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Lokalsport Der schwierige Weg in die Normalität
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09:00 27.12.2019
Niederwalds Philipp Mensdorf (rechts) läuft in dieser Szene Patrick Happel vom TSV Ernsthausen davon. Die VfR-Fußballer engagieren sich auf, aber auch abseits des Sportplatzes. Quelle: Melanie Weiershäuser
Niederwald

Nach dem 3. Oktober 2018 war beim VfR Niederwald kaum noch etwas wie vorher. „Im Verein herrschte eine miese Stimmung“, beschreibt Klaus Michel, erst seit Januar als Vorstandsvorsitzender in offizieller Funktion beim B-Kreisligisten, die kollektive Gemütslage. An diesem Tag der Deutschen Einheit ereignete sich jener Vorfall, den der etwa 200 Mitglieder umfassende Verein für Rasenspiele noch lange danach beschäftigten sollte.

Spieler und Verantwortliche des VfR attackierten während und nach einer Partie in Schönstadt den Schiedsrichter massiv verbal und sogar körperlich. Die Begegnung stand kurz vor dem Abbruch. Die Vorfälle landeten danach vor dem Kreissportgericht (die OP berichtete mehrfach ausführlich).

Als Zuschauer seinerzeit beim Spiel vor Ort: Klaus Michel sowie Heiko Schaub, inzwischen Sportlicher Leiter der Niederwälder. „Wir haben die Vorfälle schon direkt nach dem Spiel aufs Schärfste verurteilt. Ich hatte mich damals fremdgeschämt“, gesteht Michel.

In der Folge kämpfte der Klub aus dem Kirchhainer Stadtteil vehement gegen sein negatives Bild in der Öffentlichkeit. Sponsoren kehrten dem Verein, in dem neben den Senioren- und Altherren-Fußballern noch eine Frauen-Gymnastikgruppe organisiert ist, den Rücken. „Ein Geschäftsmann sagte zu mir: ‚So lange die Angelegenheit nicht geklärt ist, möchte ich, dass meine Werbebande abgehängt wird. Bei diesem Verein mache ich keine Werbung.‘“

Hintergrund

Das Fair Play Forum des Hessischen Fußballs sensibilisiert für Gewaltprävention, Integration und Fair Play. Zu diesen Themenblöcken bietet es Vereinen verschiedene Vernetzungs- und Beteiligungsmöglichkeiten an – etwa in Form von (Kurz-)Schulungen oder Workshops. In den zwei heimischen Fußballkreisen zählen die Schiedsrichtervereinigung Marburg, der 
TuSpo Breidenstein, FSV Cappel, VfL Dreihausen, SV Emsdorf, VfB Marburg, VfR Niederwald und JFV Stadtallendorf/Ostkreis zu den Mitgliedern. Zu den zehn Botschaftern des Forums gehört unter anderem Ex-Profi Alexander Huber aus Neustadt.
Informationen gibt es im Internet unter www.fairplay-hessen.de.     

Auch einen Schwund an Mitgliedern gab es. „Erstens, weil wir die Mitgliederbeiträge erhöht haben und zweitens wegen der Vorfälle in Schönstadt. Davon bin ich überzeugt“, sagt Michel, der die Zahl der Austritte in 
der Folge auf knapp 30 schätzt.

Darüber hinaus galt es, interne Probleme anzupacken, denn der Vorstand war nicht komplett besetzt. „Die Hauptfrage war: ‚Wie geht‘s jetzt weiter?‘ Es mussten sich erst Personen finden, die den Verein führen wollen“, erläutert Michel. Eine Vorstandsfindungsgruppe wurde deshalb installiert, sie sollte letztlich Erfolg haben. Die sportlichen Probleme waren damit allerdings keineswegs vom Tisch.

„Mein Gefühl war, dass kein Spieler mehr für den VfR auflaufen wollte, sodass es nicht erst fünf vor zwölf, sondern schon drei vor zwölf war“, verdeutlicht Michel die prekäre Lage, nachdem die kurzzeitige Spielsperre für das gesamte Team abgelaufen war.

„Im ersten Spiel nach der Sperre hat man gemerkt, wie groß die Verunsicherung bei den Spielern war, bloß nichts falsch zu machen“, sagt Michel. Langfristige Ausfälle von zwei Kickern, die kurz nach dem Skandalspiel mit längeren Sperren bestraft wurden, erschwerten die schon zuvor angespannte personelle Situation bis zur Winterpause 2018/2019 und darüber hinaus.

Vorstand gibt einen Verhaltenskodex vor

„In der Rückrunde war die Situation so fatal, dass wir kaum noch Spieler hatten“, sagt Michel. „Es ging für uns eigentlich nur ums Überleben“, ergänzt Heiko Schaub, der im zweiten Saisonabschnitt als 44-Jähriger selbst noch mal die Schuhe schnürte – notgedrungen. „Man muss dem Verein hoch anrechnen, dass es ihm gelang, trotz dieser Widrigkeiten den Spielbetrieb aufrechtzuerhalten“, lobt Günter Stiebig, der dem VfR seit einigen Monaten als Vereinsservice-Assistent beratend zur Seite steht.

