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Lokalsport Eike Immel trainiert A-Liga-Team
Sport Lokalsport Eike Immel trainiert A-Liga-Team
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16:12 30.07.2019
Hier bei Dreharbeiten für eine Dokumentation neben Wigald Boning (rechts) auf einem Stuhl am Spielfeldrand, künftig auf der Trainerbank zu finden: Der frühere Nationaltorhüter Eike Immel coacht die Stadtallendorfer A-Liga-Mannschaft. Quelle: Nadine Weigel
Stadtallendorf

Eike Immel betritt Neuland. „So weit unten habe ich im Fußball bislang ja nicht gearbeitet“, sagt der 58-Jährige, schiebt direkt hinterher: „Das soll in keiner Weise abwertend klingen.“ Der Europameister von 1980, Vizeweltmeister von 1982 und 1986 und Deutsche Meister von 1992 freut sich – trotz einiger Widrigkeiten – über seine neue Aufgabe, wie im Gespräch mit der OP deutlich wird. „Eintracht Stadtallendorf liegt mir am Herzen. Der Verein hat viel für mich getan, als es mir nicht gut ging“, sagt er. „Jetzt möchte ich etwas zurückgeben.“

Die Stadtallendorfer „Zweite“ hat einen großen Umbruch hinter sich. Wie die erste Mannschaft, die den Klassenerhalt in der Regionalliga verpasste, stieg auch die Reserve der Eintracht ab – von der Kreisoberliga Gießen/Marburg Nord in die Marburger Kreisliga A. Das Vater-Sohn-Trainerduo Karl-Heinz und Marco Jarosch hatte mitgeteilt, für die neue Spielzeit nicht mehr zu Verfügung zu stehen. Und Immel hatte angeboten, sich stärker im Verein einzubringen. Der Vorstand der Fußballabteilung um Präsident Reiner Bremer nahm dankend an. „So kam das zustande“, erzählt Immel.

Spagat nicht gut gelungen

Für Bremer ist die Reserve ein „schwieriges Thema“, wie er einräumt: „Wir sind unserer zweiten Mannschaft in den vergangenen Jahren sicherlich nicht so gerecht geworden, wie es angebracht gewesen wäre.“ Dass sich Spieler, auch aus der eigenen Jugend, häufig – nicht erst nach der abgelaufenen Saison – anders orientiert haben und „lieber in der gleichen oder sogar einer niedrigeren Klasse in einer ersten Mannschaft spielen, in der sie mehr Wertschätzung genießen, kann ich verstehen“, betont Bremer. „Uns ist der Spagat zwischen der ersten Mannschaft, die natürlich Priorität genießt, und der Reserve nicht so gut gelungen, wie wir es uns gewünscht hätten. Aber es ging nicht anders“, macht er deutlich, dass es dafür auch an personellen und finanziellen Ressourcen mangelte.

Dass eine zweite Mannschaft in der Kreisliga A kein wirklicher Unterbau für eine Erstvertretung in der Hessenliga sein kann, ist Bremer klar. „Das war aber in der Kreisoberliga auch nicht anders, der Unterschied zwischen den Spielklassen ist viel zu groß“, sagt er. Dennoch könnten auch Spieler aus dem Hessenliga-Kader, etwa nach Verletzungen, in der Reserve Spielpraxis bekommen. „Wenn dann jemand zwei Tore schießt, hat das vielleicht sportlich nicht die höchste Aussagekraft, ist aber bestimmt gut für die Moral“, meint er.

Immel hätte nichts dagegen, ab und an Verstärkungen „von oben“ zu bekommen. Sein Kader besteht aus einigen Nachwuchskräften, die aus der eigenen Jugend aufgerückt sind, ein paar Zugängen von anderen Vereinen und nur wenigen Spielern, die bereits in der abgelaufenen Saison zum Team gehörten. „Wir haben eine fast komplett neue Mannschaft, die muss sich natürlich erst finden“, sagt der neue Trainer, der mit der rund vierwöchigen Vorbereitungsphase nicht komplett zufrieden ist. „Wir haben gute Jungs dabei, die sich engagieren“, sagt er zwar, bemängelt aber die Disziplin und Einstellung einzelner: „Manche sagen sehr kurzfristig ab, andere kommen zu spät. Teilweise waren nur sieben, acht Leute im Training. Das kenne ich so nicht.“

Debüt mit 17 in der Bundesliga

Bislang hatte er aber auch nur deutlich höherklassig gearbeitet. Bereits als Jugendlicher hatte er seine Heimat verlassen, wechselte von der Stadtallendorfer Eintracht zu Borussia Dortmund. Mit 17 Jahren debütierte er 1978 in der Bundesliga, zwei Jahre später mit 19 – als bislang jüngster Torwart überhaupt – in der deutschen Nationalmannschaft. 247 Mal spielte er für den BVB in der Bundesliga, zwischen 1986 und 1995 stand er in 287 Erstliga-Partien für den VfB Stuttgart, mit dem er 1992 Meister wurde, zwischen den Pfosten. Nach zwei Jahren und 43 Premier-League-Spielen für Manchester City beendete er seine aktive Karriere. Er machte seine Fußballlehrer-Lizenz, trainierte ab 1998 den VfR Heilbronn, den er in die Oberliga Baden-Württemberg und dort in die Spitzengruppe führte.

Dass er 2001 als Torwarttrainer zu Besiktas Istanbul ging – später betreute er auch bei Austria Wien und Fenerbahce Istanbul die Keeper, ehe er aufgrund von Hüftproblemen 2005 aufhören musste – bezeichnet Immel rückblickend als „falsche Entscheidung. Ich war dann in der Schublade ‚Torwarttrainer‘, dabei hätte ich als Trainer erfolgreich arbeiten können“, ist er überzeugt. Was folgte waren weitere persönliche Probleme, gesundheitliche und finanzielle. Seit 2016 lebt er wieder in Stadtallendorf. In der alten Heimat geht es ihm – nicht zuletzt Dank Unterstützung seines Vereins – deutlich besser, hier fühlt er sich wohl, wie er betont.

Ein Saisonziel hat er mit der Eintracht-Reserve nicht – jedenfalls nicht festgemacht an einer Platzierung. „Dafür“, daraus macht er nach einigen Trainingseinheiten und lediglich zwei Testspielen keinen Hehl, „kann ich aktuell weder das Leistungsvermögen meiner Mannschaft noch das Niveau der Liga gut genug einschätzen.“ Gleichwohl gehe es darum, in der Klasse mitzuhalten. „Ergebnisse sind jetzt nicht das Wichtigste, aber natürlich will jeder Fußballer nicht verlieren sondern gewinnen“, sagt Immel und hofft, „dass die Spieler mitziehen. Dann bin ich zuversichtlich, dass wir alle Spaß am Fußball haben.“ Darum soll es bei ihm und seiner Mannschaft in dieser Saison vor allem gehen.

von Stefan Weisbrod