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14,5 Stunden für drei Spiele
14,5 Stunden für drei Spiele
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14:58 27.03.2021
Sichtlich erschöpft: der Marburger Rainer Kuhlmey (rechts) mit seinem Gegner Frank Froehling aus den USA nach dem Match in der ersten Hauptrunde der French Open 1971.
Sichtlich erschöpft: der Marburger Rainer Kuhlmey (rechts) mit seinem Gegner Frank Froehling aus den USA nach dem Match in der ersten Hauptrunde der French Open 1971. Quelle: Privatfoto
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Gisselberg

Jimmy van Alen hieß der Mann, der 1963 den Tiebreak erfunden hatte. 1970 wurde der ins Tennis-Regelwerk aufgenommen, bei den French Open aber erst 1973 eingeführt – und damit zwei Jahre, nachdem Rainer Kuhlmey in der Qualifikation zum Pariser Grand-Slam-Turnier einen Rekord aufstellte, der aller Wahrscheinlichkeit nach nie mehr gebrochen wird.

Rund 50 Jahre ist es nun her. Manche Erinnerungen an seine Karriere als Tennisspieler sind verblasst, andere noch sehr präsent. Manches erscheint ihm im Rückblick wie ein „Märchen aus tausendundeiner Nacht“, wie es der 78-Jährige formuliert. Seinem Sohn ist er sehr dankbar – der hatte vor einiger Zeit im Internet gesucht, Ergebnisse und Berichte von Matches gefunden, an die Rainer Kuhlmey teilweise über Jahrzehnte nicht gedacht hatte. Etwa Spiele bei einem stark besetzten Turnier 1968 in Monte Carlo: Der Marburger gewann vier Begegnungen, zog ins Halbfinale ein. Dort war dann Schluss – mit 1:6, 2:6 gegen den Franzosen Patrick Proisy, der später bis auf Platz 16 der Weltrangliste kletterte und 1972 ins French-Open-Finale einzog.

Rainer Kuhlmey

1967 hatte Kuhlmey in Nizza ein Viertrunden-Match gegen Ilie Nastase bestritten. Zwar unterlag er mit dem Rumänen, der später insgesamt sieben Grand-Slam errang – zwei davon im Einzel – und 1973 an die Spitze der Weltrangliste kletterte, mit 1:6 und 4:6, verdiente sich aber ein Lob, ist noch heute stolz darauf. Ebenso auf seine Siege bei einem Turnier in Nizza im Jahr 1970: Sowohl der Franzose Patrice Dominguez, den er mit 6:3, 6:4 bezwang, als auch José Higueras aus Spanien, den er mit 6:4, 4:6, 6:2 besiegte, etablierten sich über viele Jahre in der erweiterten Weltspitze.

Los ging es beim Marburger TC. Rainer Kuhlmey hatte Talent, wurde durch Trainer Erwin Blenk gefördert. Überwiegend spielte er in Deutschland, gewann nicht nur kleinere Turniere, sondern mit dem Team von Eintracht Frankfurt 1968 auch den nationalen Mannschaftstitel. Auftritte im Ausland waren für ihn Highlights, aber auch finanzielle Kraftakte: Preisgelder deckten kaum seine Kosten, bei den French Open 1971 war das nicht anders. Immerhin 600 Francs, umgerechnet etwas weniger als 400 Mark, erhielt er für den Einzug in die erste Hauptrunde. Doch der Wert, den das damals Erreichte für ihn auch ein halbes Jahrhundert später noch hat, ist ohnehin nicht monetär zu bemessen.

Surreal wirkt auf ihn nach all den Jahren, was er im Mai 1971 erlebte, was er erreichte. Die erste Hauptrunde bei einem der bedeutendsten Tennisturniere der Welt schien für ihn ganz weit weg, als er in die Qualifikation startete. Gegen Bernard Fuzet, einen der besten Spieler Frankreichs, setzte er sich mit 7:5, 6:2, 4:6 und 10:8 durch. Viereinhalb Stunden dauerte das Match – im Rückblick lässt sich sagen: nur. Weiter ging es gegen Derek Schroder, die damalige Nummer drei Australiens. Mit 6:1 entschied der Marburger den ersten Satz für sich. Danach ging es richtig eng zu, schenkten sich die Kontrahenten nichts. Mit 10:8 holte sich der Deutsche auch den zweiten Durchgang, Schroder glich mit 8:6 und 7:5 aus. Ziemlich genau fünf Stunden waren gespielt, als der starke Aufschläger Kuhlmey im finalen Durchgang seinen Matchball zum 11:9 verwandelte.

Eigentlich, sagt der 78-Jährige, der in Gisselberg lebt, sei er nicht besonders nervenstark gewesen – in diesen Begegnungen war er es, auch in der dritten, der letzten in der Qualifikation: Gegen Alain Bouteleux holte er den ersten Satz mit 10:8, verlor den zweiten mit 3:6, ging mit 7:5 erneut in Führung, war beim 8:10 nah dran an einer früheren Entscheidung. Wieder musste ein fünfter Satz entscheiden, wieder war es eng, wieder hatte Kuhlmey das bessere Ende für sich – mit 8:6. Erneut standen fünf Stunden auf der Uhr.

Insgesamt 14,5 Stunden an drei Tagen, nach Recherchen des Marburgers ist das eine Marke, die es in der Qualifikation des Turniers vorher nie gegeben hat, nachher auch nicht. Nicht nur, dass längst der Tiebreak eingeführt wurde, auch sind in der Qualifikation des „Tournoi de Roland Garros“, so der offizielle Name, inzwischen nur noch zwei gewonnene Sätze für den Sieg nötig.

Kuhlmey hatte die erste Hauptrunde erreicht. Er war geschwächt, mobilisierte aber noch mal die letzten Kräfte. Mehr als zwei Stunden kämpfte er gegen den späteren Halbfinalisten Frank Froehling aus den USA, gab sich nie auf, die glatte Drei-Satz-Niederlage (4:6, 3:6, 3:6) konnte er jedoch nicht verhindern. Glücklich und stolz war er dennoch, erinnert er sich – und endgültig platt. Ray Moore, ein Südafrikaner, fragte ihn, ob er nicht noch Doppel mit ihm spielen wolle. „Gewollt“, sagt Rainer Kuhlmey 50 Jahre später, „hätte ich. Aber ich war einfach kaputt. Da ging nichts mehr.“

Von Stefan Weisbrod