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Lokalsport „Kinder an die frische Luft“
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14:58 03.03.2021
Nichts gegen Schwäne auf Fußballplätzen – aber der Wunsch, dass bald wieder Kinder und Jugendliche zumindest in kleinen Gruppen kicken können, ist groß.
Nichts gegen Schwäne auf Fußballplätzen – aber der Wunsch, dass bald wieder Kinder und Jugendliche zumindest in kleinen Gruppen kicken können, ist groß. Quelle: Thorsten Richter
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München / Marburg

Auch Philipp Lahm und Sohn Julian vermissen dieser Tage den Nachwuchsfußball. „Es fehlt was“, sagt der Weltmeister von 2014. „Unser Sohn hat zweimal Fußball-Training unter der Woche, einmal geht er zum Tennis, am Wochenende ist noch ein Spiel. Das fällt auf einmal alles weg“, berichtet der frühere FC-Bayern-Kapitän, Vater eines achtjährigen Sohnes und einer dreijährigen Tochter.

Der Fußball könne Werte, Regeln und soziale Kompetenzen vermitteln, bringe viele Erlebnisse. Wenn das über Monate nicht möglich sei, mache man sich auch Sorgen. „Aber wir haben eine absolute Ausnahmesituation“, sagt Lahm mit Verweis auf die schwierige Pandemie-Zeit. „Es ist wichtig, man muss drüber sprechen und sich Gedanken machen.“ Man dürfe nicht zu viele verlieren.

Chatzialexiou: Sport hat gesellschaftliche Relevanz

Eine solch „privilegierte Situation“, wie Lahm sie für sich und seine Familie ausmacht, haben nur die allerwenigsten Kinder – viele sind ungleich härter getroffen. Seit Monaten bremst der Lockdown die Nachwuchssportler im Hobby- und im Leistungsbereich. Viel mehr als ein bisschen Kicken zu zweit ist nicht möglich. Seit Anfang November darf nicht mehr gespielt, weitestgehend nicht einmal mehr trainiert werden – nur zwei Personen dürfen sich etwa in Hessen gemeinsam auf einer Sportplatzhälfte aufhalten. Die Hoffnung auf erste Schritte zurück auf die Plätze ist groß, wenn Bund und Länder heute (3. März) über das weitere Vorgehen in der Pandemie sprechen.

Er hoffe, sagt der Marburger Kreisjugendfußballwart Lutz Greif gegenüber der OP, „dass es erstens überhaupt Thema wird und zweitens erkannt wird, wie wichtig es gerade für Kinder und Jugendliche ist, sich sportlich betätigen zu können“. Er glaube, sagt der Sportliche Leiter Nationalmannschaften des DFB, Joti Chatzialexiou, „dass der Sport in unserem System eine sehr hohe gesellschaftliche Relevanz hat“. Auch er bezeichnet es als „sehr wichtig“, dass sich Mädchen und Jungen „bewegen, dass sie an der frischen Luft sind. Und das wirkt sich nicht nur körperlich, sondern auch auf die Psyche aus.“

Keller und Koch fordern, dass auch Kinder und Jugendliche zum Training zurückkehren können

DFB-Präsident Fritz Keller und der Vizepräsident Rainer Koch appellierten in einem offenen Brief: „Die gesamte Gesellschaft, alle Branchen sehnen derzeit Lockerungen herbei. Sobald diese im Falle weiter sinkender Infektionszahlen und anlaufender Impfungen möglich sind, müssen vor allem unsere Kinder und Jugendlichen auf die Plätze an der frischen Luft zurückkehren dürfen, zunächst zum Training, später wieder im Spielbetrieb.“ Der Wunsch, den Keller auch noch einmal in einem Schreiben an Bundeskanzlerin Angela Merkel vorgetragen hat, steht stellvertretend für Millionen Sportbegeisterte in Deutschland.

Der Lockdown trifft natürlich nicht nur den Fußball. Marco Troll, Präsident des Deutschen Schwimm-Verbandes, warnt, dass es nicht nur einen Jahrgang, sondern im Falle weiter schließender Schwimmhallen nach der Pandemie gar Generationen von Nichtschwimmern geben könne. Ganz so drastisch sind die Hilferufe aus dem Fußball als mitgliederstärkste Sportart nicht. Aber eine Umfrage des Bayerischen Fußball-Verbandes, in der 79,4 Prozent der Vereinsfunktionäre aus dem Freistaat den Verlust von Kindern und Jugendlichen als großes Problem sehen, drückt viel Sorge aus.

Negative Folgen von Bewegungsmangel

Die negativen Folgen von Bewegungsmangel bestätigt auch die Wissenschaft. „Das kann zu vielfältigen gesundheitlichen Auswirkungen führen oder dazu beitragen: Etwa Übergewicht, ungünstige Veränderungen im Stoffwechsel und Herz-Kreislaufsystem und anderen organischen Strukturen“, sagt Oliver Faude von der Universität Basel. „Individualsport in Eigenregie ist gut, kann den Verlust an aktiver Zeit aber nicht ganz aufheben und systematisches, strukturiertes Mannschaftstraining nicht ersetzen.“ Der Lockdown führe zu mehr Sitz- und Bildschirmzeit – das in einer Generation, die sowieso gern an der Konsole zockt.

