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Lokalsport Was zum Schutz junger Boxer getan wird
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11:00 11.05.2021
Boxer – wie hier beim Pferdehofboxturnier in Langendorf – müssen einiges wegstecken können.
Boxer – wie hier beim Pferdehofboxturnier in Langendorf – müssen einiges wegstecken können. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

In den vergangenen Tagen kam es häufiger vor, dass Ronald Leinbach, Trainer und Sportwart beim­ ­­1. Box-Club Marburg, von besorgten Eltern angesprochen wurde. Sie hatten mitbekommen, was bei der Box-WM der Altersklasse U 19 passiert war. Bei den internationalen Titelkämpfen im polnischen Kielce, bei denen es in Franklyn Dwomoh ein BC-Boxer im Halbweltergewicht (bis 63 kg) ins Achtelfinale geschafft hatte (die OP berichtete), kam es zu einem tragischen Vorfall im Halbschwergewicht.

Rashed Al-Swaisat war am 16. April bei seinem Vorrundenkampf gegen Anton Winogradow aus Estland K.o. gegangen und ins Krankenhaus eingeliefert worden. Zehn Tage später erlag der Jordanier seinen Verletzungen. Weitere Informationen zum Tod des jungen Boxers gab der Weltverband des Olympischen Boxsports, die AIBA (Association Internationale de Boxe), nicht bekannt; es blieb offen, ob Al-Swaisats Verletzungen infolge des Kampfes aufgetreten sind oder bereits vorher bestanden. „Das ist eine ganz schlimme Sache“, zeigt sich Leinbach von dem Tod des 19-Jährigen tief betroffen. Leinbach gehört seit vielen Jahren zu den profiliertesten Trainern in Hessen und als Lehrwart dem Vorstand des Hessischen Boxverbandes (HBV) an.

Jährliche Medizinchecks sind für Boxer verpflichtend

In Deutschland gibt es eine Reihe von Vorkehrungen, die getroffen werden, damit junge Boxer nicht Gefahr laufen, im Training, in Sparringskämpfen oder bei Wettkämpfen schwere Verletzungen davonzutragen. „Alle Vereine sind dazu verpflichtet, dass jeder Sportler einmal jährlich gesundheitlich kontrolliert wird“, sagt Leinbach. Bei diesem Medizincheck werde breit untersucht – von Blutwerten über Gewicht bis hin zum Herz-Kreislauf-System. Zwar sei eine solche Untersuchung laut HBV-Präsident Daniel Tischer auch auf AIBA-Ebene verpflichtend. Ob beziehungsweise in welcher Form und Konsequenz sie in anderen Ländern durchgeführt wird, lasse sich aber nur schwer nachvollziehen, gibt Leinbach zu bedenken.

Tischer führt überdies an, dass man über die Trainingsumstände des Jordaniers kaum etwas wisse. „Bei uns wird in der C-Trainer-Ausbildung vermittelt, dass es verpflichtend ist, mit Handschuhen und Kopfschutz zu trainieren“, erläutert Tischer. Als Folge des tragischen Vorfalls hat der Hessische Boxverband noch mal vorsorglich in einer Rundmail alle Trainer und Vereine an diese Ausbildungsstandards erinnert.

Grundsätzlich werfe die Vorbereitung Fragen auf. Tischer: „In Jordanien gibt es sicher nicht die Masse an jungen Sportlern wie bei uns. Wahrscheinlich hat der junge Boxer deshalb mit Erwachsenen trainiert.“ Hierzulande gebe es derweil eine Struktur, die sicherstelle, dass sich Sportler desselben Leistungsstands messen oder miteinander trainieren können.

Vorgabe: Kampf nach Wirkungstreffern abbrechen

Zu den Sicherheitsvorkehrungen im Wettkampfgeschehen gehört, „dass der Ringrichter einen Kampf sofort abbricht, sobald ein Wirkungstreffer gefallen ist, der Sportler also zum Beispiel angeknockt wirkt, wenn schon bis acht gezählt wurde. Die Entscheidung wird immer für den Sportler getroffen“, betont Tischer.

Was nach derartigen Wirkungstreffern passiert, ist für Vardan Arakelyan entscheidend. Der gelernte Sport- und Physiotherapeut ist Coach beim 1. Box-Club, hat die Trainer-C-Lizenz und kümmert sich um physiotherapeutische Belange in der HBV-Ausbildung. Er meint: „Trainer und Vereine sollten ihre Sportler grundsätzlich medizinisch durchchecken lassen, wenn sie in einem Kampf K.o. gegangen sind. Wenn man Pech hat, ist da nur ein kleines Gerinnsel im Gehirn.“ In diesem Fall reichten anschließend schon leichte Schläge im Training für schwerwiegende Folgen. Die obligatorische, zeitlich befristete Sperre nach einem K.o. sei richtig, aber nicht zwingend ausreichend.

Beim 1. BC achte man laut Leinbach „ganz bewusst darauf, dass es keine Schlägereien im Ring gibt“. In der Ausbildung spiele eine saubere technische Ausführung die überragende Rolle. Auch Tischer betont, dass „gewisse Formen des Verteidigens“ fundamental seien. „In dem Kampf des jungen Jordaniers war auffallend, dass er sehr offensiv orientiert geboxt hat“, stellt Tischer nach der Sichtung des Videomaterials fest.

Von Marcello Di Cicco