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Lokalsport Neuer Cheftrainer des BC Marburg im Interview
Sport Lokalsport Neuer Cheftrainer des BC Marburg im Interview
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12:13 09.06.2020
Der US-Amerikaner Dana Beszczynski ist neuer Trainer des Erstliga-Teams des BC Pharmaserv Marburg. Quelle: Privatfoto
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Marburg

Beim BC Pharmaserv ist eine Ära zu Ende gegangen – beginnt unter Dana Beszczynski eine neue? Der US-Amerikaner tritt beim Basketball-Bundesligisten aus Marburg die Nachfolge von Patrick Unger an, der mehr als sieben Jahre lang die sportliche Verantwortung innehatte. Beszczynski hat einen Drei-Jahres-Vertrag unterschrieben – und klare Vorstellungen, was er in dieser Zeit mit den Blue Dolphins erreichen will ...

Dana Beszczynski, was sind Ihre Ziele mit dem BC?

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Ich will eine solide Mannschaft aufbauen und entwickeln. Ich will, dass wir attraktiven, modernen Basketball spielen, natürlich siegorientiert, auch titelorientiert. Dafür brauchen wir einen tiefen Kader mit zehn bis zwölf Spielerinnen. Der Fokus liegt dabei auch auf unseren jungen Spielerinnen mit ihrem großen Entwicklungspotenzial.

Auch Patrick Unger hat stark auf junge, deutsche Spielerinnen gesetzt, viele haben unter ihm den Durchbruch in der Bundesliga geschafft. Sehen Sie es als Ihre Aufgabe an, die Arbeit Ihres Vorgängers fortzusetzen?

Ich möchte das machen, weil ich es als den richtigen Weg ansehe. Ich habe in Österreich viel mit Nachwuchsspielerinnen zusammengearbeitet und auch ein U-16-Team trainiert. Ich finde es wichtig, dass die jungen Spielerinnen eine Perspektive aufgezeigt bekommen, nur so können sie sich entwickeln. Ich sehe, wie es in Österreich im Männerbereich läuft. Da bekommen viele Talente keine Chance, weil die meisten Mannschaften fast nur mit importierten Spielern spielen. Das ist nicht gut. Wenn der Basketball in einem Land einen guten Ruf haben soll, dann ist es wichtig, dass viele Spieler aus diesem Land in der höchsten Liga spielen.

Zur Person: Seit 26 Jahren in Österreich

Dana Beszczynski, Jahrgang 1965, spielte zunächst in seiner Heimat im US-Bundesstaat New York selbst Basketball, wurde dann Trainer. Vor fast 26 Jahren kam er nach Österreich, um einen Zweitligisten zu coachen. Ursprünglich wollte er dort zwei oder drei Jahre bleiben – die Liebe veränderte seine Pläne. Beszczynski lebt mit seiner österreichischen Frau, mit der er drei Kinder im Alter von 21, 18 und 14 Jahren hat, in der Kleinstadt Gmunden. Zuletzt war er Trainer am Basketball-Leistungszentrum Oberösterreich und betreute dessen Bundesliga-Frauen als Chefcoach.

Der BC hat viele deutsche Nationalspielerinnen in seinen Reihen, trotzdem hat es in den vergangenen Jahren nicht gereicht, ins Finale um die Meisterschaft oder den Pokal einzuziehen. Ist es Ihrer Meinung nach möglich, mit überwiegend deutschen Spielerinnen Titel zu gewinnen?

Amerikanische Spielerinnen kommen aus einer ganz anderen Sportkultur. Sie wollen immer gewinnen, so wachsen sie in den Vereinigten Staaten auf. Das ist die Kultur, die ich etablieren will. Ich will in Marburg eine Siegermentalität entwickeln. In einem Spiel ist immer alles möglich. Wichtig ist, dass die Spielerinnen als Team verinnerlichen, dass sie auch gegen scheinbar stärkere Mannschaften unbedingt gewinnen wollen. Basketball können die Spielerinnen aus Deutschland spielen, der Unterschied zu den Amerikanerinnen ist eher bei der Athletik. Wir haben deshalb jetzt ein Zwölf-Wochen-Programm gestartet, durch das die Spielerinnen körperlich stärker werden sollen, um physisch stark spielen zu können.

Wie vermitteln Sie den Spielerinnen aktuell, was sie machen sollen?