Gerade Fußball als Sportart stimuliere sehr viele Ebenen, sagt Faude. Kinder würden dem natürlichen Bewegungsdrang nachgehen, viel für die Gesundheit tun und Freunde treffen. „Vor dem Hintergrund, dass das Infektionsrisiko beim Spielen sehr gering ist, spricht die Nutzen-Risiko-Abwägung eindeutig für Lockerungen im Jugendfußball“, sagt der Sportwissenschaftler, Spezialist auf diesem Gebiet.

Geht nicht nur darum, „gegen den Ball zu treten“

Auf solche Aussagen von Experten beruft sich auch der Marburger Greif, wenn er sagt: „Es geht um mehr als darum, gegen den Ball zu treten. Es geht darum, dass die Jungen und Mädchen die Möglichkeit haben, mit Spaß Sport zu treiben, damit etwas für ihre Gesundheit zu tun und das bei offenbar sehr geringem Infektionsrisiko.“

Die allermeisten Nachwuchsspielerinnen und -spieler in Deutschland werden derzeit ausgebremst. Lediglich U-19-Teams mit Zugehörigkeit zum Berufsfußball dürfen trainieren, Spiele bestreiten auch sie nicht. Für hoffnungsvolle Kicker, die an der Schwelle zum Männerfußball stehen, ist der Lockdown hart – ihnen fehlt auf einer entscheidenden Entwicklungsstufe über Monate der Wettkampf. Danny Schwarz, U-17-Trainer beim FC Bayern, meint jedoch: „Eine Phase von ein paar Monaten beeinträchtigt nicht die gesamte Karriere. Fahrrad fahren verlernt man ja auch nicht.“

SF BG Marburg bieten Nachwuchs ein Angebot

Während die Münchner Talente, angetrieben vom Traumziel Profifußball, vermutlich in guter körperlicher Verfassung nach dem Lockdown loslegen werden, wird es im Breitensport anders aussehen – gerade in größeren Städten, wo Kinder nicht in Gärten ausweichen können und in den Wohnungen weniger Platz als in ländlichen Gebieten ist.

Einige Vereine bemühen sich, innerhalb des erlaubten Rahmens ein Angebot für ihren Nachwuchs zu bieten, etwa die Sportfreunde Blau-Gelb Marburg: „Wir versuchen, unseren Platz möglichst gut auszulasten“, sagt Jugendkoordinator Kristof Kühn im Gespräch mit der OP und erläutert: „Die Möglichkeit, dass zwei Personen zusammen auf einer Platzhälfte trainieren dürfen, nutzen wir so gut es geht. Das können zwei Jugendliche sein, bei den Jüngeren ist es in der Regel ein Kind mit einem Trainer.“

Kühn: „Besser als nichts“

Aus Sicht von Kühn, der auch U-19-Coach der Blau-Gelben ist, sei das „besser als nichts, aber natürlich nicht das, was sich die Jungs und Mädels und auch wir wünschen“. Wenn nicht sofort wieder alle Beschränkungen aufgehoben werden, sollte es zumindest ermöglicht werden, in kleineren Gruppen zu trainieren: „Die Form ist nicht wichtig. Es ist auch nicht das Wichtigste, dass die Saison fortgesetzt werden kann. Am wichtigsten ist, dass gekickt werden kann, dass der Spaß zurückkehrt.“

Seine Sorge: „Wer viele Monate keinen Fußball spielen konnte, hat sich vielleicht andere Hobbys gesucht und kehrt womöglich nicht zurück.“ Seine Hoffnung ist natürlich eine andere – dass die Mädchen und Jungen nach der aktuellen Zwangspause erst recht Bock darauf haben, Fußball zu spielen. Zahlen aus Bayern machen dabei Mut: Während des ersten Lockdowns im vergangenen Frühjahr meldeten sich rund 20 Prozent weniger Kinder in den Vereinen an als üblich. Als dann aber wieder gekickt werden konnte, war der Andrang so groß, dass das fast wieder aufgeholt wurde.

Greif hofft auf Spiele im Frühling

An eine Fortsetzung der derzeit unterbrochenen Saison im Nachwuchsbereich glaubt der Marburger Kreisjugendfußballwart Lutz Greif nur sehr bedingt: „Ich sehe keine realistische Chance, dass es in den Ligen weitergehen kann. Dafür brächte es schon sehr schnelle Lockerungen, da vor Spielen auch erst einmal mehrere Wochen Mannschaftstraining möglich sein müssten.“ Trotzdem hofft er, dass noch im Frühling – vielleicht im Mai – Spiele wieder möglich sein könnten: „Aus meiner Sicht wäre es denkbar, dass die Pokale noch ausgespielt werden. Andere Mannschaften könnten Freundschaftsspiele vereinbaren.“

Von Christian Kunz, Miriam Schmidt und Stefan Weisbrod