Händen den Kopf eines Widersachers. So brutal ist der Isländer im wahren Leben nicht. Dennoch lässt Björnsson auch im Strongman-Sport seine Rivalen vor Ehrfurcht erstarren. „Man fühlt sich klein“, gesteht Raffael Gordzielik.

Wohlgemerkt: Der Staufenberger, der früher bei den Marburg Mercenaries Football spielte, misst selbst knapp zwei Meter und bringt zu Wettkampfzeiten fast 175 Kilogramm auf die Waage. „Aber das sind nochmal 10 Zentimeter und 20 Kilo mehr“, sagt Gordzielik, der Björnsson als „das Nonplusultra“ bezeichnet.

In einer Gruppe mit dem "Game of Thrones"-Star

Zur Titelverteidigung beim „World‘s Strongest Man“ reichte es für den Isländer in Bradenton (Florida) allerdings nicht. Er wurde „nur“ Dritter hinter Martins Licis aus den USA und dem Polen Mateusz Kieliszkowski. „Er war am Fuß verletzt“, sagt Gordzielik. Wobei er nicht wisse, ob das ausschlaggebend gewesen sei.

Raffael Gordzielik war bei der WM in einer Gruppe mit dem Fernseh- und Strongman-Star. „Nach dem ersten Tag war ich noch punktgleich mit ihm“, sagt der Rechtsanwalt, der in Marburg Jura studiert hat. Am zweiten Tag zog Björnsson vorbei, der „German Godzilla“ verpasste knapp das Finale der stärksten Männer der Welt. „Zwei bis drei Wiederholungen mehr beim Kreuzheben hätten gereicht“, trauert der 34-Jährige der verpassten Chance ein wenig nach.

Wobei er auch weiß: „International ist das eine ganz andere Sache, da musst du eine Schippe drauflegen. Da geht keiner mehr einem gewöhnlichen Job nach.“ Familienvater Gordzielik dagegen arbeitet halbtags als Jurist für die Bundesagentur für Arbeit und hat sich mit einer Kanzlei selbstständig gemacht. Deswegen sagt er: „Mein Ziel habe ich erreicht für diese Saison.“

Und das war kein kleines: Deutscher Meister wollte er werden, zum dritten Mal in Serie. Deutscher Meister wurde er: „Es war eine klare Angelegenheit, weil es von Anfang an super lief.“ Die internationale Erfahrung und die Zusammenarbeit mit einem Mental-Coach zahlten sich aus.

Familienvater verzichtet auf Karriere beim Wrestling

Um im strömenden Regen von Bad Tölz nichts zu riskieren, hielt sich Raffael Gordzielik bei der ersten Disziplin Baumstammstemmen zurück. 170 Kilogramm brachte er nach oben, Rang zwei hinter Dennis Biesenbach (175 kg). Auch beim Yoke-Rennen, wo zwei Klo-Häuschen von insgesamt 380 Kilogramm 20 Meter getragen werden mussten, wurde der Staufenberger

Zweiter hinter Biesenbach. Nervös machte ihn das nicht: „Ich wusste, dass das seine Parade-Disziplinen waren. Im Autokreuzheben ist er nicht so gut.“ Tatsächlich schaffte Biesenbach „nur“ 400 Kilogramm und wurde Sechster, Gordzielik gewann. „460 Kilogramm haben gereicht“, sagt er. „Ich wäre in der Lage gewesen, 500 Kilo zu ziehen.“

Fortan war der „German Godzilla“ nicht mehr aufzuhalten. Beim Hochwurf gelang es ihm als einzigem der zwölf Teilnehmer, auch den schwersten Sack von 28 Kilogramm über eine 4,50 Meter hohe Vorrichtung zu wuchten. Bei der Reifenschubkarre (310 kg) schaffte er die schnellste Zeit, beim Schlittenziehen auch. Da hatte sein Gesamtsieg aber ohnehin schon festgestanden. Ziel erreicht.

Aus seiner Wrestling-Karriere wird dagegen nichts. Das amerikanische Wrestling-Unternehmen WWE hatte Gordzielik zu einem Probetraining eingeladen (die OP berichtete). „Ich habe abgesagt, weil es nichts für mich ist“, sagt der Zwei-Meter-Mann. In der Nachwuchs-Liga NXT hätte er von der WWE einen Vertrag erhalten. „Ich hätte umziehen und da wohnen müssen. Das passt einfach nicht“, sagt der Familienvater. „Aber es war cool, einen kleinen Einblick zu bekommen.“ Raffael Gordzielik bleibt lieber dem Strongman-Sport treu. Und vielleicht legt er im nächsten Jahr bei der WM ja sogar noch eine Schüppe drauf.

von Holger Schmidt