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16:57 30.04.2021
Fitnesstraining auf einem öffentlichen Parkplatz? Timo Gercke macht’s! Generell hilft Bewegung im Freien, um Stress abzubauen.
Fitnesstraining auf einem öffentlichen Parkplatz? Timo Gercke macht’s! Generell hilft Bewegung im Freien, um Stress abzubauen. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

Nach mehr als einem Jahr Corona-Pandemie sind viele Menschen gestresst. Im Interview mit der Oberhessischen Presse erklärt Professorin Christine Joisten von der Deutschen Sporthochschule Köln, welche Warnsignale es für Stress gibt, wie Bewegung und Sport bei der Bewältigung von Stress helfen können und was es zu beachten gibt, damit das Sporttreiben nicht in Stress ausartet.

Frau Joisten, wie hat sich die Verbreitung von Stress in der Gesellschaft seit Beginn der Corona-Pandemie verändert?

Es gibt vor allem Querschnittsuntersuchungen zu dem Thema „Covid-19 und psychische Effekte“, die schon zeigen, dass Ängste, Stress und Depressionen zugenommen haben. Letztlich aussagekräftiger sind Längsschnittstudien. Darin zeigt sich, dass sich die pandemiebedingten Einschränkungen über alle Bevölkerungsgruppen auf Angst und Depression auswirken, aber nicht signifikant für soziale Unterstützung, Einsamkeit, allgemeinen Stress und sogar Suizidrisiko. Zusammengefasst lässt sich sagen, dass auf Basis der wissenschaftlichen Literatur die psychologischen Auswirkungen von Covid-19-Maßnahmen gering und vor allem sehr heterogen sind. Das heißt, wir müssen das individuelle Risiko für höhere (psychische) Belastungen, aber auch mögliche Stärken im Blick haben und schauen, wer welche Unterstützungssysteme braucht.

Wann spricht man überhaupt von Stress?

Generell bezeichnet Stress die eigenen körperlichen und psychischen Reaktionen auf beziehungsweise die individuell wahrgenommene Belastung durch bestimmte äußere Reize, sogenannte Stressoren. Man unterscheidet dabei zwischen positivem und negativen Stress, das heißt Reize, die jemanden zu mehr Leistung „anspornen“ oder umgekehrt „überlasten“.

Welche Warnsignale gibt es, dass Stress die eigene Gesundheit gefährdet?

Es gibt sehr vielseitige Reize. Häufig kann Stress zu einer Steigerung der Herzfrequenz und/oder Blutdruck führen, zu Appetitlosigkeit, Magenschleimhautentzündungen bis hin zu Geschwüren und Schlafstörungen. Aber auch Verschlechterungen bekannter Hautkrankheiten, etwa Ausbrüche bei Schuppenflechte, können vorkommen. Nicht selten führt Stress zu mehr Rauchen, mehr Alkoholkonsum, mehr Essen – das wiederum hat langfristige negative gesundheitliche Auswirkungen.

Inwiefern kann sich Sporttreiben positiv auf Stress auswirken?

Sport beziehungsweise Bewegung führt zu einem aktiven Abbau von Stresshormonen und zur Freisetzung von Glückshormonen. Außerdem ist es „Zeit für mich“ oder – wenn man gemeinsam Sport treibt – bedeutet soziales Miteinander. Dies sind die günstigen „Nebenwirkungen“ von Bewegung.

Gibt es bestimmte Formen des Sporttreibens, die besser als andere geeignet sind, um Stress abzubauen?

Generell wird Stressabbau besonders den sogenannten Body-and-Mind-Sportarten zugeschrieben, also zum Beispiel Yoga oder Tai Chi. Letztlich trägt aber jede Sportart dazu bei, wenn man sie gerne macht. Macht man sie eher ungern, ist dies letztlich auch wieder Stress.

Wie findet man heraus, welche Form des Sporttreibens für einen selbst besonders geeignet ist?

Einfach ausprobieren! Eines der guten Aspekte dieser Pandemie ist, dass man sich viele Sportangebote nach Hause holen und digital erst einmal ausprobieren kann, ob sie Spaß machen.

Was gibt es zu beachten, damit Sport zum Stresskiller wird - und nicht zum Auslöser oder Stress verstärkt?

Nicht mit Leistungsdruck und der Einstellung „Ich muss!“ herangehen, sondern es tatsächlich in dem eigenen Tempo angehen.

Gerade in Corona-Zeiten: Gibt es Übungen oder Bewegungsmöglichkeiten, die sich besonders für zu Hause eignen, um Stress abzubauen?

Auch das ist individuell. Ein Tipp: Auf der Internetseite der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (www.dgsp.de) haben wir ganz viel zusammengestellt, was man ausprobieren kann.

Gibt es bestimmte Stressbewältigungsformen durch Sport, die Eltern mit ihren Kindern zusammen machen können?

Wichtig ist, dass man auch einfach mal rausgehen und Ball spielen kann. Etwas zusammen zu machen als Familie, trägt sicherlich dazu bei, besser durch diese Zeit zu kommen.

Welche grundlegenden Tipps zum Stressabbau gibt es?

Zunächst sollte man locker einsteigen und nicht direkt Höchstleistung erwarten. Dann empfiehlt es sich, raus zu gehen und die Natur zu genießen – das muss auch nicht immer beim Sport sein, spazieren gehen reicht schon. Und: Ab und zu sollte man sich auch mal so richtig auspowern.

Zur Person

Professorin Dr. Christine Joisten von der Deutschen Sporthochschule Köln. Privatfoto

Professorin Dr. Christine Joisten ist Fachärztin für Allgemeinmedizin mit den Schwerpunkten Sport- und Ernährungsmedizin, Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (DGSP) / Bereich Fort- und Weiterbildung sowie Leiterin der Abteilung Bewegungs- und Gesundheitsförderung an der Deutschen Sporthochschule (DSHS) Köln mit den wissenschaftlichen Schwerpunkten Bewegungsmangel, Übergewicht und metabolische Gesundheit.  mdc

Von Marcello Di Cicco