Bereits nach der Schiedsrichter-Attacke hatte im Verein ein Prozess der Erneuerung begonnen – was das Personal, aber auch den Anspruch angeht, wie die Mannschaft bei Fußballspielen auftritt. Mit der Installation des neuen Trainerduos Stefan Backes/Manfred Schmidt kommunizierte die Vereinsführung einen Verhaltenskodex. Michel: „In der ersten Spielersitzung im Februar habe ich mich vor die Mannschaft gestellt und gesagt: ‚Blendet aus, was im Oktober passiert ist.

Aber sobald jemand gegen den Schiedsrichter oder einen Gegenspieler vorgeht, kann er seine Tasche packen und braucht nicht mehr wiederzukommen.‘“ Eine klare Ansage, die der Verein Ende vergangener Runde in die Tat umsetzte, als sich ein Spieler während einer Partie bedrohlich vor einem Referee aufbaute. Der VfR trennte sich von dem Kicker. Zugleich sorgte die neue Philosophie dafür, dass Sponsoren zurückkehrten.

Des Weiteren sei der Strafenkatalog verschärft worden – auf Initiative der Mannschaft hin. „25 Euro kostete vorher eine Rote Karte, mittlerweile sind es schon 50“, sagt Michel. Und siehe da: Nach der Hälfte der laufenden Saison verbuchen die Fußballer drei Gelb-Rote Karten und keinen roten Karton; in der gesamten Vorsaison waren es je sieben. Zudem würden nun Spieler persönlich zur Kasse gebeten, sollte der Verein mit Strafen belegt werden, die in Zusammenhang mit Schiedsrichter-Vergehen stehen.

Fair-Play-Banner am Vereinsgelände

Jene zwei Spieler, die seinerzeit in Schönstadt wegen ihrer Beleidigungen und Tätlichkeiten gegen den Unparteiischen besonders für Aufregung sorgten und lange gesperrt wurden, schnüren weiterhin die Schuhe für Niederwald – und dies ist von den Beteiligten so gewollt. „Wir haben bei dieser Entscheidung zuerst mit uns gehadert“, räumt Michel ein, „sind nach Rücksprache mit der Mannschaft aber übereingekommen: Wenn beide spielen wollen, können sie es – dann aber nach unseren Regeln. Zudem haben wir ihnen klargemacht, dass sie sich im Verein engagieren müssen.“

Dies täten beide auch. „Wer im Sommer am Vereinsgelände vorbeifährt, sieht den einen Spieler den Rasen mähen. Der andere schenkt das Bier an der Theke aus“, veranschaulicht Schriftführer Niklas Noeth – und betont: „Beide sind sich darüber im Klaren, wie dumm es war, was sie gemacht haben.“

Inzwischen schreibt sich der VfR Niederwald Fairness groß auf die Fahnen – und dokumentiert dies auch in Form von Fair-Play-Bannern am Vereinsgelände. Seit vier Wochen gehört der B-Ligist dem Fair Play Forum Hessen (siehe Hintergrund-Kasten) an. Die Anregung dazu kam von Günter Stiebig.

Anregung vom früheren OFC-Trainer Günter Stiebig

Der in Mittelhessen bekannte Trainer (unter anderem Kickers Offenbach) ist beim Hessischen Fußball-Verband (HFV) für die Kreise Marburg und Alsfeld als Vereinsservice-Assistent zuständig, vermittelt dabei Kontakte und berät Vereine – vom Brunnenbau über die Digitalisierung von Spielerpässen bis hin zur Frage, was Vereine tun können, die sich in einer Situation befinden, wie sie sich beim VfR Niederwald darstellt.

„Lösungen müssen für Vereine immer individuell sein. Es gibt keine pauschalen Maßnahmen“, betont Stiebig, der sich – auch außerhalb seines Einsatzgebietes – stets zuerst vor Ort ein Bild der Lage macht. Beim VfR will man keinen Zweifel daran lassen, dass man künftig mit gutem Beispiel vorangeht.

Erst kürzlich sammelte die Mannschaft bei der Weihnachtsfeier 250 Euro, die der Verein um 50 Euro aufstockte, um sie der Kinder- und Jugendpsychiatrie des UKGM Marburg zu spenden. Auf dem Sportfest im kommenden Jahr, wenn der Verein sein 100-jähriges Jubiläum feiert, wollen die Niederwälder das Thema Fair Play „auf jeden Fall einfließen lassen“, kündigt Schaub an.

Zudem hoffen die Verantwortlichen, dass der VfR als Netzwerkpartner des Forums ein positives Vorbild wird. Michel: „Vielleicht ist unsere Teilnahme am Fair Play Forum ein Anstoß für andere Vereine, die womöglich kleiner gelagerte Probleme in dieser Hinsicht haben und nun mit uns auf den Zug aufspringen wollen.“ Denn eines kann man nach 14 aufreibenden Monaten in Niederwald festhalten: „Der Vorfall in Schönstadt hat uns viel Geld, Zeit und Nerven gekostet“, sagt Noeth, „aber wir haben daraus gelernt.“     

von Marcello Di Cicco