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Lokalsport Wie geht’s weiter nach der Frauen-EM?
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20:00 01.08.2022
Nationalspielerin Alexandra Popp.
Nationalspielerin Alexandra Popp. Quelle: Nick Potts
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Marburg

Durchschnittlich 17,897 Millionen Menschen sahen am Sonntag in der ARD das EM-Finale der Frauen, viele davon litten mit den deutschen Fußballerinnen nach der 1:2-Niederlage nach Verlängerung gegen die Gastgeberinnen aus England.

Nach dem begeisternden Auftritt der DFB-Elf bei dem Kontinentalturnier ist die Hoffnung bei Verbänden und in Vereinen groß, dass der Frauen- und Mädchenfußball jenen Schub bekommt, der nach der verpatzten Heim-WM 2011 ausblieb. Seitdem hat sich die Zahl der Mädchenteams in Hessen fast um die Hälfte reduziert. Und nun?

„Wahnsinniger Zulauf im Mädchenbereich“

„Wir erhoffen uns was durch die EM“, sagt Rainer Beckmann, Vorsitzender und Trainer der U-14-Juniorinnen beim Jugendförderverein (JFV) Ebsdorfergrund, bei dem bereits 60 Mädchen in vier Teams von der U 10 bis zur U 16 kicken. Bis es so weit ist, dürfte es aber noch bis zum Beginn des Schuljahres dauern, meint Daniel Goy, langjähriger Funktionär im Frauen- und Mädchenbereich der Sportfreunde Blau-Gelb Marburg. Die Schulferien könnten den Zulauf in den Vereinen verzögern, da derzeit weder Trainings- noch Spielbetrieb stattfindet. Aus diesem Grund sei ein Hype als unmittelbare Folge der deutschen EM-Spiele (noch) nicht sichtbar – was allerdings keineswegs bedeutet, dass es kein Interesse bei den Jüngsten gibt – ganz im Gegenteil.

„Wir haben einen wahnsinnigen Zulauf im Mädchenbereich“, sagt Reinhard Ried, Sprecher des RSV Roßdorf. Bei einem Probetraining vor anderthalb Jahren kamen sieben Mädchen, inzwischen seien es bereits 22, zwei Teams kann der Verein damit stellen.

Was zu tun ist

Für Rainer Beckmann (JFV Ebsdorfergrund) ist klar: Um die Euphorie der EM mitzunehmen, müsse man an die Basis. „Wir gehen an die Grundschulen im Ebsdorfer Grund, um kleine Mädchen anzusprechen. Zudem machen wir ein Schnuppertraining für die Kleinen“, sagt Beckmann.

Dieter Stumpf (RSV Roßdorf) plädiert dafür, die Anforderungen des Trainerscheins aufzuweichen. „Die Hürden, um ein Team zu trainieren, sind zu hoch. Jeder steht schließlich auch im Berufsleben“, sagt der langjährige Coach.

Für bessere Trainingsbedingungen, um den Frauen- und Mädchenfußball zu stärken, spricht sich Daniel Goy (SF BG Marburg) aus. „Wir haben knapp 27 Mannschaften, da wird immer noch um Trainingszeiten und -plätze gekämpft.“ Auch ein „finanzieller Anreiz“ könne helfen, Spielerinnen bei der Stange zu halten – bei den SF BG bekomme keine Spielerin Geld. „Würde eine Spielerin 200 bis 300 Euro bekommen, müsste sie vielleicht abends nicht arbeiten gehen“, sagt Goy, der aber auch weiß, dass ein Etat von etwa 50 000 pro Jahr dafür für Vereine „völlig illusorisch“ sei. Für potenzielle Geldgeber sei Frauenfußball schlichtweg „viel zu uninteressant“.

Dass der Hype von Dauer bleibt, glaubt Roßdorfs Trainer Dieter Stumpf dennoch nicht: „Wir werden einen Zuwachs an jungen Fußballerinnen bekommen, an einen andauernden Hype glaube ich aber nicht“, sagt er. Einige Mädchen stellten im Trainingsbetrieb schnell fest, dass „es auch mal anstrengend ist, dass man regelmäßig trainieren muss“.

Von Marcello Di Cicco