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Lokalsport Fußball im Zeichen der Nächstenliebe
Sport Lokalsport Fußball im Zeichen der Nächstenliebe
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00:18 18.05.2019
Die „Fußballfabrik“ war zu Gast in Marburg. 23 Mädchen und Jungen verschiedenen Alters lernten dort neben fußballerischen Tricks auch gesellschaftliche Werte wie Teamgeist, Respekt und den Umgang mit Regeln. Quelle: Melanie Weiershäuser
Marburg

Mario Lefebre berichtet von einem traurigen Tag im vergangenen Jahr. Er erinnert sich noch gut an das 13-jährige Mädchen.

„Bei der Beerdigung eines so jungen Menschen dabei zu sein, ist schmerzlich – eine schwere Tragödie. Und es darf nicht sein“, sagt er.

Die Jugendliche, eine erfolgreiche Tischtennisspielerin, habe sich aufgrund von Leistungsdruck das Leben genommen.

„Sie ist mit der Situation nicht mehr klar gekommen“, erklärt Lefebre in demütigem Tonfall. So etwas dürfe nicht passieren.

Prävention heißt das Zauberwort. Und das will Lefebre in Marburg durch Integration erreichen. Kein Kind oder Jugendlicher soll sich alleingelassen fühlen.

Wenn er über Fußball spricht wird schnell deutlich, dass es für ihn um mehr als Siege und Niederlagen geht. Auch wenn sich im Fußball stets zwei Mannschaften gegenüber stünden und gegeneinander antreten. Es gehe um Zusammengehörigkeitsgefühl durch Sport.

Jede Woche ein Termin

„Fußball und alle anderen Sportarten sind für das Gemeinschaftsgefühl und die Integration ganz wichtige Faktoren“, sagt er. Aus diesem Grund sorgte er dafür, dass das Sozialprojekt „Fußballfabrik“ am Samstag in Marburg Halt machte. Die „Fußballfabrik“ ist eine vom ehemaligen Fußballprofi Ingo Anderbrügge ins Leben gerufene Initiative, die besonders Kindern in Armut durch Fußball die Integration in die Gesellschaft erleichtern will. 51 Termine in ganz Deutschland wird sie am Ende des Jahres hinter sich haben.

23 junge Menschen jagen durch die Sporthalle der Richtsberg-Gesamtschule: unterschiedliche Hautfarben, Religionen und Altersklassen – zwischen 5 und 16 Jahren. Die wenigsten von ihnen hatten es bis zu diesem Punkt in ihrem Leben leicht. Die Teilnehmer setzen sich aus Bewohnern der Marburger Kinderheime Kerstinheim und Gertrudisheim sowie dem Drachenhort – eine nachmittägliche Schülerhilfe – zusammen. Gezielte Übungen sowie Kicken zum Spaß an der Freude geben sich die Klinke in die Hand. Spaß und Schweiß stehen den Teilnehmern ins Gesicht geschrieben.

Ein Recht auf Liebe und Zuneigung

Die Integration von Kindern in die Gesellschaft ist für Lefebre, seines Zeichens Funktionär beim Verein FSV Cappel und überzeugter Christ, eine Herzensangelegenheit: „Wir reduzieren heutzutage die Menschen, auch die Kinder, auf ihre Leistungsfähigkeit. Aber auch Menschen, die nicht ganz oben stehen, haben ein Recht auf Liebe und Zuneigung. Gott liebt sie ungeachtet dessen!“, betont Lefebre. Über seine Arbeit bei „Sportler ruft Sportler“, ein christlicher Verein zur Verquickung von Sport und Nächstenliebe, hat er Tanja Baumann kennengelernt.

Sie organisiert und dirigiert den Fußballtag in der Sporthalle am Richtsberg. Die einst hochklassige Fußballerin erklärt das Anliegen der „Fußballfabrik“: „Wir wollen über Bewegung fürs Leben lernen. Teamgeist, respektvoller Umgang mit den Mitspielern und mit dem Gegner und ein Klima, in dem Fehler erlaubt sind!“ Devise: Elf Freunde sollt ihr sein!

Bewegung soll für 
das Leben schulen

Zu diesen Eckpfeilern gesellt sich auch die Akzeptanz. Die 23 Teilnehmer sind in drei Teams – nach den Bundesligisten FC Bayern München, Borussia Dortmund und FC Schalke 04 – eingeteilt. „Wenn ein Bayern-Fan dann in das Schalke-Team gewählt wird, muss er sich damit abfinden. Da gibt es dann schon mal Änderungswünsche, aber die jungen Menschen sollen auch lernen, sich mit Gegebenheit und Regeln zu arrangieren“, macht Baumann deutlich.

Dass das Projekt Wirkung zeigt, bestätigt Nils Schwarz, Heilerziehungspfleger im Kerstinheim, wo unter anderem Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten leben. „Unsere Kinder sind im Durchschnitt beim Auftreten gegenüber anderen Kindern eher distanziert. Aber ich habe beim Fußballspielen eines unserer Kind gesehen, das in der Gruppe eher zurückhaltend ist, und hier total aufgeblüht ist“, schildert er seine Beobachtung.

Das ist für Lefebre Lohn genug für die Anstrengungen. „Es ist einfach so viel wert, wenn man ein Lachen auf das Gesicht eines Kindes zaubern kann“, sagt er und lacht selber.

von Benjamin Kaiser