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Lokalsport Was, wenn Spaß am Sport allein nicht reicht?
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20:00 09.10.2021
Für viele Kinder ist Fußball eine beliebte Freizeitbeschäftigung – egal, ob im Verein oder im Privaten.
Für viele Kinder ist Fußball eine beliebte Freizeitbeschäftigung – egal, ob im Verein oder im Privaten. Quelle: Julian Stratenschulte
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Marburg

Der organisierte Breitensport hat während des Corona-Lockdowns immens gelitten – auch, aber nicht nur der Fußball. Laut der im Juni veröffentlichten Mitgliederstatistik des Deutschen Fußball-Bundes liegt die Zahl der Vereinsmitglieder in den 21 Landesverbänden des DFB bei 7,07 Millionen Personen und damit – nach stetigen Steigerungen in den vergangenen Jahren bis hin zum Rekord von 7,17 Millionen Personen in 2020 – dem tiefsten Stand seit 2017. Erst vor wenigen Wochen hat die Hessische Landesregierung ein Sonderförderprogramm aufgelegt, um besonders von Mitgliederverlusten betroffene Sportvereine zu unterstützen.

Es gibt aber auch Fälle, in denen der Verlust von jungen Sportlern in Kauf genommen wird – wenn auch, wie im vorliegenden Fall, notgedrungen. Die Sportfreunde Blau-Gelb Marburg genießen seit vielen Jahren einen guten Ruf in der Ausbildung junger Fußballer und Fußballerinnen, am Zwetschenweg trainieren so viele Nachwuchssporttreibende wie sonst nirgends im Kreis. „Grundsätzlich soll jedes Kind aus Marburg bei uns Fußball spielen können“, betont SF-BG-Jugendleiter Thomas Koch gegenüber der OP. Kinder könnten unabhängig vom Leistungsniveau in Teams auf Kreisebene spielen. „Zweite Reihe“ nennt Koch dies. Ab der Altersklasse U 11 fährt der Verein parallel eine leistungsorientierte Linie.

Eltern verärgert

Doch im Frühjahr ärgerten sich Eltern von Spielern, weil die SF BG jenen jungen Kickern aus der dritten Mannschaft der C-Jugend keine Perspektive in der B-Jugend boten. „Sechs bis acht Spieler“, beziffert Koch, mussten den Verein verlassen – aus Leistungsgründen. Koch bedauert dies, räumt im Gespräch mit der OP ein, dass man dies gegenüber Spielern und Eltern frühzeitiger hätte kommunizieren müssen, die Umorientierung zu einem anderen Verein, wo sie spielen können, begleiten müssen.

In der Vergangenheit sei dies den Blau-Gelben oft gelungen – 2019 etwa gab es eine Kooperation mit dem JFV Ohmtal-Kirchhain. „Das hat gut funktioniert“, sagt Koch und erklärt, warum ab einer bestimmten Altersklasse selektiert werden müsse. Fehlende Übungsleiter oder Kapazitäten von Trainingsplätzen seien eher die kleineren Probleme. In den älteren Altersklassen brauche man einen ausreichend großen Kader, weil Jugendliche in diesem Alter oft noch andere Interessen hätten, sich nicht so verbindlich auf den Sport konzentrierten, um verlässlich planen zu können.

Also was tun? Sicher nicht Spieler anderer Vereine abwerben – so wie es längst gang und gäbe ist –, um ein weiteres Team stellen zu können. „Das wäre völlig aberwitzig“, meint der Jugendleiter, würde man damit doch anderen kleineren Vereine deren Grundlagen entziehen. Doch könnte man jene wenigen Spieler, denen ein Wechsel nahegelegt wird, nicht einfach in ein zweites, klassentieferes B-Jugend-Team integrieren? Eher nicht, meint Koch: „Das gelingt nur in Ausnahmefällen, weil das Leistungsniveau von der vorherigen und der dann neuen Spielklasse doch sehr unterschiedlich ist.“

Einzelfall im Nachwuchsbereich

Angesichts der immer wieder von Sportvereinen und -verbänden beklagten Nachwuchssorgen klingt es nach einem Luxusproblem, wenn Vereine jungen Sporttreibende keine Zukunft bei sich bieten können. Kreisjugendfußballwart Lutz Greif sind keine ähnlichen Fälle bekannt, sieht im vorliegenden Beispiel einen Einzelfall. Und auch eine stichprobenartige Umfrage bei anderen heimischen Vereinen lässt erahnen, dass das Aussortieren im Nachwuchsbereich sportartübergreifend im Kreis nicht weit verbreitet sein dürfte.

„Dass jemand bei uns gar nicht spielen kann, gibt es nicht“, sagt Andrea Winterhoff, Leiterin der Geschäftsstelle des Basketball-Clubs (BC) Marburg. Durch das Melden von Teams in unterschiedlichen Spielklassen sei sichergestellt, dass junge Sporttreibende gemäß ihrem Leistungsstand spielen könnten. Zudem verfügt der BC über Freizeitgruppen, in dem zwar keine Kinder, grundsätzlich aber altersunabhängig gespielt werden kann.

Auch bei den Handballern der HSG Hinterland ist man von einer Selektion weit entfernt, wie Vorstandssprecher Wolfgang Hof gegenüber der OP klarmacht: „Corona hat eine Riesenlücke gerissen. Wir suchen händeringend Nachwuchs. Aus Leistungsgründen würden wir nie jemanden abweisen.“ Fehlende Coaches und Hallenzeiten seien größere Probleme. „Außerdem bin ich der Meinung, dass es nur eine Win-win-Situation sein kann, wenn Schwächere von Stärkeren lernen“, sagt der Sprecher der Spielgemeinschaft, die zur neuen Saison im ganz oberen Jugendbereich keine Teams mehr stellen kann, deshalb jene Altersklassen bereits in den Spielbetrieb der Erwachsenen integriert.

Bei den Turnern des TSV Cappel gebe es derzeit glücklicherweise „genügend Anfragen von Kindern“, freut sich Katrin Will, Leiterin der Geschäftsstelle. Dass Kinder oder Jugendliche, die bereits im Sportbetrieb mitmachen, von Vereinsseite abgewiesen werden, gebe es nicht. Wenn überhaupt, könne es vorkommen, dass Sporttreibende selbst wechseln wollten, wenn sie sich angesichts des Leistungsstands nicht in der richtigen Gruppe fühlten. „Dann gibt es immer die Möglichkeit, in eine allgemeine Turngruppe zu wechseln, die keine Wettkämpfe bestreitet.“

Bei den SF BG hat man aus dem jüngsten Vorfall gelernt, beteuert Koch. „Wir müssen in Zukunft frühzeitig kommunizieren, dass die zweite Reihe nach der C-Jugend nicht weitergeführt werden kann – und die weiteren Schritte der Spieler dann auch begleiten“, sagt der Jugendleiter.

Von Marcello Di Cicco