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Lokalsport Wie die Pandemie den heimischen Handball lähmt
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15:00 05.03.2021
Tim Voß von der MSG Kirchhain/Neustadt (am Ball) tankt sich im Bezirksoberligaspiel gegen die MSG Florstadt/Gettenau durch.
Tim Voß von der MSG Kirchhain/Neustadt (am Ball) tankt sich im Bezirksoberligaspiel gegen die MSG Florstadt/Gettenau durch. Quelle: Tobias Hirsch
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Marburg

Angesichts des verlängerten Corona-Lockdowns hatte das Präsidium des Hessischen Handballverbandes (HHV) schon vor dem jüngsten Corona-Gipfel von Bund und Ländern entschieden, in dieser Saison keine Auf- und Absteiger zu ermitteln. Warum es dazu keine Alternative gab, wie es um die mittelhessischen Vereine steht und in welcher Form im Frühjahr und Sommer doch noch Handball gespielt werden könnte, verrät Kai Gerhardt, Vorsitzender des Bezirks Gießen und HHV-Vizepräsident Jugend, im Interview mit der Oberhessischen Presse.

56 Vereine spielen im Bezirk Gießen

Der 40-jährige Kai Gerhardt aus Mengerskirchen-Waldernbach ist Vorsitzender des Handballbezirks Gießen und Vizepräsident Jugend im Hessischen Handballverband. Der Bezirk Gießen wird gebildet aus den Landkreisen Marburg-Biedenkopf, Gießen, einem Teil des Kreises Limburg-Weilburg sowie dem Lahn-Dill-Kreis, Vogelsbergkreis und Wetteraukreis. Er ist neben dem Bezirk Wiesbaden / Frankfurt einer der größten der sieben hessischen Bezirke. Im Bezirk Gießen sind derzeit 56 Vereine beziehungsweise Spielgemeinschaften am Spielbetrieb beteiligt. 120 Mannschaften sind auf Bezirksebene aktiv – plus 27 Teams in den höheren Ligen inklusive der Männer-Bundesligisten Wetzlar und Hüttenberg. Im Jugendbereich sind es 275 Mannschaften – plus 22 in den Oberligen als höchster Spielklasse und der Jugendbundesliga der männlichen A-Jugend. In der vergangenen Saison wären allein auf Bezirksebene 1 696 Spiele ausgetragen worden.

Herr Gerhardt, war es die richtige Entscheidung, den Auf- und Abstieg in dieser Saison auszusetzen?

Ja, weil eine adäquate Vorbereitung für die Vereine nicht mehr möglich wäre, wenn wir jetzt noch in den Spielbetrieb einsteigen. Deswegen hatten wir vorher den 15. März als Deadline genannt. Das wäre der spätestmögliche Termin gewesen, um – nach dann mindestens dreiwöchiger Vorbereitung – auch in den großen Ligen noch eine Einfachrunde hinzubekommen. Wenn solch eine Runde nicht möglich ist, kann es sowieso keine wertbare Tabelle geben.

Eine Einfachrunde war also die Grundvoraussetzung, um die Saison zu werten?

Genau. Dies stand schon zu Saisonbeginn in den Durchführungsbestimmungen.

Einen zeitlichen Spielraum „nach hinten“ gab es nicht?

Nein, weil unser Spieljahr laut Satzung vom 1. Juli bis zum 30. Juni geht. Dann müssen alle Entscheidungen gefallen sein. Man muss schon direkt nach Ostern loslegen, um in einer 16er-Staffel 15 Spieltage bis Saisonende hinzubekommen, ohne den Vereinen noch Englische Wochen aufzudrücken. Nach faktisch einem Jahr ohne Spielbetrieb wäre dies nicht zumutbar.

Die Hessische Landesregierung hatte schon vor dem jüngsten Corona-Gipfel von Bund und Ländern durchblicken lassen, dass Mannschaftssport frühestens nach den Osterferien möglich ist. Bestärkt dies den Verband in der Entscheidung bei der Weichenstellung zum weiteren Saisonverlauf?

Wir hatten schon zuvor Kontakt über den Landessportbund zum Hessischen Innenministerium. Von dort hatten wir zwischen den Zeilen Infos erhalten, in welche Richtung es sich entwickelt. Es war eigentlich nach der vorangegangenen Bund-Länder-Entscheidung schon klar, dass nicht im März alles komplett anders sein wird. Wir hatten zwar Anfang Januar noch die Hoffnung, dass die Runde im März oder nach Ostern gestartet werden kann. Aber schon zu diesem Zeitpunkt war klar, dass es mit dem 15. März eng wird.

Zumal es bei ersten Lockerungen wohl nicht sofort mit Sport in voller Mannschaftsstärke losgegangen wäre.

