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Lokalsport Shugaa Nashwan arbeitet jetzt auf Paralympics 2021 hin
Sport Lokalsport Shugaa Nashwan arbeitet jetzt auf Paralympics 2021 hin
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14:25 11.04.2020
Shugaa Nashwan (links) mit weiteren Judoka bei einem Lehrgang in Marburg im vergangenen Jahr. Der blinde Judoka bereitet sich in Hannover auf die Paralympics vor. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Es sollte für ihn ein besonderes Jahr werden. Schon 2012 wusste er das. Damals verfolgte er die Paralympics in London. Der 14-jährige Shugaa Nashwan fasste einen Entschluss: „Ich will auch zu den Spielen.“ 2016 in Rio de Janeiro dabei zu sein, das erschien ihm nicht realistisch. Aber 2020 in Tokio, da sollte es klappen. So fern dieses Jahr damals auch war, er arbeitete darauf hin, er fieberte darauf hin. „2020 war immer in meinem Blick“, sagt der heute 22-Jährige im Gespräch mit der Oberhessischen Presse. Er ließ sich sogar eine Handynummer geben, die auf „2020“ endet, zahlte dafür gern 20 Euro extra. Und als dann, an Silvester 2019, dieses Jahr ganz nah war, konnte er es „kaum glauben, dass es jetzt so weit ist“. Und nun? Die Corona-Krise hat auch die Sportwelt voll erfasst, die Paralympics sind wie die Olympischen Spiele auf den Sommer 2021 verschoben worden. „Irgendwie komisch“, ist das für Nashwan. Doch der blinde Judoka lässt sich dadurch nicht aus der Bahn werfen.

Bislang seien die Spiele ja immer in Jahren mit gerader Zahl gewesen, diesmal in einem mit ungerader. „Aber irgendwie passt das ja auch. Denn welcher Weg verläuft schon gerade?“, fragt Nashwan und lacht, verbindet das auch mit seiner sportlichen Laufbahn. In der wurde er auch hin und wieder zurückgeworfen, zuletzt von einer Schulterverletzung, die er sich im Februar zugezogen hatte. „Sportlich kommt mir die Verlegung daher sogar ein Stück weit entgegen“, sagt der Sportler der SSG Blista und der Sportfreunde Blau-Gelb Marburg.

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Jetzt ist mehr Zeit, um eine Verletzung auszukurieren

An diesem Wochenende hätte in Nottingham eigentlich einer von zwei noch ausstehenden Qualifikationswettbewerben stattgefunden – der andere war für Mai in Baku geplant. Beim Turnier über Ostern hätte er trotz medizinischer Behandlung wahrscheinlich nicht teilnehmen können. „Und wenn doch, wäre ich sicher nicht fit gewesen“, erklärt er. „Jetzt habe ich Zeit, die Verletzung richtig auszukurieren.“

Shugaa Nashwan im vergangenen Jahr beim Training. Quelle: Reinhard Roskaritz

Untätig ist der Achte der Weltrangliste dabei aber keineswegs. Der Marburger lebt aktuell in Hannover, trainiert am Olympiastützung, wird dort von Toptrainern betreut – setzt aber trotzdem weiterhin stark auf die Unterstützung seines Heimtrainers Markus Zaumbrecher, der für ihn eine Vertrauensperson ist. Aktuell stärkt Nashwan mit Übungen seine Schultermuskulatur, hält sich bestmöglich fit. Aber er nutzt die Zeit auch, um zu meditieren und „mal abzuschalten, rauszukommen aus dem Trott, in mich selbst hineinzuhören“. Es sei ihm aktuell wichtig zu entschleunigen, erklärt der Psychologie-Student, der Stipendiat bei der SRH Fernhochschule ist.

Sobald die Krise überstanden ist, sobald wieder Sportveranstaltungen möglich sind, will er wieder angreifen, auch in der Judo-Bundesliga. Dort will er für den JC Rüsselsheim kämpfen – wohlgemerkt gegen Sehende (siehe Infobox).

Er geht fest davon aus, in Tokio dabei zu sein

Offen ist, ob die abgesagten internationalen Para-Wettkämpfe in Großbritannien und in Aserbaidschan nachgeholt werden. Die Qualifikationskriterien für die Paralympics hatte Nashwan bereits so gut wie gefüllt, offiziell ist er aber noch nicht nominiert worden. Ob die Verlegung Einfluss darauf hat, weiß er nicht sicher. Er geht aber fest davon aus, nächstes Jahr in Tokio für Deutschland zu kämpfen.

Für ihn ist auch der Ort der Spiele etwas ganz besonderes. Japan ist für ihn zu einer „dritten Heimat“ neben Deutschland und seinem Geburtsland Jemen geworden, seitdem er mehrere Monate im Mutterland des Judo gelebt hat. Er hat dort Freunde gefunden, einige wollen ihn unterstützen, wenn er bei den Paralympics antritt. Dort wird er als Außenseiter starten, meint er selbst, sagt aber auch: „Es kann alles passieren. Das macht den Sport aus.“ Sein großes Ziel sei es immer, „in jedem Kampf wirklich zu kämpfen und alles zu geben“, das werde auch in Tokio nicht anders sein. „Wenn ich das schaffe, bin ich zufrieden.“ Wofür es dann reicht, wird sich hoffentlich im Sommer 2021 zeigen ...

Shugaa Nashwan kämpft auch gegen Sehende

Shugaa Nashwan ist nicht nur sehbehindert, er ist blind, wie er selbst betont. Ursache ist eine Netzhauterkrankung. Trotzdem kämpft der Marburger, der 1997 im Jemen geboren wurde und als Kind nach Deutschland kam, nicht nur gegen andere blinde Judoka, er kämpft auch gegen sehende Sportler – und das auf hohem Niveau: Er ist südwestdeutscher Meister und hat Bronze bei den Deutschen Hochschulmeisterschaften geholt. Nachdem er bereits für zwei Zweitligisten aktiv war, ist er zum JC Rüsselsheim gewechselt, für den er in der Bundesliga antreten soll, sobald die Corona-Krise überstanden ist. Da Nashwan seine Gegner nicht sehen kann, setzt er auf seine anderen Sinne, versucht über Geräusche oder auch Luftzüge Bewegungen seines jeweiligen Gegners zu erahnen.

Von Stefan Weisbrod

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