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Lokalsport Was wird aus den Härtefällen?
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12:00 21.05.2020
Emsdorfs Hasan Tarkan Naziyok (Mitte) umspielt die Cappeler Maxim Sajzew (links) und Niklas Kornmann.  Quelle: THORSTEN RICHTER
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Marburg

Tobias Quentin ärgert sich. Im Nachhinein. Über die bittere 0:1-Niederlage des TSV Caldern, dessen Vorsitzender er ist, Ende November in der Kreisliga B Marburg II gegen den VfB Wetter II. In der 93. Minute traf das Team von der Wetschaft – nach einer strittigen Schiedsrichter-Entscheidung, hadert Quentin.

Letztlich könnte es so kommen, dass jenes eine Gegentor über Aufstieg und Nichtaufstieg entscheidet. Denn sollte der virtuelle Verbandstag des Hessischen Fußball-Verbandes (HFV) – was sehr wahrscheinlich ist – Mitte Juni den Empfehlungen des Verbandes folgen und die Saison abbrechen, dann würde es Direktaufsteiger, aber keine Absteiger geben – und womöglich auch keine Aufsteiger, die in Relegationen beziehungsweise Aufstiegsspielen ermittelt werden. Der HFV will sich dazu bis zum Verbandstag beraten (die OP berichtete).

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Den TSV Caldern würde ein solches Szenario treffen. Denn nach der sogenannten Quotienten-Regelung würde das Team aus der Gemeinde Lahntal von Rang eins auf Platz zwei abrutschen – hinter den punktgleichen Zweiten VfB Wetter II, der ohne den 1:0-Sieg gegen Caldern nun nicht Erster wäre. Bitter für Caldern, denn „wir haben uns darauf eingestellt, dass wir aufsteigen und uns schon in der Winterpause personell verstärkt“, sagt Quentin. „Wir wären bereit für die A-Liga.“

Eine sportliche Lösung zu finden, ist in der jetzigen Situation schwierig“, weiß VfB Wetters Vorsitzender Armin Schmidt – und spricht damit allen befragten Vereinsverantwortlichen aus der Seele. Denn sie wissen, dass es von Verbandsseite nicht möglich sein wird, allen Mannschaften gerecht zu werden.

Spezielle Situation bei Erksdorf und Cappel

Besonders knifflig stellt sich die Situation in der Kreisoberliga Nord dar: Sowohl der SV Emsdorf als auch der FSV Cappel haben 21 Spiele und 46 Punkte auf dem Konto, also auch denselben Quotienten (2,19). Der direkte Vergleich endete im vergangenen November unentschieden, sodass Emsdorf nur aufgrund der besseren Tordifferenz Erster ist und damit Direktaufsteiger wäre – der FSV nicht. „Für Cappel werden wir uns einsetzen müssen, eine Einzelfallprüfung hinzubekommen“, sagt Peter Schmidt angesichts dieser sehr speziellen Situation. Der Marburger Kreisfußballwart weiß aber auch: „Bei allen Modellen gibt es Gewinner und Verlierer.“

Das weiß Hendrik Kläs von der Sportlichen Leitung der Emsdorfer aus eigener Erfahrung. „In der vergangenen Saison sind wir aufgrund des direkten Vergleichs nur Dritter geworden. Sport kann manchmal hart sein, aber für Cappel täte es mir leid“, räumt er ein – zumal sich der FSV in den vorangegangenen Videokonferenzen „absolut sportlich verhalten“ und die Situation akzeptiert habe. Das macht auch Cappels Sportlicher Leiter Mario Lefebre gegenüber der OP klar: „So wie es entschieden wird, akzeptieren wir es. Da sind nun einige Ehrenamtler beim Verband in der Verantwortung, die einen schwierigen Job haben“, gibt Lefebre zu bedenken, aber er räumt ein: „Klar würden wir uns freuen, wenn wir mit aufsteigen dürften.“

Während die Cappeler also noch auf die Verbandsentscheidungen warten müssen, ist der erstmalige Aufstieg der Emsdorfer in die Gruppenliga Gießen/Marburg sehr wahrscheinlich. Es wäre der dritte Klassensprung für die Ostkreisler binnen drei Jahren.

