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„Zunächst zählt der gesunde Menschenverstand“
„Zunächst zählt der gesunde Menschenverstand“
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14:58 17.06.2021
„Die ersten vier Tage waren richtig eklig“: Del-Angelo Williams (links, gegen Aalens Oliver Oschkenat) gehörte zu jenen Spielern von Fußball-Regionalligist Eintracht Stadtallendorf, die sich nach einer Corona-Infektion zurückkämpfen mussten.
„Die ersten vier Tage waren richtig eklig“: Del-Angelo Williams (links, gegen Aalens Oliver Oschkenat) gehörte zu jenen Spielern von Fußball-Regionalligist Eintracht Stadtallendorf, die sich nach einer Corona-Infektion zurückkämpfen mussten. Quelle: Tobias Hirsch
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Marburg

Sportartübergreifend atmen viele Breitensportler dieser Tage auf. Angesichts sinkender Corona-Infektionszahlen gibt es Lockerungen in vielen gesellschaftlichen Bereichen – auch im Amateursport. Der Trainingsbetrieb in voller Mannschaftsstärke ist unter bestimmten Voraussetzungen wieder möglich; in vielen Sportarten steht bereits fest, wann die Wettkampfsaison losgeht. Im Bereich des Hessischen Fußball-Verbandes soll die Saison offiziell am 15. August starten, die Basketballer und Volleyballer legen im September wieder los, die Handballer Ende Oktober (die OP berichtete).

Für einige Sporttreibende ist der Re-Start eine besondere Herausforderung – nicht nur, weil lange Zeit kein Vereinstraining möglich war (siehe Infobox), sondern auch, weil sie eine Corona-Infektion hinter sich haben, die Unsicherheiten birgt. Die Fußballer des TSV Eintracht Stadtallendorf waren in den vergangenen Monaten eine der wenigen Mannschaften, die in der als Profi-Spielklasse anerkannten Regionalliga Südwest spielen durften – und auch sie waren von Infektionsfällen hart getroffen.

Heftiger Schüttelfrost

Stürmer Del-Angelo Williams gehörte zu jenen Spielern, die sich Ende Februar infizierten. Zu Beginn der Erkrankung, in der Nacht nach dem Spieltag, habe er bereits unter heftigem Schüttelfrost gelitten. „Am Sonntagmorgen dachte ich dann, ein Lkw hätte mich überfahren“, erzählt der 27-Jährige, der unter starken Kopfschmerzen, Gliederschmerzen und Fieber litt, zudem keinen Geruchssinn hatte. „Die ersten vier Tage waren richtig eklig“, erinnert sich der Stürmer.

Williams ist bekannt für seinen dynamischen Antritt und sein hohes Laufpensum. Exakt einen Monaten nach seiner Infektion stand er nach vorheriger sportmedizinischer Untersuchung erstmals wieder auf dem Platz – beim 1:6 gegen den FC-Astoria Walldorf, gegen den Williams für 22 Minuten spielte, um dem personell gebeutelten Team auszuhelfen. Mehr war nicht drin, zumal er erst eine Trainingseinheit in den Beinen hatte. „Nach dem Spiel war ich völlig tot“, erzählt Williams, der sich an eine Szene erinnerte, in der ihm nach einem Zwischenspurt sogar die Luft fehlte, um einem Mitspieler etwas zuzurufen.

Nicht versuchen ein „Held“ zu sein

Williams ist nur einer von vielen Sportlern, die der Krankheitsverlauf körperlich zurückwarf. Doch was tun, wenn man eine Corona-Infektion hinter sich hat und nun wieder ins regelmäßige Training einsteigen will? „Zunächst zählt der gesunde Menschenverstand“, sagt Professor Dr. Ralph Beneke, geschäftsführender Direktor des Instituts für Sportwissenschaft und Motologie der Philipps-Universität Marburg. „Man sollte in sich hineinhören und auf keinen Fall versuchen, ein Held zu sein, wenn man sich nicht gut fühlt. Dann sollte man dies auch klar kommunizieren“. Etwa dem Übungsleiter.

Eine pauschale Empfehlung auszusprechen, was zu tun ist, sei nicht möglich. Denn was akut mittel- oder langfristige Begleiterscheinungen von Corona-Infektionen angehe, lerne die Wissenschaft ständig dazu - ebenso bei der Frage möglicher Impfreaktionen von Sportlern. Schließlich handele es sich bei neuen Impfstoffen auch um eine neue Form der Therapie. Und bei Corona „um ein rennendes Ziel“, bringt es Beneke auf den Punkt. „Es gibt keine Blaupause, was nach welchem Krankheitsverlauf zu tun ist. Dafür müssen wir noch zu viel lernen“, sagt der Mediziner.

Präventiv-sportmedizinische Untersuchung

Eine sportmedizinische Untersuchung oder ein Check beim Hausarzt schade sicher nicht, meint Beneke, der jedoch zu bedenken gibt, „dass man bei einer sportärztlichen Untersuchung nicht unbedingt etwas diagnostiziert, was immer noch eine verminderte Belastbarkeit zeigt oder etwas, was noch im Körper schlummert“. Dennoch sei es - abhängig vom Alter – ratsam, eine präventiv-sportmedizinische Untersuchung machen zu lassen, die man auch nach einer längeren Sportpause machen würde.

Aus eigener Erfahrung rät Del-Angelo Williams anderen Sporttreibenden, es behutsam anzugehen, wenn man von einer Infektion genesen ist. „Ich bin kein Arzt“, sagt Williams, „aber das Risiko einer Herzmuskelentzündung ist nicht zu unterschätzen“, gibt der Leistungssportler zu bedenken.

Experten-Tipp: Sportartspezifische Grundlagen in Fokus rücken

Mehr als sieben Monate ruhte für die heimischen Amateurfußballer der Trainingsbetrieb in voller Mannschaftsstärke. Die hiesigen Handballer traf es besonders hart: Kurz vor dem Start der Saison im vergangenen Herbst wurde jene erst auf Eis gelegt, dann annulliert, sodass für die meisten Sporttreibenden das letzte Punktspiel schon mehr als ein Jahr zurückliegt. Individuell oder mit

sogenannten Team-Challenges hielten sich zahlreiche Sportler in den vergangenen Monaten fit (die OP berichtete).

Entsprechend dürften in vielen Teams zumindest die körperlichen Grundlagen vorhanden sein. Was fehlt, ist wohl eher der Feinschliff. „Man muss nun an die sportartspezifischen Bewegungen herangehen – etwa wie nach einer längeren Wettkampfpause aufgrund einer größeren Verletzung“, ordnet Professor Dr. Ralph Beneke, geschäftsführender Direktor des Instituts für Sportwissenschaft und Motologie der Philipps-Universität Marburg, ein. Eine neue Situation herrsche insbesondere für Übungsleiter und Übungsleiterinnen vor, „in teilweise modifizierten Rahmenbedingungen des Trainings die Mannschaften wieder an diese Spezifika heranzuführen“, sagt RalphBeneke.

Von Marcello Di Cicco