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Lokalsport 7.400 Kilometer von Marburg entfernt
Sport Lokalsport 7.400 Kilometer von Marburg entfernt
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19:00 30.05.2019
Masih­ Saighani (links) mit seinen Spielerkollegen von Abahani Limited beim Federation Cup 2018. Die Mannschaft gewann den nationalen Pokalwettbewerb.  Quelle: RHS Photography
Dhaka

Der erste Titel als Fußballprofi in seiner neuen sportlichen Heimat sorgte bei Masih­ Saighani natürlich für große­ Freude, für viel Stolz – aber auch für ein bisschen Genugtuung. Bei Abahani Limited, einem Club aus der Hauptstadt Dhaka, kickt der 32-Jährige seit vergangenem Herbst.

Und gewann mit seiner neuen Mannschaft Ende November direkt den Federation Cup, den nationalen Pokalwettbewerb – mit einem 3:1-Sieg ausgerechnet über die Bashundhara Kings. Bei denen hatte der Marburger eigentlich anheuern wollen.

Rückblick: 2017 wagte Saighani, der als Kind in Niederweimar mit dem Fußballspielen im Verein begonnen und später auf hohem Amateurniveau unter anderem für den VfB Marburg, den SC Waldgirmes, Eintracht Wetzlar, den TSV Steinbach, Eintracht Stadtallendorf und den FC Ederbergland gekickt hatte,­ einen großen Sprung.

Er unterschrieb einen Vertrag bei Aizawl FC in Indien, wurde mit 31 Jahren erstmals Vollprofi. Heute sagt der zehnmalige afghanische Nationalspieler: „Ich bin froh, dass ich diesen Schritt gegangen bin.“ Er ist aber auch froh, jetzt nicht mehr im ostindischen ­Aizawl zu sein.

„Ich habe dort gern Fußball gespielt, ich habe­ mich auch an das Wetter und das ­Essen gewöhnt. Die Erfahrungen, die ich dort als Fußballer und besonders als Mensch gesammelt habe, kann mir keiner mehr nehmen“, berichtet er gegenüber der Oberhessischen Presse. „Um ehrlich zu sein, die Stadt ist aber nicht sehr lebenswert. Es gibt keine Kaufhäuser, keine Bars, kein Kino.“ Für ihn standen nur Fußball und Fitness auf dem Programm, Möglichkeiten zum Abschalten und Entspannen fehlten ihm. 

Spieler wohnen zusammen in einem Clubhouse

Im riesigen Dhaka, in dessen Ballungsraum rund 20 Millionen Menschen leben, ist das anders. „Hier gibt es alles, was das Herz begehrt“, berichtet Saighani, der gern schwimmen geht. Er wohnt mit den anderen Spielern in einem Clubhouse, hat dort sein eigenes Zimmer mit Bad. Gekocht wird in einer Kantine, Angestellte des Vereins kümmern sich um die Reinigung – so lässt es sich aushalten.

„Ich fühle mich natürlich nicht so, als ob ich in Frankfurt oder Marburg lebe“, sagt er. Besonders schätzt er die Gastfreundschaft, bedrückend sei hingegen die Situation vieler Menschen in Dhaka: „Armut ist weitverbreitet, viele Kinder leben auf der Straße.“

Er versuche etwas zu helfen, meist zusammen mit seinem haitianischen Mitspieler und guten Freund Kervens Belfort. „Wir sammeln dann mal einige Kinder ein und gehen mit ihnen in einem Restaurant etwas essen“, erzählt Saighani, der hofft, „dass mehr Leute den Mut finden, die Armen zu unterstützen“.

Von seiner Familie und seinen Freunden in Deutschland ist er rund 7.400 Kilometer Luftlinie entfernt. „Natürlich“, sagt der gebürtige Kabuler, der mit seiner Familie als kleines Kind von Afghanistan nach Mittelhessen­ kam, vermisse er sie. „Aber der Spielplan ist im Moment so straff, dass fast keine Zeit bleibt, darüber nachzudenken.“

Nicht nur in der höchsten nationalen Liga, der Bangladesh Premier League, ist er mit Abahani gefordert, durch den Sieg im Pokalwettbewerb hat sich der Club auch für den AFC-Cup, dem asiatischen Pendant zur Europa League der Uefa, qualifiziert. Nach vier von sechs Gruppenspielen sind die Aussichten aufs Weiterkommen gut: Sieben Punkte wurden eingefahren, nicht zuletzt dank Saighani, der einer der absoluten Leistungsträger des Teams ist.

Der Innenverteidiger glänzt auch als Torschütze

Der Innenverteidiger, der ­eigentlich eher für das Verhindern von gegnerischen Treffern zuständig ist, erzielte das entscheidende Tor bei einem 1:0-Sieg über den nepalesischen Vertreter Manang Marshyangdi Club und verwandelte bei einem 3:2-Erfolg über den punktgleichen Konkurrenten Chennaiyin FC aus Indien einen Freistoß direkt.

Den Ausschnitt ­eines Fernsehbeitrags mit dem sehenswerten Treffer veröffentlichte der 32-Jährige auch auf seiner Facebook-Seite, mit der er mehr als 10.000 Personen erreicht. Er hält sie stets mit Infos, Fotos und auch Videos aktuell. Es ist ihm wichtig, seine Fans auf dem Laufenden zu halten.

Sein Fokus liegt aber klar auf dem Sportlichen. In der Liga belegt Abahani den zweiten Platz. Obwohl der Club als Titelverteidiger gestartet ist, sei es nicht selbstverständlich, so weit vorn zu stehen, denn: „Es gibt drei andere Vereine, die über ein deutlich höheres Budget verfügen und entsprechend aufgerüstet haben“, erklärt Saighani. Dazu gehören die Bashundhara Kings, gegen die Abahani im Pokalfinale noch gewonnen hatte, die nun aber die Liga ungeschlagen anführen – und bei denen er im vergangenen Jahr kurz vor einer Vertragsunterschrift stand.

Der Verein aus dem Norden des Landes, so schildert es Sai­ghani, habe ihn verpflichten wollen. „Der neue Coach hat dann aber Spieler geholt, die denselben Berater haben wie er selbst. Da ging es dann mehr ums Geschäft als um das Spiel.“ Abahani habe das mitbekommen – „am nächsten Tag haben wir den Vertrag fertiggemacht“. Er verhehlt nicht: Dass kurze Zeit später gegen die Bashundhara Kings der Pokalsieg gelang, war dann eben „eine kleine­ ­Genugtuung, nach dem was passiert war“.

Das Endspiel verfolgten fast 20.000 Zuschauer im Stadion, ansonsten kickt das Team aus Dhaka meist nur vor 2.000 oder 3.000 Fans. „Leider hat Fußball in Bangladesh in den vergangenen Jahren stark an Zuspruch verloren, da die Nationalmannschaft nicht mehr erfolgreich war. Außerdem kam es oft zu Ausschreitungen“, berichtet Saighani, der mit Abahani weiterhin erfolgreich sein will – ob über die aktuelle Saison hinaus, lässt er offen.

Es gebe auch Anfragen anderer Clubs. „Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht.“ Irgendwann wolle er im Trainerbereich arbeiten. „Aber solange es meine Knochen mitmachen und ich das Gefühl habe, dass ich ein gewisses Niveau halten kann“, sagt er, „möchte ich gerne noch Fußball spielen“.

von Stefan Weisbrod