Eine ähnlich enge Entscheidung wie in der Kreisoberliga gibt es in der Kreisliga A Marburg, in der der ausschlaggebende Quotient nur denkbar knapp zugunsten des Tabellenführers SV Großseelheim (2,57) gegenüber dem ersten Verfolger TSV Amöneburg (2,56) entscheiden würde. „Wir hätten den Aufstieg verdient, hätten es aber gerne auf sportlichem Weg gelöst“, sagt Großseelheims Spielausschuss-Obmann Uwe Klingelhöfer, für den der entscheidende Faktor ist, dass der SVG häufiger auf benachbarte Kunstrasenplätze ausgewichen ist, um spielen zu können. „Das hat uns zwar mehr Geld gekostet, aber letztlich die Meisterschaft gebracht“, meint Klingelhöfer. Zum Hintergrund: Das Team aus dem Kirchhainer Stadtteil hat 19 und damit drei Partien mehr absolviert als Amöneburg.

Große Wünsche, wenig Hoffnung

Aufseiten der „Berger“ würde man die bittere Pille ohne Murren schlucken, lässt TSV-Sprecher Volker Schlosser durchblicken: „Es ist eine schwierige Situation und kein Wünsch-dir-was. Es war doch klar, dass es Härtefälle geben wird. Dass es uns trifft, ist natürlich blöd.“ Ähnlich wie beim A-Kreisligisten gibt es beim FSV Schröck leise Hoffnungen, dass über eine Sonderregelung vielleicht doch noch etwas möglich ist in Sachen Aufstieg. Das Team vom Elisabethbrunnen belegt in der Gruppenliga Gießen/Marburg Rang drei und wäre damit berechtigt, an den Aufstiegsspielen zur Verbandsliga Mitte teilzunehmen. „Wir hoffen noch, in eine Ausnahmeregelung hineinzurutschen. Mannschaft, Verein und Fans hätten es verdient“, meint Schröcks Vorsitzender Bernhard Mankel. Beim vorsichtigen Blick in die Glaskugel räumt er aber ein: „Die Hoffnung ist nicht sehr groß.“

Womöglich könnte der Fall Hessen Kassel den heimischen Teams auf den Relegationsplätzen Hoffnung machen. Der Hessenliga-Zweite sieht sich benachteiligt, wenn bei einer Corona-bedingten Abweichung von der Spielordnung zwar der Meister der Regionalliga Südwest aufsteigt und kein Team absteigt, aber den Tabellenzweiten der unteren Ligen jenes Recht verwehrt wird. Normalerweise würden die Zweiten der Oberligen Rheinland-Pfalz/Saar, Baden-Württemberg und der Hessenliga-Zweite einen weiteren Aufsteiger ausspielen; Kassel hat in dieser Dreier-Konstellation den besten Quotienten und würde somit „hoch gehen“. HFV-Präsident Stefan Reuß hatte sich jüngst gegenüber dem Hessischen Rundfunk dafür stark gemacht, Kassel aufsteigen zu lassen. Auf seiner Homepage hat der KSV bereits angekündigt, juristische Schritte in Erwägung zu ziehen für den Fall, dass es zur vom KSV befürchteten Entscheidung kommt.

Für Schmidt ist klar, dass „klassenweise keine Unterschiede gemacht werden dürfen“. Zwar dürften die unteren Ligen durch eine Sonderregelung und damit verbundene Aufstiege nicht „leergespielt“ werden. „Sollte Kassel sein Anliegen durchsetzen, werden auch wir keine Ruhe geben, damit auch alle anderen Zweiten ihr Recht bekommen. Dazu bedarf es aber zunächst einer rechtlichen Prüfung“, mahnt der Marburger Kreisfußballwart zu Geduld.

VON MARCELLO DI CICCO

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