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Lokalsport Warum Zuschauende für Vereine so wichtig sind
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11:00 10.03.2022
Handball vor Zuschauern – für Sophie Dohle (Mitte) und die Teams der HSG Hinterland war dies am vergangenen Wochenende in der Hinterlandhalle in Dautphetal erstmals seit Ende November vergangenen Jahres wieder möglich.
Handball vor Zuschauern – für Sophie Dohle (Mitte) und die Teams der HSG Hinterland war dies am vergangenen Wochenende in der Hinterlandhalle in Dautphetal erstmals seit Ende November vergangenen Jahres wieder möglich. Quelle: Foto: Tobias Hirsch
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Marburg

Für Silvia Mucke war es schlichtweg „etwas beängstigend“, sagt die 43-Jährige – und bringt damit auf den Punkt, wie es sich für sie anfühlte, Handball in einer Halle zu spielen, in der niemand auf der Tribüne sitzt, um sich das Spiel anzuschauen. „Normalerweise wird ja applaudiert, wenn Tore fallen, oder es wird getrommelt“, sagt Mucke, die für die zweite Mannschaft der HSG Hinterland in der Bezirksliga C spielt. Volles Haus gebe es bei jenen Partien zwar selten. Aber gar keine Zuschauerinnen und Zuschauer? Das kannte auch Mucke nicht.

Etwas mehr als drei Monate lang mussten viele heimische Hallensportlerinnen und Hallensportler Geisterspiele austragen. Der Landkreis hatte seine eigenen Sporthallen für Fans angesichts der pandemische Lage seit Ende November komplett gesperrt, fuhr damit eine restriktivere Linie als viele andere hessische Kreise oder als die Stadt Marburg, in deren Hallen unter bestimmten Voraussetzungen und in beschränkter Anzahl Zuschauende erlaubt waren.

Essens- und Getränkeverkauf als wichtige Einnahmequelle

Erst seit dem vergangenen Wochenende darf im Zuge des Erreichens der nächsten Corona-Lockerungsstufe in Hessen auch in den kreiseigenen Hallen unter Auflagen wieder vor Publikum gespielt werden – eine Nachricht, die am Freitag in einigen Vereinen für Aufatmen sorgte. Schließlich blieb der Zuschauerausschluss auch für manch heimischen Verein nicht ohne Folgen – in wirtschaftlicher wie in motivationaler Hinsicht.

„Die Heimspieltage sind bei uns Highlight-Wochenenden, da spielen alle – von den Jugendlichen über die Frauen bis zu den Männern“, erzählt Wolfgang Hof, Vorstandssprecher der aus dem TV Gladenbach, TV Buchenau und TV Biedenkopf gebildeten HSG Hinterland, die laut Hof an jenen Heimspieltagen im Durchschnitt zwischen 150 und 200 Zuschauende begrüßt – überwiegend in der Hinterlandhalle Dautphetal, jedoch auch in den Sporthallen der Grundschule Biedenkopf oder der Europaschule Gladenbach.

Durch den Verkauf von Essen und Getränken verdiene die Spielgemeinschaft dabei laut Hof zwischen 300 und 400 Euro. Fallen diese Einnahmen über mehrere Wochen weg, kommt also schnell ein vierstelliger Betrag zusammen, der für die HSG essenziell sei.

„Abgesehen von den Einnahmen durch die Stammvereine finanzieren wir uns hauptsächlich mit den Einnahmen aus den Heimspieltagen“, erläutert Hof. Erschwerend kommt hinzu, dass die Schiedsrichterkosten von bis zu je 100 Euro ohne diese Einnahmen nicht gegenfinanziert werden können.

Auch anderenorts trieben Kalkulationen wie diese den Vereinsverantwortlichen in den vergangenen Monaten die Sorgenfalten auf die Stirn – etwa bei der Basketball-Abteilung des RSV Heskem. „Für uns war die Zeit ohne Zuschauer eine finanzielle Katastrophe“, bringt es Abteilungsleiter Manuel Grün auf den Punkt, denn: „Mit dem Essensverkauf finanzieren wir die komplette Saison.“

Auf etwa 1 400 Euro beliefen sich die Mitgliederbeiträge pro Jahr. Bei jenen Heimspieltagen, bei denen der Zulauf groß sei, kämen rund 300 Personen, sodass im Catering schon mal 400 bis 500 Euro hängenbleiben – Geld, das zuletzt fehlte, um etwa Kosten für Unparteiische von 300 bis 400 Euro pro Heimspieltag aufzufangen. „Und alle zwei, drei Jahre braucht man ja auch mal neue Bälle“, gibt Grün zu bedenken.

Ausbleibende Einnahmen sind jedoch nur eine Komponente, die das Gesamtbild negativ beeinflussen, wenn Zuschauende fehlen. „Ohne Zuschauer kommt keine echte Wettkampfstimmung auf“, sagt Volkmar Hauf. Der Trainer der Oberliga-Volleyballerinnen der Biedenkopf-Wetter Volleys ist überzeugt: „Nicht jeder ruft unter diesen Bedingungen seine Topleistung ab.“

Publikum vor allem für den Nachwuchs wichtig

Mit dieser Aussage erntet der Trainer Zuspruch bei Mucke, die meint: „Spiele ohne Zuschauer haben einfach Trainingsspiel-Charakter. Mit Zuschauern hat man einfach mehr Ehrgeiz. Zuschauer reißen einen mit. Sie sind gerade dann enorm wichtig, wo es eng zugeht, um sich als Mannschaft zu pushen“, findet die HSG-II-Mannschaftsführerin.

Wie Hauf sieht auch Hof besondere Auswirkungen für Kinder und Jugendliche. „Für die Kids ist es einfach deprimierend, wenn nicht mal die Eltern, Großeltern oder Tante und Onkel zuschauen dürfen“, sagt der HSG-Vorstandssprecher. Auch für Hauf ist das Wetteifern ohne Zuschauende eine Form des miteinander Messens, die beim Nachwuchs auf die Stimmung schlägt, denn: „Welch soziale Anerkennung erhalten Kinder dann beim Sporttreiben?“, fragt der Coach.

Entsprechend glücklich waren alle Beteiligten, als viele von ihnen am späten Freitagnachmittag vergangener Woche die Nachricht erreichte, dass Zuschauende in Sporthallen wieder erlaubt sind. Die Volleyballerinnen und Volleyballer aus Biedenkopf und Wetter profitierten im hiesigen Landkreis als eine der Ersten von der Öffnung; sie spielten am vergangenen Samstag in der Sporthalle der Lahntalschule und Grundschule in Biedenkopf um die Hessentitel. „Mit Jubel in der Halle war es eine ganz andere Stimmung“, stellt Volkmar Hauf fest.

Von Marcello Di Cicco