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Lokalsport Wunder geschehen – Tausende haben’s gesehen
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08:58 19.03.2021
Dietmar Klinger (rechts, blaues Trikot) und Wolfgang Funkel (ganz links) gehörten zu den Torschützen des legendären 7:3 der Uerdinger gegen Dresden. Das denkwürdige Spiel fand heute vor 35 Jahren statt.
Dietmar Klinger (rechts, blaues Trikot) und Wolfgang Funkel (ganz links) gehörten zu den Torschützen des legendären 7:3 der Uerdinger gegen Dresden. Das denkwürdige Spiel fand heute vor 35 Jahren statt. Quelle: Imago
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Marburg

„Fußballwunder“ ist der Begriff für komplett unerklärliche Spielverläufe. Spielwendungen, die praktisch aus dem Nichts kommen. Klar, das 7:1 der deutschen Nationalmannschaft gegen WM-Gastgeber Brasilien 2014 war ein Knaller. Aber Hand aufs Herz: Brasilien war erschreckend schwach und Deutschland einfach nur gut. Da kann es eben mal zu sieben Toren kommen.

Nein, ein Wunder ist was anderes. Okay, es gibt noch das blaue Wunder, etwa wenn man gegen Schweden 4:0 führt und meint, nichts mehr machen zu müssen, dann kann daraus noch ein 4:4 werden. So passiert im Quali-Spiel zur WM 2012. Ein Jahrhundertspiel war der Sieg gegen eigentlich unschlagbare Ungarn im WM-Finale 1954. Der Sieg wurde als Wunder empfunden.

Das Europapokal-Viertelfinale der Cup-Sieger

Das Spiel, das als absolutes Fußballwunder in die Geschichte einging, fand am heutigen Freitag (19. März) vor 35 Jahren in der ehrwürdigen Grotenburg in Krefeld statt. Dort standen sich Bayer Uerdingen und Dynamo Dresden im Europapokal-Viertelfinale der Cup-Sieger gegenüber. Heute weiß man, dass es nur noch drei Jahre bis zum Mauerfall in Berlin sein sollten. Daran war damals wahrlich nicht zu denken.

Die Uerdinger unter Trainer Kalli Feldkamp freuten sich über eine erstmalige Tour durch Europa und zogen dann den DDR-Pokalsieger. Für Dresden war diese Paarung Stress pur. Es ging um ein Treffen mit einem Vertreter des Klassenfeindes Bundesrepublik Deutschland.

Grotenburg leerte sich zur Pause

Ein Prestigeduell, das unter allen Umständen gewonnen werden sollte, ja musste. Das entschied nicht der Verein, sondern direkt die DDR-Staatsführung. Und es sah ja auch sehr gut aus. Das Hinspiel in Dresden gewann die Mannschaft von Klaus Sammer 2:0 und auch in Krefeld lag Dynamo zur Pause 3:1 vorne.

Beim ZDF, das das Spiel live übertrug, ärgerte man sich schon, diesem Spiel den Vorzug vor dem zeitgleichen Spiel der Bayern im Pokal der Landesmeister gegen den RSC Anderlecht gegeben zu haben. Die Frustration der Fans vor Ort zeigte sich sehr deutlich. Die Grotenburg leerte sich zur Pause spürbar, niemand rechnete mehr mit irgendetwas. Alles deutete auf einen völlig misslungenen Fußballabend hin.

Ersatztorwart Jens Ramme kommt ins Spiel

Der Rest ist Geschichte: Dresden musste zur Pause aufgrund einer Schulterverletzung den Stammtorwart auswechseln. Die Spieler beschlich schon da ein ungutes Gefühl, weil sie in jüngerer Vergangenheit schon mehrfach sicher geglaubte Siege hergeschenkt hatten.