Ich bin noch in Österreich, das macht es etwas schwieriger. Wir haben deshalb in den vergangenen Wochen Videokonferenzen gemacht, und ich habe mit jeder einzelnen Spielerin mehrmals telefoniert. Wenn die Grenze am 15. Juni geöffnet wird, will ich nach Marburg kommen, um näher bei den Spielerinnen zu sein und richtig mit der Vorbereitung anzufangen. Wir müssen davon ausgehen, dass im September die Saison beginnt.

Haben Sie Sorge, dass die Arbeit umsonst sein könnte, falls die neue Saison erst viel später oder gar nicht beginnen kann?

Natürlich denkt man daran auch. Es gibt viele offene Fragen und niemand kennt die Antworten. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass gar nicht gespielt wird. Ich hoffe, dass es im September oder notfalls im November losgehen kann und dass dann auch Zuschauer dabei sein können. Sport ohne Fans ist kein Sport.

Die meisten Spielerinnen des bisherigen Kaders bleiben in Marburg. War das Ihr persönlicher Wunsch?

Ja, das war mein Wunsch. Ich habe bestimmt zehn oder zwölf Spiele gesehen, zwar nicht live, aber als Video. Die Chemie in der Mannschaft scheint zu stimmen und ich denke, es steckt noch viel Potenzial in ihr. Dieses Potenzial will ich herausholen. Daher ist es für mich gut, dass der Kern der Mannschaft zusammenbleibt. Dazu haben wir Rachel Arthur aus Heidelberg verpflichtet, die körperlich stark ist, sehr solide verteidigt und eine gute Dreier-Werferin ist und die auch menschlich gut in dieses Team passt. Trotzdem werden noch weitere Spielerinnen gebraucht, die Qualität mitbringen.

Gerade auf der Center-Position dürfte nach den Abgängen von Alex Kiss-Rusk, die lange verletzt gefehlt hat, und Maryna Ivashchanka, die sie ab Januar vertreten hat, Bedarf bestehen.

Das ist richtig. Wir sind in Gesprächen und haben jetzt die letzten drei Kandidatinnen. Wir hoffen, dass wir bald mit einer Spielerin einig sind. Sie muss auch ins Budget passen.

Gibt es möglicherweise Spielerinnen, mit denen Sie in Österreich gearbeitet haben oder die Sie von dort kennen, die für den BC eine Verstärkung sein könnten?

Die österreichische Frauen-Liga ist eine reine Amateurliga. Ich habe aber gute Kontakte in die Vereinigten Staaten, über die ich in den vergangenen Jahren fünf Spielerinnen aus Österreich ans College gebracht habe. Über diese Kontakte komme ich auch in Kontakt zu anderen Spielerinnen, die gern in Europa spielen wollen. Vielleicht kommt auch irgendwann eine von ihnen nach Marburg.

Sie sind Amerikaner, leben und arbeiten seit vielen Jahren in Österreich. Wie kommt es, dass Sie jetzt Trainer in Marburg werden?

Mein Agent hat für mich eine Bewerbung eingereicht. Der Name Marburg ist im Basketball der Frauen natürlich bekannt, als Verein mit großer Tradition und einem sehr guten Ruf. Ich habe mich deshalb gefreut, als ich zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wurde. Ich war im März für drei Tage in Marburg und habe da auch ein Regionalliga-Spiel und ein paar Trainings angeschaut und gute Gespräche mit dem Vorstand gehabt. Ich bin stolz, dass sich der Verein für mich als Trainer entschieden hat.

Sie sind mit einem Vertrag bis 2023 ausgestattet. War es Ihnen wichtig, dass die Zusammenarbeit direkt längerfristig angelegt ist?

Ja, das ist wichtig, um die Mannschaft entwickeln zu können. Im ersten Jahr geht es darum, die Philosophie zu vermitteln. Im zweiten Jahr geht es darum, mit einem Konzept durchzuspielen. Und im dritten Jahr geht es darum, daraus Kapital zu schlagen. Das bedeutet nicht, dass ich in den ersten beiden Jahren nicht auch Spiele gewinnen will.

Bedeutet, im dritten Jahr wollen Sie um den Meistertitel mitspielen?

Ja, darum geht es. Ich bin ehrgeizig. Ich will mit dem Team den Titel gewinnen.

Von Stefan Weisbrod

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