Richtig. Betracht man die Lockerungen nach dem ersten Lockdown im Vorjahr, war klar, dass es noch ein, zwei Zwischenschritte gibt, um in der Halle Kontaktsport machen zu dürfen.

Lassen Sie uns einen Blick auf den Bezirk Gießen werfen. Die meisten Mannschaften haben seit dem Saisonabbruch im Frühjahr 2020 nicht mehr gespielt. Welche Resonanz bekommen Sie aus den Vereinen?

Wir hatten bei den Vereinen noch mal abgefragt, ob sie nach Ostern überhaupt noch in den Spielbetrieb gehen wollen. Der überwiegende Teil der Vereine wollte nicht mehr in den Spielbetrieb einsteigen, selbst wenn ab dem 15. März wieder Training möglich gewesen wäre. Man muss bedenken: Es gab ja gar keinen richtigen Saisonstart, sondern nur einzelne Spiele Anfang Oktober.

Wie stellt sich die Situation in den Vereinen dar? Gehen den Klubs Mitglieder verloren?

Im Moment kann dies keiner richtig abschätzen, weil ja keiner im Training ist. Was wir aber wissen, ist, dass es im Vergleich zu 2019 im Sommer 2020 50 Prozent weniger Passanträge im Jugendbereich gab. Es haben also um die Hälfte weniger Kinder und Jugendliche mit dem Handballspielen angefangen.

Das klingt dramatisch.

Ja, wobei dies ein bisschen bereinigend zu betrachten ist. Nicht nur Neuausstellungen, auch Vereinswechsel gehören bei dieser Zahl dazu. Ein erheblicher Teil ist auf den Bereich Minis sowie E- und D-Jugend zurückzuführen. Dies betrifft aber nicht nur den Bezirk Gießen, sondern gilt hessenweit. Im Bezirk Gießen weicht diese Zahl nur geringfügig von den genannten 50 Prozent ab.

Droht der Spielbetrieb im Kinder- und Jugendhandball wegen der Pandemie nun wegzubrechen?

Im schlechtesten Fall könnte dies in den Bereichen so kommen, die ohnehin schon knapp besetzt sind mit Mannschaften – zumal wenn zusätzlich noch der ein oder andere Spieler aufhört und weil keine Spieler in diesem Jahr mit dem Spielen angefangen haben. Dies macht sich vielleicht aber auch erst in einigen Jahren bemerkbar, wenn diese fehlenden Jahrgänge in den Altersklassen nach „oben“ rutschen. Unsere Hoffnung ist aber, dass wenn wieder Sport erlaubt ist, der ein der andere junge Sportler, der Homeschooling oder Lockdown light leid ist, mit dem Sport anfängt. Dies ist aber eine große Unbekannte, mit der der Handball nicht alleine ist – dies geht derzeit allen Sportarten so, wobei es die Freiluftsportarten vielleicht etwas einfacher haben, weil sie früher starten können.

Wie könnten sich die Mannschaftszahlen für die kommende Saison entwickeln?

Im Aktivenbereich sehe ich nicht die Gefahr, dass in starkem Ausmaß Mannschaften wegbrechen werden, weil die Konstante darin besteht, dass viele – und nicht wie in der Jugend nur zwei – Jahrgänge in einer Mannschaft zusammenspielen. Dennoch erwarten wir einen Rückgang an Mannschaften – leider, weil wir schon in den vergangenen Jahren Mannschaftsrückgänge hatten, die wir in der Saison 2018 / 19 etwas auffangen konnten.

Gibt es denn Planungen, die einen Spielbetrieb noch vor dem Start der kommenden Saison vorsehen?

Es gibt auf Verbandsebene Möglichkeiten, die wir momentan prüfen. Zunächst möchten wir eine sportliche Qualifikation der Jugendmannschaften stattfinden lassen. Diese Quali hatte immer nach Ostern begonnen, nun werden wir sie in Richtung Sommerferien schieben. Parallel dazu wird im HHV daran gearbeitet, im Jugendbereich erstmalig eine Beach-Hessenmeisterschaft mit Vorrunden anzubieten. Das wollten wir schon im vergangenen Jahr, doch Corona hatte uns ausgebremst. Zudem gibt es Überlegungen, Rasenturniere aufzuwerten und in diesem Bereich einen Spielbetrieb beziehungsweise eine Meisterschaft hinzubekommen. Allein deshalb, weil Sport draußen früher möglich sein wird als in der Halle. Und es gibt Überlegungen, im Aktivenbereich über den Sommer einen Spielbetrieb auf freiwilliger Freundschaftsspiel-Basis anzubieten.

Von Marcello Di Cicco