Der junge Ersatztorwart Jens Ramme hatte noch kein Spiel für Dynamo gemacht. Ihm sollte dann eine ganz tragische Rolle zufallen, denn es waren nicht unbedingt die Uerdinger, die dafür sorgten, dass es noch einmal knapp wurde. Es waren die Dresdener selbst.

Sechs Tore in 29 Minuten

Von den nie für möglich gehaltenen sechs Toren, die ab der 58. Minute in den darauffolgenden 29 Minuten fielen, waren zwei Strafstöße für ein unnötiges Foulspiel und ein unnötiges Handspiel. Dazu gesellte sich ein lupenreines Eigentor. Drei Tore, an denen der Torwart schuldlos war, sorgten so mit für die Wende.

Sicher kämpften die Uerdinger mit mehr als 100 Prozent. Als Wolfgang Funkel seinen zweiten Elfmeter versenkte, brach er in Tränen aus, auf dem Platz herrschte Emotion pur, Euphorie bei den Gastgebern, purer Horror bei den Gästen, die noch zwei Riesenchancen bekamen, die sensationell vom Uerdinger Schlussmann Werner Vollack pariert wurden. War die erste Halbzeit mit den drei Gegentoren der pure Horror für Uerdingen, so passte in der zweiten Halbzeit einfach alles – bis heute rational unerklärbar.

Autor Götz Schaub ist Uerdingen-Fan

P.S. Das Stadion war am Ende wieder rappelvoll. Auch ein Vorgang, den es so kaum ein zweites Mal gab. Die Fans auf dem Heimweg hörten von den beiden Toren, die zum 3:3-Ausgleich führten, kehrten flugs wieder um und erlebten eine irre Feier-nacht, die es so nie wieder in Krefeld gab.

P.P.S. Der Autor dieses Artikels ist seit 1981 Uerdingen-Fan und hat während des Spiels, das er am Fernseher verfolgte, niemals aufgegeben, an dieses Wunder zu glauben. Erst als es geschehen war, konnte er es nicht wirklich fassen, was er da gerade – ganz allein – gesehen hatte. Wer es nochmal erleben will: Auf YouTube ist eine 45-minütige Sportschau-Doku über das Spiel und das Drumherum abrufbar, die sich auch mit der besonderen politischen Bedeutung beschäftigt.

Die Tragik abseits des Platzes

Das Fußballwunder von Uerdingen hatte noch ganz andere Geschichten, die dieses Spiel so einzigartig werden ließen. Allein das Ausscheiden aus dem Pokal beendete auf Dresdner Seite zwei Fußballkarrieren. Die des Mannschaftsführers Dixie Dörner, der nach der Saison auf Geheiß der DDR-Staatsführung mit dem Fußballspielen aufhören musste. Und der Ersatztorwart blieb in der Folge ohne jeglichen weiteren Einsatz für Dresden.

Und dann war da noch Klaus Sammer, der Trainer. Auch er musste seine Profi-Karriere beenden, aber aus einem anderen Grund: Er wurde als Vorbildperson dafür verantwortlich gemacht, dass tatsächlich einer der Spieler, Frank Lippmann, nach dem Spiel sich aus dem Mannschaftshotel in Krefeld entfernte und damit in den „Westen“ geflohen war. Dabei war es das Ministerium für Staatssicherheit höchstselbst gewesen, das dafür gesorgt hatte, dass Lippmann aufgestellt werden musste – als torgefährlicher Stürmer.

Und ja, er schoss auch zwei Tore. Klaus Sammer wollte ihn schon vor dem Hinspiel in Dresden wegen Undiszipliniertheiten aus dem Kader streichen. Nun war er weg, Sammer wurde dafür verantwortlich gemacht und musste seine Trainerlaufbahn für Profi-Teams nach Rundenschluss beenden.

Wer hätte damals gedacht, dass er nur wenige Jahre später tatsächlich nochmal Cheftrainer in Dresden werden würde, dann in einer gesamtdeutschen Bundesliga? Klingt doch irgendwie auch nach einem Wunder.

Von Götz Schaub